bessarabien.de Bessarabiendeutscher Verein e.V.
Florianstrasse 17
70188 Stuttgart

Telefon: 0711/44 00 77-0
Telefax: 0711/44 00 77-20
E-Mail: verein@bessarabien.de
 

(Seite drucken | zur Startseite | Originalseite)

Bücherverkauf


Übersicht über die Inhaltsverzeichnisse der Jahrbücher der Dobrudschadeutschen von 1956 - 1977


: Prosa, Gedichte, Liederbücher

Einer aus unserem Dorf (Katlebug)
Artikelnummer: 1305
Autor: Bender, Artur

18.00 €

Preise inkl. MwSt. und zzgl. Versandkosten.

Der Artikel ist vorrätig.
 

 

Buchvorstellung von Eva Fismer

Katlebug in Bessarabien war ein kleiner Ort auf einer Halbinsel im Alibey Liman, in der Mitte zwischen dem Dnjestr-Liman und dem Donaudelta. Es gehörte zur Kreisstadt Akkerman und zum Kirchspiel Posttal. Der nächste Markt war in Devizia, heute Dyviziya/Ukraine.

Oberderdingen ist eine schwäbische Gemeinde im Kraichgau im Nordosten des Landkreises Karlsruhe.

Diese beiden Orten sind durch den Lebensweg von Artur Bender miteinander verbunden worden. Unterwegs gab es Begegnungen mit Menschen aus vielerlei Völkern und Regionen, ihren Eigenheiten und Sprachen. Artur Bender ist ihnen mit unvoreingenommenem Interesse begegnet. Unter allen fand er solche, die einem das Leben schwer machen wollten (und konnten) und solchen, die halfen und sogar Freunde wurden. Welcher Sorte Mensch man begegnet ist zwar Zufall, aber mit gesundem – zudem im besten Sinne schwäbischen – Menschenverstand, kann man dem Glück zuweilen ein wenig die Tür öffnen – wie ein Bauer es formulierte: „Do hot alles beten koin Wert, do muss Mist na“. Davon erzählt er in seinem Buch.

Seine Eltern Christian und Katre (Katharina) Bender hatten in Katlebug einen landwirtschaftlichen Betrieb und vier Kinder: Alma, Klara, Artur und Paul. Artur kam 1924 zur Welt. In Katlebug verbrachte er seine von positiven Familienverhältnissen sowie von schwäbischer Sprache und Lebensart geprägte Kindheit und Jugend. „. . .Als Kinder hatten wir es sehr schön, was das Spielen anbelangt. Unsere Dorfstraße war etwa hundert Meter breit. Die Brunnen waren mitten auf der Straße. Das war ideal geeignet zum Dreckla. In den Brunnentrögen war immer Wasser und das haben wir dazu benutzt, um Lehm anzumachen und Kirchen zu bauen. Und wenn der Dreck gereicht hat, bauten wir auch noch einen Pfarrer. . .“ (S.7). Diese eher praktische Einstellung zur Religion als fester Bestandteil des Lebens, jedoch durchaus mit einigen kritischen Anmerkungen, was das „Bodenpersonal“ betrifft, behielt er auch später bei.

Wenn auch die Volksgruppen (Rumänen, Russen, Juden, Zigeuner um nur einige zu nennen) eher unter sich blieben, so hatten die Bessarabiendeutschen doch mit allen zu tun und man begegnete sich mit einer grundsätzlichen Wertschätzung.

...Es war immer ein großes Erlebnis, wenn abends, schon bei Dunkelheit, mehrere russische Fuhrwerke aus Sarjari und Tschiritschinga durch Katlebug fuhren und gemeinsam gesungen wurde. Die Katlebuger gingen dann immer auf die Straße und lauschten diesem wunderschönen Gesang...“ (S.19)

Bei der Umsiedlung 1940 war Artur Bender 16 Jahre alt. Und: „... dem Dritten Reich total ergeben, waren wir zuversichtlich, obwohl wir überhaupt nicht wussten, was wir in diesem Land erleben würden...“ (S. 32). Über die Donau erreichte die Familie das Lager Bad Schlag bei Gablonz (Jablonec/Tschechien). Schon auf dieser Reise zeigte sich Arturs Fähigkeit, offen auf andere Menschen zuzugehen, eine Situation realistisch einzuschätzen und wenn möglich, Verbesserungsmaßnahmen zu ergreifen: Er suchte (und fand) immer Arbeit bei der einheimischen Bevölkerung. Seine freundliche, aber bestimmte und absolut zuverlässige Art brachte ihn der neuen Umgebung, den Menschen und Sprachen näher und er konnte praktisch dazu beitragen die persönliche und familiäre Situation zu verbessern.

Im September 1941 ging es weiter nach Grzybki in Polen (ca. 50 km westlich von Lodz), wo die Familie eine Hofstelle bewirtschaftete.

Im März 1942 mußte Artur zum Reichsarbeitsdienst (RAD). Nur zwei Wochen vor Beendigung des RAD zog er sich beim Entladen eines Waggons einen komplizierten Knöchelbruch zu. Im Nachhinein betrachtet ein Glücksfall, der die Einberufung zum Militärdienst hinauszögerte. Durch Begegnungen im Lazarett mit Kriegsverletzten aus Russland und Gespräche über Stalingrad wurde eigenes Denken über die nationalsozialistische Überzeugung und Krieg im allgemeinen in Gang gesetzt. Nach drei Monaten im Lazarett mußte er, zurück in Grzybki, zudem erfahren, daß viele Katlebuger schon gefallen waren.

Anfang 1944 wurden Artur und auch sein Vater einberufen. Ein Hilfseinsatz im zerbombten Frankfurt/Main während der Grundausbildung vergrößerte die Abscheu vor dem Krieg. Dann ging es nach Frankreich, an den Atlantik, wo sich der Partisanenkampf besonders lange hielt. „... Immer, wenn ich mal in Gefahr war, ist mir mein Konfirmationsspruch eingefallen, Römer 12, Vers 12: »Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig im Trübsal, haltet an am Gebet«...“ (S.99). „...An das Letztere erinnerte ich mich insbesondere, als ich im Schützengraben hockte und die Artilleriegranaten des Feindes mir über den Kopf flogen. Beim strengen Nachdenken wurde mir klar, dass die, welche Granaten gegen uns abschossen, gar nicht unsere Feinde waren, sondern unsere Feinde waren die, für die sie schießen mussten...“ ( S.41)

Am 16.04.1944 begaben sich Artur und einige Kameraden in französische Kriegsgefangenschaft. Zunächst im Lager Soulac, kamen sie 1946 in das Lager Saint Médard-en Jalles nahe Bordeaux. Hunger und Krankheiten wurden hier lebensbedrohlich. Artur und einige Kameraden hielten sich deswegen nahe der Lagertore auf und waren dann auch schnell zur Stelle, als einige Weinbauern aus der Gegend Arbeiter abholten. Artur kam auf das Weingut Chateau Claire Abbaye bei Gensac. Die Familie Lehmann, deutsche Juden aus Duisburg, und die angeheiratete französische Familie Billaut waren die Besitzer. Hier verbrachte Artur eine gute Zeit, Freundschaften entstanden, die heute noch andauern. „... Warum waren denn die einzelnen Nationen so gegeneinander verhasst? Wenn ich heute, sechuzig Jahre später, darüber nachdenke, fällt mir das Gebot ein: »Vernichtet eure Feinde, indem ihr sie zu Freunden macht«. Auf diesem Gebiet kann man im täglichen Leben viel tun...“ (S. 87)

Endlich, im September 48 konnte er dann zu seiner Familie nach Deutschland zurückkehren. Die war derweil in Oberderdingen im Kraichgau gelandet. Die Unterkunft war schlimm, 8 Leute in 2 Räumen, zu essen gab es nur sehr wenig, trotzdem fühlte sich die Familie hier im Schwäbischen doch recht heimisch. Artur und sein Bruder fanden Arbeit, wenn auch in einer Fabrik, und bald darauf lernte er seine zukünftige Frau Waltraut Johanna geb. Schreder aus Oberderdingen kennen. Am 25.11.1950 war Hochzeit.

Die Wohnsituation verbesserte sich etwas. Nebenberuflich schlugen bei Artur die landwirtschaftlichen Wurzeln voll durch: hier ein Schwein zur Mast, da ein paar Hühner, dort ein Stückchen Land, so fing es an, und wuchs über die Jahre zu 600 Legehennen, 800 Hähnchen, 10 Schweinen im Freien, und 65 Schafen und Ziegen an, die vielen Obstbäume auf dem Grundstück „Am Froschgraben“ Getreideacker und Heuwiese nicht zu vergessen. Die Produkte davon wurden z.T. vermarktet, gegrillte Hähnchen z.B. waren der Renner bei vielen Veranstaltungen, der Eierstand ein fester Bestandteil des Wochenmarktes. Aber die landwirtschaftliche Tätigkeit war immer auch ein Quell tiefer Befriedigung und Freude für Artur Bender, so daß er sich erst mit 78 Jahren aus Vernunftgründen davon löste.

Durch den Lastenausgleich wurde ein Hausbau möglich. Waltraut Johanna kümmerte sich um den Haushalt mit drei Kindern und schaffte es nicht nur ihren erlernten Beruf der Schneiderin zu Hause weiterzuführen, sondern sich noch zur Bürokauffrau und später zur Yogalehrerin fortzubilden. Trotzdem gelang hin und wieder zwei, drei Wochen eine gemeinsamen Urlaub zu organisieren. Zweimal reisten sie auch nach Rumänien ans Schwarze Meer, in die Nähe, jedoch aufgrund der schwierigen Einreisebedingungen nicht ganz zurück an den Ort von Arturs erster Heimat.

Artur Benders Einsatz für verbesserte Lebensbedingungen führten ihn (und später den ältesten Sohn Sieghard) zur Gewerkschaftsarbeit bis zum Betriebsrat. Als Ruheständler wechselte er in den Gemeinderat. Überhaupt: „...zähle ich mich heute schon zu den Ureinwohnern von Oberderdingen...“ (S. 249) – dazu trugen natürlich auch die schwäbische Sprache und Lebensart bei, die er ja von klein auf gewohnt war. Auch durch die langjährigen Mitgliedschaften in mehreren Ortsvereinen wurde die enge Verbundenheit mit dem zweiten Heimatort gepflegt.

Mit der Schilderung der Feier zu seinem 80sten Geburtstages endet das Buch von Artur Bender.

Zum Glück hat seine Waltraut nicht locker gelassen, ihn dazu zu ermuntern, seinen Lebenslauf in Worte zu fassen und mit Hilfe der Tochter Kerstin in Buchform zu bringen. Am 10.01.2009 endete der Lebensweg von Artur Bender im Alter von 84 Jahren.

Im Nachwort (S.280) schrieb er:

Ich, Artur Bender, habe mich entschlossen, meine Erlebnisse niederzuschreiben, um meinen Nachkommen vor Augen zu führen, wie dumm ein Krieg ist und wie abscheulich seine Folgen sein könnem.

Ich habe auch mit der Absicht geschrieben, dazu beizutragen, die Kultur in unserer Gesellschaft zu verbessern. Insbesondere können wir Kultur verbessern, wenn wir den Vorurteilen gegen Andersstämmige entgegentreten. Es wäre mein größter Wunsch, mit meinem Buch zum Abbau von Vorurteilen beigetragen zu haben.“

Anzahl:    
Artikel 45 von 46