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ein Mann der ersten Stunde
Karl Rüb – ein Mann der ersten Stunde
- Hilfswerk für evangelische Umsiedler ... in Stuttgart, unserer Patenstadt –
Im Büro des Bundesgeschäftsführers unseres Bessarabiendeutschen Vereins ist eine Gallerie mit den Porträts von Persönlichkeiten zu finden, die mit ihrem Wirken für die Bessarabiendeutschen bedeutsam waren. Die Bilderreihe beginnt mit Oberpastor Immanuel Baumann, daneben Dipl.-Ing. Karl Rüb und weiter Prof. Christian Kalmbach, Dr. Otto Broneske, Christian Fieß sowie Dr. h.c. Edwin Kelm.
Bei den jüngst stattgefundenen Tagen der offenen Tür werden nur wenige diese Bilderwand beachtet haben, und nur wenige werden den Porträts die Namen all dieser Männer zuordnen können. Ein Grund, sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Warum nun ein Artikel über Karl Rüb?
Im Heimatkalender 1981 (S. 27 ff) veröffentlichte der damalige Schriftleiter des Mitteilungsblattes, Richard Baumgärtner, den ausführlichen Erinnerungsbericht von Dipl.-Ing. Karl Rüb mit dem Titel: Erinnerungen an die Notjahre 1945 bis 1948 (erschienen im Jahrbuch der Dobrudschadeutschen 1962).
Interessant ist dabei Baumgärtners Hinweis in der Vorbemerkung: „Dem ernsthaften Studium dieser ersten Periode wird noch viel Zeit und Mühe geopfert werden müssen, wenn wir unseren Nachkommen ein lückenlos aufgehelltes Bild hinterlassen wollen!“ Und Baumgärtner weiter: „Es muß aber festgestellt werden, daß durch die Arbeit dieser ´Männer der ersten Stunde´ überhaupt erst Grundlagen erarbeitet wurden, die all das möglich machten, was später in über 30 Jahren innerhalb der Landsmannschaft geschaffen werden konnte. Eine Würdigung der Persönlichkeit von Karl Rüb zu erstellen, ist mir infolge verschiedener Umstände zur Zeit nicht möglich. Andererseits können wir es uns aber auch nicht leisten, eine Zeit totzuschweigen, die ausschlaggebend geworden war für die Eingliederung tausender Landsleute in unsere schwäbische Urheimat.“ Das klingt sehr kritisch, und man wüsste schon gerne, worauf Baumgärtner hier abzielt.
Vielleicht sind es diese kritischen Worte, die anreizen, mehr gerade über diesen Mann zu erfahren.
Ute Schmidt widmet Karl Rüb in ihrem Buch, Die Deutschen aus Bessarabien, unter der Überschrift Selbsthilfe und Arbeit – Leitbilder der Integration für die Bessarabiendeutschen und ihre Vermittlung durch das „Hilfswerk für evangelische Umsiedler“ nahezu 30 Seiten. Sie weist darauf hin, dass 1948 die größte Gruppe der registrierten bessarabiendeutschen Landsleute in Südwestdeutschland lebte (dem Gebiet, aus dem die meisten Vorfahren ausgewandert waren, H.F.). „Dass eine Rückwanderung dieses Ausmaßes in das kleinräumige und dicht besiedelte Württemberg-Baden (damalige Bezeichnung, H.F.) möglich war, ist vor allem dem Engagement einer bessarabischen Selbsthilfeorganisation geschuldet, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit sehr erfolgreich arbeitete und unter dem Titel ´Hilfswerk für evangelische Umsiedler innerhalb des Hilfswerks der Evangelischen Landeskirche in Württemberg´ firmierte.“ (ebd. S. 278). Karl Rüb war der Initiator und unermüdliche Motor dieses „Hilfswerks“ mit dem Ziel, die „Schwabenumsiedler“ (Dobrudschadeutsche und Bessarabiendeutsche) möglichst rasch zurückzuführen und in Württemberg einzugliedern. Das Hilfswerk „fungierte als Anlaufstelle für die auseinandergerissenen und verstreuten Bessarabiendeutschen und spielte eine wichtige Rolle bei ihrer Zusammenführung, Einquartierung, Betreuung und ´Sesshaftmachung´.“ (ebd. S. 279). Nicht kummervoll und schwach auf die Hilfe anderer warten, sondern selbst aktiv werden, das war seine persönliche Triebfeder, und das erwartete er auch von seinen Landsleuten. Eine Haltung, die nicht unwesentlich dazu führte, dass Stuttgart die Patenschaft für die Bessarabiendeutschen übernahm.
Im Grußwort anlässlich des Jubiläums „50 Jahre Heimatmuseum der Deutschen aus Bessarabien“ am 22. November 2002 im Rathaus in Stuttgart spricht Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster die Aktivität der Bessarabiendeutschen direkt an:
„Vor 50 Jahren lag diese Stadt noch weitgehend in Trümmern. 80 % der Innenstadt wurden ja durch den 2. Weltkrieg weitgehend zerstört, und es waren eben auch die Bessarabiendeutschen, die zu uns gekommen sind, die angepackt haben, die immer geschafft haben, und deshalb bin ich ganz, ganz dankbar Ihnen, dass Sie den Wiederaufbau Stuttgarts mit bewerkstelligt haben, auf dem wir, die jüngere Generation, aufbauen können.“
Um Rübs Einsatz und Leistung verstehen zu können, ist es erforderlich, ein wenig über seinen Lebenslauf zu erfahren. Im Rahmen dieses Artikels kann das nur in aller Kürze geschehen: Karl Rüb wurde 1896 in Lichtental/Bessarabien geboren, Besuch der Wernerschule in Sarata und des Gymnasiums in Odessa, schließt sich 1918 einem in Odessa stationierten Truppenteil der deutschen Armee an und kommt so nach Stuttgart, Studium an der TH Stuttgart in der Fachrichtung Maschinenbau, nach dem Abschluss 1926 Gründung eines technischen Handelsunternehmens, mehrere Generalvertretungen Landtechnik produzierender deutscher Firmen für Südbessarabien, 1935 Konstruktions- und Betriebsingenieur in einem der größten Industriewerke Rumäniens, wo er seine Patente zur Serienreife bringt, 1939-1944 eigene Firma mit sechs Filialen mit Hauptsitz in Konstantza (Dobrudscha), nimmt nicht an der Umsiedlung teil, sondern gelangt auf der Suche nach seiner Familie teils auf abenteuerlichen Umwegen über Oberschlesien noch vor Kriegsende 1945 nach Deutschland, wo er im Auswanderungsort seiner Vorfahren (Oberstetten, Kreis Heilbronn) bei Verwandten eine vorläufige Bleibe findet.
Noch erschüttert vom Flüchtlingschaos im „Warthegau“ entwirft er „sein Konzept einer möglichst raschen Rückführung und Eingliederung der `Schwabenumsiedler´ in Württemberg“. (zusammengefasst aus Ute Schmidt, ebd. S. 285, 286).
In seinem o.g. Erinnerungsbericht (Jahrbuch 1962 der Dobrudscha-Deutschen, S. 43 – 61) beschreibt Rüb ausführlich, wie seine Idee für ein Hilfswerk entstand und wie ihm seine Kontakte mit Generalkonsul Theodor Wanner weiterhalfen, den er seit seiner Studienzeit in Stuttgart kannte und der ihm nun beratend zur Seite stand. Während von einigen anderen Meinungsführern der Bessarabiendeutschen die Idee einer möglichst geschlossenen Auswanderung z.B. nach Südamerika propagiert wurde, war Rübs klares Ziel die Integration in Deutschland. „In der Integration sah Rüb einen komplexen und längerfristigen Prozess, der durch staatliche, kirchliche und private Hilfsaktionen zwar gemildert wurde, der jedoch auch eine funktionierende Interessenvertretung der Umsiedler, Flüchtlinge und Vertriebenen benötigte.“ (U. Schmidt, S. 281). Weil die Militärregierung damals alle Organisationen und Zusammenschlüsse von Deutschen verboten hatte und allein der Kirche eine Lizenz für karitative Aufgaben zugestanden wurde, wandte sich Rüb mit einem Antrag (Denkschrift, abgedruckt in Jakob Becker, „Wie´s daheim war“) an die Evangelische Landeskirche Württembergs. Bereits am 2. Juli 1945 erhielt er die Mitteilung, dass sein Antrag für ein „Hilfswerk für evangelische Umsiedler ...“ angenommen sei und er die Leitung übernehmen solle.
„Anliegen des `Hilfswerks´ war es zunächst, in einvernehmlicher Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche sowie den Behörden den Umsiedlern Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten, ihre Energien und ihre tradierte Arbeitsmoral zu mobilisieren und ihnen beim Aufbau einer neuen Existenz beratend und unterstützend zur Seite zu stehen. Den Umsiedlern vermittelte das `Hilfswerk´die Botschaft, dass sie nicht in Resignation und Fatalismus verfallen, sondern auf ihre eigenen Kräfte bauen sollten.“ (U. Schmidt, S. 289).
Beim Lesen von Karl Rübs „Erinnerungen an die Notjahre 1945-1948“ erlebt man mit, was nun auf ihn einstürmte. Seite 48: „Vor mir lag ein Berg von Trümmern, der abgeräumt werden mußte, Menschenschicksale, die nach Hilfe riefen, ein Berg von Arbeit und Plänen. . .Und dann sah ich auf einmal klar, ich sah ein, daß ich n i c h t al l e i n war. Ich war, selbst Kolonistensohn, durch unsere gemeinsame Vergangenheit in diese harte erbarmungslose Gegenwart in die Mitte meiner Landsleute hineingestellt. Wir waren eine Gemeinschaft, eine Schicksalsgemeinschaft . . . Nur die erlösende Tat wird uns helfen, retten, aufwärts führen!“
Und nun geht es wirklich im D-Zug-Tempo weiter. Es spricht sich unter den Bessarabiendeutschen schnell herum, dass man in Süddeutschland Aufnahme finden kann. Im zerstörten Stuttgart können dank der Unterstützung von Oberbürgermeister Dr. Klett die Barackenlager „Ziegelei Knecht“ und „Seedamm“ eingerichtet werden, die Menschen müssen mit Decken, Kleidungsstücken, Nahrung versorgt werden, man braucht ärztliche Betreuung, und die Pferde brauchen Futter. Weitere Lager entstehen in der Umgebung von Stuttgart. Karl Rüb und seine Mitarbeiter sind aufs Äußerste gefordert. Nach Verhandlungen sind die zuständigen Behörden bereit, bezugsscheinpflichtige Gegenstände im Rahmen einer bestimmten Quote direkt ans Lager zu liefern, wo die Bezugsscheine dann abgerechnet werden.
Die Bessarabiendeutschen sind eine kleine Gruppe unter vielen anderen Flüchtlingen, die aufgenommen werden wollen. Ohne Zuzugsgenehmigung finden sie weder eine Wohnung noch Arbeit – und die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Doch Rüb gelingt es, vom Innenministerium Quoten für das Hilfswerk zu erhalten, um den Schwabenumsiedlern in der britischen oder russischen Zone selbständig Zuzugsgenehmigungen ausstellen zu können.
Wie die Situation daraufhin im Frühjahr 1946 aussah, beschreibt Rüb in seinen Erinnerungen: „Sobald die Umsiedler auf der englischen Seite ankamen, wurden sie in Eisenbahnwagen verladen und in kompletten Zügen nach Stuttgart geschickt. So rollte ein Zug nach dem anderen an, beladen mit Menschen, dern Gepäck, mit Pferden und Trecks. Der Güterbahnhof in Stuttgart war bald von Zügen blockiert. . . .Jeder Zug hatte laut Weisung des Hilfswerkes einen Transportführer zu ernennen, der mit einer Namensliste und der Anzahl der Gespanne ins Hilfswerk kam. Jakob Becker hatte die Aufgabe, die Verteilung der Transporte nach familiären, verwandtschaftlichen und anderen Gesichtspunkten vorzunehmen, und die Einweisungen in die jeweiligen Kreise zusammenzustellen. . . Ich erinnere mich noch lebhaft, wie er in völliger Erschöpfung öfters in mein Büro kam und nicht klagte, nur Rat in dem einen oder anderen Fall erbat.“
In diesem Artikel ist nicht der Ort, all das wiederzugeben, was von Rüb und seinen Mitarbeitern an organisatorischen und menschlichen Leistungen für die insgesamt ca. 35 000 (Gertrud Knopp-Rüb, Festschrift zur Umsiedlung , S. 27) eingetroffenen Schwabenumsiedler zu erbringen war. Um sich einigermaßen ein Bild machen zu können, sollte sich der Leser selbst mit Rübs Aufzeichnungen befassen.
Der Mann, der so viel Engagement und Überzeugungskraft für seine Landsleute eingebracht hatte, erhielt schließlich dennoch nicht die allgemeine Wertschätzung, die er sich erhofft hatte. Mit der Gründung des „Hilfskomitee der ev.-lutherischen Deutschen aus Bessarabien und der Dobrudscha“ und dessen Anerkennung durch den Rat der EKD im April 1947 verlor das „Hilfswerk Rüb“ seine Autonomie. Der Schwerpunkt verlagerte sich jetzt im Unterschied zu Rübs Vorstellungen auf die kirchlich-karitative Seite der Umsiedlerbetreuung. Mit der nach der Lockerung des Lizenzzwanges (d.h. auch außerhalb der Kirche durften allmählich Organisationen entstehen) möglich gewordenen Gründung eines „Verbandes deutscher Umsiedler aus Bessarabien und der Dobrudscha“ Ende Mai 1947 konzentrierte Rüb seine Energie auf die Lösung der wirtschaftlichen Probleme der „Schwabenumsiedler“. Rüb wollte mit diesem Verband eine starke Interessenoraganisation schaffen.
Doch die landsmannschaftliche Entwicklung verlief andersartig. Mit der Aufhebung des Lizenzzwanges für landsmannschaftliche Organisationsbildungen wurde im Oktober 1949 in Stuttgart die „Gemeinschaft der deutschen Umsiedler aus Bessarabien“ – eine landsmannschaftliche Vorform - gegründet, der Karl Rüb vorläufig vorstand. Auf einer von Rüb einzuleitenden Wahlversammlung im Mai 1950 wählten die Vertreter sowohl der „Gemeinschaft“ als auch des „Hilfskomitees“ auf Bundesebene ihre Führungsgremien. Doch nicht Karl Rüb, sondern sein Gegenkandidat Prof. Christian Kalmbach wurde an die Spitze der neuen Bundesorganisation gewählt und war damit kraft Satzung auch der stellvertretende Bundesvorsitzende des Hilfskomitees. Oberpastor Immanuel Baumann war als gewählter Bundesvorsitzender des „Hilfskomitees“ kraft Satzung umgekehrt auch stellvertretender Vorsitzender in der „Gemeinschaft“. Ab 1953 bis 1976 war Dr. Otto Broneske, der frühere Gauobmann in Bessarabien, der Bundesvorsitzende der Gemeinschaft, die 1958 in „Landsmannschaft der Bessarabiendeutschen e.V.“ umbenannt wurde.
„Rüb, der sich nach 1945 vor die früheren Protagonisten der „Erneuerungsbewegung“ gestellt hat, obwohl er selbst nicht zu dieser Gruppierung zählte, hatte sein Wirkungsfeld nur in der unmittelbaren Umbruchszeit behaupten können.“ (Ute Schmidt, Die Deutschen aus Bessarabien, S. 309) Wohl schwer enttäuscht und gesundheitlich angeschlagen zog er sich ins Privatleben zurück.
Ute Schmidt (ebd. S. 310) würdigt die Leistungen von Karl Rüb vor allem in drei Punkten:
· Er war darum bemüht, die NS-Verbrechen in Ostmittel- und Südosteuropa und die menschlichen Tragödien von Umsiedlern, Flüchtlingen und Vertriebenen im historisch-politischen Zusammenhang zu sehen.
· Er setzte sich überzeugt ein für das Konzept der produktiven Selbsthilfe.
· Mit der Beschaffung einer großen Zahl von Zuzugsgenehmigungen für die über die Besatzungszonen versteuten Landsleute in die schwäbische „Urheimat“ leistete er einen sehr bedeutsamen integrations- und gemeinschaftsfördernden Beitrag für die Bessarabiendeutschen.
Heinz Fieß
Quellen:
Ute Schmidt, Die Deutschen aus Bessarabien
Karl Rüb, Erinnerungen an die Notjahre 1945-1948, Jahrbuch 1962 der Dobrudscha-Deutschen und Heimatkalender der Bessarabiendeutschen 1981 Gertrud Knopp-Rüb, Festschrift zur Umsiedlung – vor 50 Jahren -, Landsmannschaft der Bessarabiendeutschen
Jubiläumsschrift 50 Jahre Heimatmuseum, Grußwort OB Dr. Wolfgang Schuster
geschrieben von Heinz Fieß am 16.11.2008 um 17:32 Uhr.