Die Deutschen aus Bessarabien - Eine Minderheit aus Südosteuropa (1814 - heute)
Verfasserin: Ute Schmidt 560 Seiten 37 Bilder, 22 Seiten Quellen- und Literaturverzeichnis
sowie Personen- und Ortsregister, fest gebunden
Preis 34,90 € + Porto und Verpackung
Die Geschichte der Bessarabiendeutschen soll in diesem Buch - wie die Autorin betont -
nicht vollständig dargestellt, sondern aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden.
Ute Schmidt beabsichtigt mit der Studie in einem konkreten Fall - der Gruppe der Deutschen
aus Bessarabien - herauszuarbeiten, welche Rolle die historischen, politischen und
kulturellen Traditionen eines Herkunftsgebietes bzw. die aufgrund dieser Geschichte und
Erfahrungen ausgeprägten Mentalitäten, Verhaltensdispositionen und Deutungsmuster im
Integrationsprozess nach 1945 gespielt haben. Sie geht dabei von einem doppelten Bruch,
den die „Vertragsumsiedler" erlebt haben, aus: Umsiedlung und Flucht (1940 und 1945).
Im Unterschied zu den Flüchtlingen und Vertriebenen, die 1945 abrupt aus ihrer Heimat
herausgerissen wurden, haben die Deutschen aus Bessarabien in der Folge des
„Hitler-Stalin-Pakts" bereits durch die Umsiedlung, also vor dem Erlebnis der Flucht, einen
ersten massiven Kontinuitätsbruch zu verkraften gehabt, auf den dann 1945 ein weiterer
katastrophaler Abbruch folgte.
Bei der Untersuchung der Integrationsverläufe nach 1945 stellt die Autorin zunächst fest,
dass es sich bei den Flüchtlingen und Vertriebenen um keine homogene Gruppe handelte.
Außerdem weist sie auf die Unterschiede in der früheren Bundesrepublik und in der DDR hin.
Im Unterschied zur Bundesrepublik war die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Thematik
Flucht und Vertreibung in der DDR unerwünscht bzw. mit dem Revanchismus-Vorwurf belegt.
Aufgrund ihrer spezifischen Herkunfts- und Wanderungsgeschichte brachten die
Bessarabiendeutschen nach Auffassung der Autorin relativ günstige
Integrationsvoraussetzungen mit. Weil sie ihre Lage nach 1945 nicht als Provisorium
betrachteten, sondern als endgültig akzeptieren mussten, blieb ihnen keine andere Wahl,
als sich unter den gegebenen Bedingungen möglichst rasch eine neue Existenz zu schaffen.
Im ersten Teil des Buches wird nach der Beschreibung Bessarabiens als
Geschichtslandschaft die Geschichte der Bessarabiendeutschen skizziert:
Herkunft der deutschen Kolonisten, Verhältnis zum russischen Staat, Fürsorgekomitee,
Aufhebung des Kolonistenstatus im Jahre 1871 und damit Verlust der ihnen versprochenen
Sonderrechte, ferner die kulturelle Entwicklung nach der Revolution von 1905 und das
„Sprach- und Versammlungsgebot" während des Ersten Weltkrieges.
Die Autorin schildert in weiteren Kapiteln die Entwicklung nach dem Anschluss Bessarabiens
an Rumänien im Jahre 1918. Neue Märkte mussten erschlossen werden. In den 30er Jahren
wurde das Deutsche Reich wichtiger Abnehmer landwirtschaftlicher Erzeugnisse, vor allem,
nachdem reichsdeutsche Firmen mit dem Wirtschaftsverband in Bessarabien Verträge
abgeschlossen hatten und Ölfrüchte und Sojabohnen zu garantierten Preisen aufkauften.
In dem Kapitel „Protestantische Ethik" werden die „Wernerschule" und das „Alexander-Asyl"
und deren überregionale Wirkung behandelt. Dem Pietismus und dem Leben mit anderen
Völkern sind besondere Kapitel gewidmet.
Einen breiten Raum nimmt die Schilderung der Zwischenkriegszeit in Rumänien ein:
die wirtschaftlich-sozialen Probleme nach der Agrarreform, die Schulfrage und die Versuche
einer Rumänisierung. In dem Kapitel „Politische Generationen und Spaltungen im politischen
Leben der Deutschen in Bessarabien" werden die neue Organisationsform „Deutscher
Volksrat für Bessarabien" und die 1932 entstandene „Erneuerungsbewegung" sowie deren
spätere Spaltung geschildert.
Das ausführliche Kapitel über die „Umsiedlung" befasst sich mit den Verhandlungen zwischen
der deutschen Reichsregierung und der sowjetischen Regierung, der Zusammensetzung der
Umsiedlungskommission, der Stimmung der deutschen Bevölkerung in der Zeit zwischen der
Besetzung Bessarabiens und der Ankunft der Umsiedlungskommission
und den zum Teil schwierigen Verhandlungen mit der sowjetischen Kommission
über die Vermögensschätzungen.
Von besonderem Interesse ist die Untersuchung des Umsiedlungsgeschehens auf der
Grundlage bisher nicht bekannter sowjetischer Quellen. Die sowjetischen Dokumente
enthalten Angaben über die Zusammensetzung der sowjetischen Kommission, der
Transformation der deutschen Dörfer in Kolchosen und Sowchosen sowie der politischen
Säuberung und Deportation nach der Umsiedlung.
In dem Kapitel „Alltag in den Lagern" werden die ersten Enttäuschungen der Umsiedler
geschildert. Höchste Empörung herrschte über die Einstufung in A- und O-Fälle.
Als Voraussetzung für die Ansiedlung im Wartheland und in Danzig-Westpreußen beschreibt
die Autorin zunächst die Vertreibung von Polen und Juden, ferner die Probleme der
Hofzuweisung nach dem Prinzip der „Naturalrestitution" und die Idee, dass die einzelnen
Umsiedlergruppen sich zu einem neuen Stamm der „Wartheländer" verschmelzen sollten.
Die Flüchtlingskatastrophe im Januar 1945 wird im nächsten Kapitel geschildert. Da an einen
geordneten Rückzug der zurückflutenden deutschen Truppen nicht zu denken war, kam es zu
einem unbeschreiblichen Chaos.
Ein eigenes Kapitel widmet die Autorin den deportierten Zivilisten, weil deren Geschichte -
im Unterschied zu den kriegsgefangenen Soldaten - bisher kaum untersucht worden sei.
Exemplarisch hat sie hierzu drei Frauenschicksale ausgewählt und mit Auszügen aus den
Interviews unterlegt.
Das Kapitel „Selbsthilfe und Arbeit - Leitbilder der Integration für die Bessarabiendeutschen"
beginnt mit den Aktivitäten des von dem aus Sarata stammenden Diplomingenieurs Karl Rüb
und das von ihm gegründete „Hilfswerk für evangelische Umsiedler". Diese Aktion hat die
Autorin deshalb besonders herausgestellt, weil Rüb das Hilfswerk bereits am 2. Juli 1945
gegründet hat, also kurz nach dem Ende der Kampfhandlungen, als noch niemand an eine
Erfassung und Betreuung der Flüchtlinge und Vertriebenen dachte. Durch die
Zusammenarbeit dieser Selbsthilfeorganisation mit den staatlichen Verwaltungen gelang es
1945/46 ca. 20.000 Flüchtlingen, vor allem Bessarabiendeutschen, den Zuzug nach
Nord-Württemberg und Nord-Baden zu ermöglichen.
Hier hätte das im Jahre 1946 gegründete „Hilfswerk der bessarabiendeutschen Umsiedler"
in Niedersachsen erwähnt werden müssen (vergleiche Heimatkalender 2002 Seite 222),
das damals die Anlaufstelle für unsere Landsleute im Norden war.
Im August 1946 hatte Oberpastor Immanuel Baumann das „Hilfskomitee der
evangelisch-lutherischen Deutschen aus Bessarabien und der Dobrudscha" gegründet, das im
April 1947 vom Rat der EKD seine kirchliche Anerkennung erhielt. Aufgaben des
Hilfskomitees waren „die seelsorgerlich-gottesdienstliche Betreuung, die Beratung bei der
Arbeitsbeschaffung und Unterbringung sowie die Sesshaftmachung."
Die Autorin bezeichnet Karl Rüb als einen Mann des Übergangs. Als Vorsitzender der von ihm
gegründeten „Gemeinschaft der deutschen Umsiedler aus Bessarabien" - eine Vorform der
später gegründeten Landsmannschaft - wurde Professor Christian Kalmbach gewählt.
Seit 1953 war Dr. Otto Broneske Vorsitzender der inzwischen gegründeten „Landsmannschaft
der Deutschen aus Bessarabien."
Im zweiten Teil des Buches werden aus den in den 90er Jahren durchgeführten 90 lebens-
geschichtlichen Interviews gewonnenen Texte in Auszügen vorgestellt und interpretiert.
Die Autorin führt hierzu aus, dass die biografischen Erzählungen der interviewten
Bessarabiendeutschen aus drei Generationen mit der Darstellung im ersten Hauptteil des
Buches verzahnt sind. Die Optik konzentriere sich jedoch auf die von den Gesprächspartnern
gegenwärtig erinnerten subjektiven Wahrnehmungen und Deutungen.
Zunächst werden einige Lebensläufe der Generation I, also der sogenannten
Erlebnisgeneration, vorgestellt. Die persönlichen Lebenswege und lebensgeschichtlichen
Erfahrungen bis zu den Zäsuren von Umsiedlung, Krieg und Flucht werden rekonstruiert,
ferner die Integrationsverläufe nach 1945 veranschaulicht. Hier wird auch untersucht,
welche Bedeutung das erworbene sogenannte „kulturelle Kapital" im Prozess
der Integration hatte. In der Generation II werden die Befragten in drei Gruppen eingeteilt:
zwischen alter und neuer Heimat, Kriegskinder und Neubürgerkinder.
Mit der Generation III sind die in den 70er Jahren geborenen Konsumkinder gemeint.
Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass Umsiedlung und Flucht für die Befragten einerseits
einen massiven und äußerst schmerzlichen Einschnitt bedeuteten. Andererseits sei aber
auch das Bewusstsein über die Unvermeidbarkeit sozialer Wandlungs- und
Umstellungsprozesse und die Bereitschaft, sich hierauf einzustellen, vorhanden.
Diese Grundeinstellung sei auch ein wichtiger psychologischer Faktor im Prozess der
Integration im Nachkriegsdeutschland gewesen. Trotz Umsiedlung und Flucht hätten die
Deutschen aus Bessarabien nicht resigniert, sondern ihr Schicksal, soweit möglich,
aktiv bewältigt.
Ein besonderes Kapitel ist den Bessarabiendeutschen in der sowjetischen
Besatzungszone gewidmet.
Das mit der sowjetischen Besatzungsmacht abgestimmte Integrationskonzept sah vor,
dass der Eingliederungsprozess möglichst schnell erfolgen sollte. Die auf zonaler Ebene
eingerichtete „ Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler" wurde im Jahre 1948 „abgewickelt"
und bis Ende 1949 endgültig aufgelöst. Landsmannschaftliche Zusammenkünfte waren
verboten. Trotzdem hätten die Bessarabiendeutschen ihre Gemeinschaft und ihre spezifische
Mentalität viel länger erhalten, als die offizielle SED-Politik wahrhaben wollte.
Die Autorin führt weiter aus: Im Gegensatz zu der Entwicklung der alten Bundesrepublik
hatten die Landsleute in der Sowjetzone die Möglichkeit, sich als „Neubauern" auf
Bodenreformland anzusiedeln und damit an ihre bäuerliche Lebenswelt anzuknüpfen.
Ende der 50er Jahre setzte die Kollektivierung der Landwirtschaft ein und landwirtschaftliche
Produktionsgenossenschaften wurden gebildet (LPG). Den Eintritt in die LPG haben viele
Bessarabiendeutsche als dritte Enteignung empfunden.
Zum Schluss beschäftigt sich die Autorin in einer Zusammenfassung mit der
Integrationsleistung der Bessarabiendeutschen und mit den spezifischen Prägungen
dieser Volksgruppe. Das die Beziehungen zu den heutigen Bewohnern Bessarabiens so
unbelastet sind, könne gleichfalls als Beleg für die erfolgreiche Integration der Deutschen
aus Bessarabien im Nachkriegsdeutschland gewertet werden.
Dr. Ute Schmidt hat mit ihrem Buch ein Thema behandelt, das noch wenig untersucht
worden ist. Im Mittelpunkt steht die Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen.
Die wissenschaftliche Studie ist daher nicht nur für die Deutschen aus Bessarabien von
Interesse, sondern darüber hinaus auch für andere Volksgruppen, die ein ähnliches Schicksal
erlitten haben. Für die mit viel Fleiß und Sachkunde erstellte Arbeit verdient Ute Schmidt
unsere Anerkennung und unseren Dank. Dem Buch ist eine weite Verbreitung zu wünschen.
Hugo Schreiber