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BUNDESTREFFEN 2008

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38. Bundestreffen "Unvergessenes Bessarabien" wird zum unvergesslichen Erlebnis

BUNDESTREFFEN  2008Bundespräsident Horst Köhler: „Habe mich immer gefreut, wenn ich auf meine bessarabiendeutsche Wurzeln angesprochen wurde.“

Sonntag morgen, 8:00 Uhr, am Forum in Ludwigsburg. Hier beginnt um 10:00 Uhr das 38. Bundestreffen der Bessarabiendeutschen. Noch ist alles recht ruhig. Die ersten Besucher treffen ein und schlendern langsam durch die Eingangshallen, bleiben nach und nach bei den Ausstellungs- und Bücherständen stehen und pendeln teils andächtig, teils miteinander vergnügt plaudernd, weiter in Richtung Theatersaal. Dieser ist noch verschlossen. Eine Gruppe Hostessen achtet darauf, dass ihn niemand betritt. Ab und an patrouilliert die Polizei, und auch eine Staffel mit Spürhunden versieht ihren Dienst. „Wir können den Saal erst freigeben, wenn alles nach Sprengstoff abgesucht ist“, lautet die Auskunft des Bereitschaftsführers.
Das hört sich sehr aufregend an. Ist es ja auch, denn schließlich wird Bundespräsident Horst Köhler mit seiner Ehefrau Eva Luise am Bundestreffen teilnehmen und eine Rede halten. Die Vorhallen füllen sich mehr und mehr. Es geht auf neun zu. Plötzlich kommt das erlösende Signal und die Besucher können ihre Plätze im Theatersaal einnehmen. Um halb zehn ist dieser bereits fast bis auf den letzten Platz besetzt. Die Besucher sputen sich noch, denn Punkt 9:45 soll dieser geschlossen werden. Dann darf keiner mehr raus noch rein. Und auch auf dem Weg vom Eingang hin zum Theatersaal muss alles geräumt sein. Darauf achten die Landespolizei und die Bereitschaft der Ludwigsburger Polizei akribisch genau.
Währenddessen ist der Innenminister des Landes Baden-Württemberg, Heribert Rech, eingetroffen. Zwischen Zelt und Eingang schlendert er hin und her, wartet auf die Ankunft des Bundespräsidenten und spricht locker mit den neugierigen Zaungästen. Auch der Oberbürgermeister der Stadt Ludwigsburg, Werner Spec, gesellt sich hinzu. Plötzlich tut sich etwas. Eine schwarze Limousine biegt die Zufahrt ein und nähert sich langsam. Am Eingang angekommen wird das Ehepaar Köhler vom Innenminister, Oberbürgermeister und vom Bundesvorsitzenden Ingo Rüdiger Isert in Empfang genommen. Angeregt plaudernd schreiten sie zum Theatersaal.

Als die Gruppe den Saal betritt, brandet tosender Beifall auf und alle erheben sich von ihren Plätzen. Ein bewegender Moment. Nicht nur für die Besucher. Auch der Bundespräsident zeigt sich berührt. Die Freude sieht man ihm an. An seinem Platz angekommen dreht er sich zur Menge und winkt den Menschen zu. Dann nehmen er und seine Frau in der ersten Reihe Platz.
Die Festveranstaltung beginnt und alle im Forum - der Festakt wird vom Theatersaal in den Bürgersaal auf eine große Leinwand und ins Zelt per Ton übertragen - haben daran Anteil. Der Posaunenchor beginnt zu spielen. Die wohlig-kräftigen Klänge lassen erahnen, wie festlich diese Feierstunde werden wird. Der Bundesvorsitzende Ingo Rüdiger Isert eröffnet den Festakt. Seine Begrüßung wirkt frisch und kurzweilig. Für viele der namentlich begrüßten Ehrengäste hat er ein persönliches Wort parat, denn viele von ihnen, man höre und staune, haben bessarabische Wurzeln oder haben eine enge Verbindung zu Bessarabien. So auch der Württembergische Landesbischof Frank Otfried July. Die Familie seiner Ehefrau Edeltraud stammt aus Bessarabien. „Ich bin selbst durch meine Heirat in die Familie der Bessarabiendeutschen eingetreten und habe viel von Bessarabien kennengelernt; von Brauchtum und Frömmigkeit“, so der Landesbischof.
Gemeinsam mit Pastor Arnulf Baumann zelebriert er den Gottesdienst. Und dieser ist nicht nur festlich, sondern auch ungeheuer ausdrucksstark und erfüllend. In seiner Predigt zum Monatsspruch aus 2. Mose 15, Vers 2, „Der Herr ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil. Das ist mein Gott, ich will ihn preisen, er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben“, macht July Mut, vertrauend auf Gott, nach vorne zu blicken und vorwärts zu wandern. “Wir haben einen Gott, der mitgeht. Unser dreieiniger Gott ist einer, der mitgeht.“ Und er macht dies auch deutlich am Beispiel der Bessarabiendeutschen, die auszogen ins Ungewissen. Die Aufbau, Umbrüche und Neuanfänge durchlaufen und durchlitten haben, die in Gedenken zurückschauen, nicht ins Klagen verfallen, sondern gefestigt im Glauben stets nach vorne geblickt haben, um tatkräftig vorwärts zu schreiten.
„Ich bin heute, wie Sie wissen, nicht allein als Bundespräsident bei Ihnen, sondern zugleich als Deutscher einer Familie aus Bessarabien. Es ist auch diese meine Herkunft, die mich bewogen hat, Ihre freundliche Einladung anzunehmen.“ Unter Beifallsstürmen tritt Bundespräsident Horst Köhler ans Rednerpult und hält eine packende Rede (im Wortlaut im Juliheft des Mitteilungsblattes nachzulesen). Er zeichnet den Weg der Bessarabiendeutschen nach, schlägt den Bogen zu aktuellen Themen und lässt gekonnt seine eigene Familiengeschichte mit einfließen. „Wie stark gemeinsame Herkunft verbinden kann, habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt. Wie oft bin ich darauf angesprochen worden und habe mich immer gefreut, wenn ich angesprochen wurde auf meine bessarabiendeutschen Wurzeln - und selbst an entlegenen Orten, zuletzt etwa bei einem Empfang in Ruanda, von einem deutschen Ingenieur, der sich als Bessarabiendeutscher vorstellte. Ich habe mich gefreut. Ich habe stets aufs Neue gestaunt über das Gefühl der Verbundenheit, das diese gemeinsame, geteilte Geschichte selbst dort stiftet, wo man einander zum aller ersten Male begegnet.“
Mehrfach brandet während seiner Festansprache tosender Beifall auf. Der Bundespräsident hat aber auch eine Gnadengabe für klare Worte. Er versteht es vortrefflich, Sachverhalte so wiederzugeben, dass sie fesseln, dass sie verbinden, dass sie ermutigen und zur Tatkraft aufrufen. „Erinnern wir daran, mit wie viel Hoffnung und Tatkraft Menschen, die ihre Heimat verloren oder verlassen haben, sich in der Fremde eine neue Existenz aufbauen. Heißen wir die willkommen, die diese Einstellung und die entsprechenden Fähigkeiten mitbringen, und tun wir alles dafür, dass diese Tatkraft sich entfalten kann, dass jeder sein kulturelles Kapital zum Wohle seiner Nächsten und der Allgemeinheit einsetzen kann. Sie, liebe Landsleute, und unsere Vorfahren haben das getan –und da können Sie stolz darauf sein. Sie haben mit vielen anderen dazu beigetragen, die Versprechen der Charta der Heimatvertriebenen vom August 1950 einzulösen – durch harte, unermüdliche Arbeit teilzunehmen am Wiederaufbau Deutschlands und Europas, die Energien auf die Schaffung eines geeinten Europas zu richten, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können. Sie haben beim Wiederaufbau Ihrer neuen Heimat tatkräftig mit angepackt und zugleich den Menschen, die heute in Ihrer alten Heimat leben, wo nötig und möglich Hilfe zukommen lassen. Sie wissen um Ihre Rolle als Brückenbauer und nehmen sie in bewundernswerter Weise wahr. Für all das möchte ich Ihnen heute meinen aufrichtigen Dank aussprechen.“

Mehrfach geht der Bundespräsident auf das gute Miteinander der Bessarabiendeutschen zur Republik Moldau ein. Als dann der Botschafter der Republik Moldau, Dr. Igor Corman, ans Rednerpult tritt, ist dieser noch ganz geplättet von Köhlers Worten. „Sie haben schon so viel Gutes gesagt, Herr Bundespräsident, ich weiß gar nicht, was ich dem noch hinzufügen soll.“ Die Moldauer hätten, so Corman weiter, ein besonderes Interesse für die Bessarabiendeutschen. Dies sei geprägt von einem hohen Respekt füreinander auch im Hintergrund der europäischen Bemühungen. „Besonders bewundern wir, dass Sie nicht nur ein gutes Netz von Kontakten zu Land und Leuten geknüpft haben, sondern dass Sie auch für die vielen Hilfen und Aufbauarbeiten in unserem Land Sorge tragen. Für diese Bemühungen möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Diese menschliche und kulturelle Vernetzung ist für uns eine große Unterstützung auf dem Weg in eine europäische Zukunft.“ Dem schließt sich der Generalkonsul der Ukraine, Yariy Yarmilko, an. Auch die Ukraine begrüße das gute und Brücken bauende Wirken der Bessarabiendeutschen. „Die Arbeit des Vereins wird sehr hoch von unserer Regierung eingeschätzt“, so Yarmilko, der kurzfristig zum Bundestreffen gekommen war, nachdem der Botschafter der Ukraine, Dr. Igor Dolholv, zu höheren Weihen nach Kiew zurückberufen worden war.
In seiner Festrede schlägt der Bundesvorsitzende Ingo Rüdiger Isert den Bogen von der Vergangenheit zum Heute. “Was mag Ausländer bewegen, ihren Urlaub statt auf Mallorca oder Italien in unserem armen Land Bessarabien ohne Sehenswürdigkeiten und ohne Altertümer zu verbringen? Es ist die Liebe zu ihrer Heimat, die sie im Herzen tragen und die durch politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen nicht erkaltet“, zitiert er aus einem Artikel einer Journalistin aus Ismail. „Wir wissen, dass wir eine kleine Volksgruppe waren und überschätzen unsere Bedeutung nicht. Doch all das, was wir in Bessarabien tun, ist der Bau vieler kleiner Brücken der Verständigung auf dem Weg zu einem geeinten Europa“, so der Bundesvorsitzende in seinem Schlusswort. Und eben jenes war es zuvor auch in der Ansprache des Bundespräsidenten und den Grußworten von Botschafter Corman und Generalkonsul Yarmilko, wofür diese den Bessarabiendeutschen ihren innigsten Dank aussprachen.

Als der Ehrenbundesvorsitzende Edwin Kelm die Totenehrung zelebriert, herrscht eine ehrfurchtsvolle Stimmung, die im gemeinsam gesungenen Heimat- und Deutschlandlied ihre Vollendung findet. Und bei den Schlussworten des Bundesgeschäftsführers Werner Schäfer kann man es noch gar nicht ganz fassen, dass die Kundgebung bereits zu Ende sein soll.
Text/Foto Birgit Hardtke

geschrieben am 09.06.2008 um 20:31 Uhr.


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