oder
Im Jahre 1993 bin ich von Erlangen in Franken nach Australien ausgewandert, wo ich in Cairns am Barriere Riff als Busfahrer für ein japanisches Tourunternehmen arbeite. Jeden Tag bringen wir japanische Touristen hoch auf das Atherton Tableland. Dies ist ein tropisches Hochland, wo man Kaffee, Tee, Mangos, Erdnüsse und vieles andere anbaut und welches eine sehr vielseitige, reizvolle Gegend ist.
Auf unserer täglichen Fahrt über das Hochland bleiben wir an ein paar Termitenhügeln stehen, um den Fahrgästen die Gelegenheit für ein Foto zu geben. Diesen Aufenthalt nutze ich gelegentlich, um „fuer kleine Jungs“ in die Büsche zu gehen.
Während einer solchen Gelegenheit entdeckte ich hinter einem Busch ein Schild, dessen Aufschrift mich unmittelbar in den Bann zog:
Ich kenne mich sehr gut auf dem Hochland aus, habe hier fünf Jahre lang gelebt und kenne alles und jeden, der in der Gastronomie oder dem Tourismus zu tun hat. Aber von einem Café Herzle hatte ich noch nie gehört. Die nächste Ortschaft ist etwa zehn Kilometer entfernt, obgleich es vereinzelte Farmen und Häuser in der Gegend schon gibt.
Naja, die Australier sind ja nicht so umweltbewusst wie wir Deutsche, und oft findet man alte Autos oder Müll, der irgendwann und irgendwo abgelagert wurde. So nahm ich an, dass das Schild mit dem Grundstück nichts zu tun hatte und nur dort entsorgt wurde.
Dennoch, irgendwann scheint es ja ein solches Café einmal gegeben zu haben, und ich nahm mir vor, alteingesessene Leute danach zu fragen.
Es vergingen nur ein paar Tage, bis ich wieder das Bedürfniss hatte, „in die Büsche“ zu gehen. Diesmal nahm ich einen anderen Weg in die schützende Vegetation niedriger Bäume und Sträucher. Und was finde ich da? Ein weiteres Schild mit der Aufschrift Cafe Herzlé. Nur, hier stand auch eine Entfernungsangabe: 80 Meter. Beide Schilder waren noch auf Gestelle montiert, mit denen man die Schilder aufstellen konnte.
Ich ging zurück zum Bus und konnte nicht erwarten, zu sehen, ob in 80 Meter Abstand von dieser Stelle irgend ein Hinweis für ein Gebäude zu sehen war. Dazu muss man wissen, dass die schnelle Bundesstrasse hier eine leichte Linkskurve über einen Hügel macht und man sich als Autofahrer voll auf den Verkehr konzentriert und einem Details links und rechts der Highway schon entgehen können.
In der Tat, als ich an diesem Tag auf die Straße einbog, um unsere Fahrt fortzusetzen und nun ganz bewusst meinen Blick auf dies Grundstück richtete, entdeckte ich hinter einer Reihe von Bäumen gerade nur den spitzen Giebel eines Hauses mit einer Fachwerkfassade.
Jedes Mal, wenn ich nun diese Stelle passierte, versuchte ich noch mehr Details zu erkennen. Das Problem dabei war, dass man beim Vorbeifahren nur für einen ganz kurzen Moment durch die Lücke der Grundstückseinfahrt Sicht auf das Haus hat.
Das Gebäude war als Wohnhaus für australische Verhältnisse ungewöhnlich hoch. Auch passte der Spitzwinkel und die Fachwerkfassade nicht in die Art, wie man hierzulande Häuser baut. Dann erkannte ich noch drei VW Busse, wie ich sie in den siebziger Jahren in Deutschland fuhr.
Das alles und die von mir im Gestrüpp gefundenen Schilder deuteten schon sehr auf einen deutschen Besitzer hin.
Blieb die Frage nach dem Hintergrund und der Geschichte des „Café Herzle“.
So entschloss ich mich, bei meiner nächsten privaten Fahrt auf das Hochland die Bewohner des Hauses zu befragen.
Eines Tages war es soweit. Meine Frau Kristin und ich unternahmen eine Spazierfahrt mit dem Ziel, auch dort vorbei zu schauen.
(Die folgenden Fotos entstanden bei unserem zweiten Besuch, wo wir zusammen mit meiner Nichte Romica unterwegs waren.)
Die Einfahrt war geschottert und wir wurden von einem Schild in der Form einer Burg und der Aufschrift “Tannenstein Höllwarth“ begrüsst. Später stellte sich heraus, dass dieses Schild eigentlich eine Art Briefkasten oder besser Briefablage war. Zum Beschweren der Post lagen zwei Steine bereit. Man muss wissen, dass diese Gegend bekannt für seine Trockenheit ist. Der nächste Ort Mareeba wirbt damit, 300 Tage Sonnenschein im Jahr zu haben. Also keine Notwendigkeit, Post vor Regen schützen zu müssen.
Als nächstes erwartete uns ein rotes, schmiedeeisernes Herz auf einem Eisenpfahl. Hier also muss das Café Herzle mal gewesen sein. Das erklärte die zwei Schilder im Gebüsch. Dort war namlich früher einmal die Einfahrt zu dem Grundstück.
Gleich hinter dem roten Herz entdeckten wir, was einmal ein Spielplatz gewesen sein muss, nachempfundene Pilze, ein grosses Ei und das mannshohe Modell einer Schwarzwälder Wassermühle.
Schließlich hatten wir den vollen Blick auf das Haus. Wer schon einmal durch Australien gereist
ist, wird zugeben, dass besonders in Queensland ein Gebäude dieser Art höchst ungewöhnlich ist.
Bei den Stufen zur Terrasse wurden wir von Schneewittchen und den sieben Zwergen empfangen.
Am Erker prangte das Wap
pen des Königreiches Württemberg: „Furchtlos und treu“.
Das „Wirtshaus-Schild“ und die Menukarte neben dem Eingang zur Wirtsstube schauten sehr heimisch aus, und wir fühlten uns gar nicht mehr wie im fernen Australien. Unsere Neugierde wurde nun auf das Höchste gespannt.
Wir riefen: „Hello, somebody home?“. Keine Antwort. Wir klopften an der Türe. Nochmals ein „Hello“, aber ohne Erwiderung.
Gerade als wir uns entschlossen, ein andermal vorbei zu schaun, in der Hoffnung, dann jemanden anzutreffen, und dabei waren, das Grundstück zu verlassen, rief uns jemand nach.
Ein hochgewachsener, älterer Mann kam auf uns zu. Wir gingen ihm entgegen, stellten uns in englischer Sprache vor und erklärten ihm, wie es kam, dass wir uns für die Geschichte des Café Herzle interessierten. Er antwortete in klarem Englisch und lud uns zu einer Tasse Kaffee ins Haus ein. Während wir auf den Seiteneingang zugingen, fragte ich ihn: „Sprechen Sie Deutsch?“ „Ja, selbstverständlich“, war seine Antwort. „Wo aus Deutschland kommen Sie her?“, frage ich weiter. „Ja, eigentlich komme ich nicht aus Deutschland, sondern aus Bessarabien“. „Bessarabien? Noch nie etwas von Bessarabien gehört!“ „Na, kommen Sie erst mal rein!“
Über der Türe des Seiteneinganges fanden wir Willkommenssprüche in Deutsch, Englisch und Japanisch. Das „Herein wer ist kein Schwein“ war wohl ungewöhnlich, aber das passte so richtig zu diesem ungewöhnlichen Platz.
Während unser Gastgeber in der Küche verschwand, um den Kaffee zuzubereiten, schauten wir uns ein wenig um. In der Mitte der Gaststube stand eine Theke mit einem Kühlfach, sicherlich einst für feine Kuchen verwendet.
Holzvertäfelung an den Wänden, hölzerne Stühle mit ausgesägten Herzen in den
Stuhllehnen, Rehgeweihe, eine Kuckucksuhr, zwei abgebrochene Skispitzen, Kuhglocken und viele Fahnen, Stickereien, Bauerenmalereien und Poster mit Themen deutscher Kultur, sie alle spiegelten unverkennbar wider, dass hier jemand lebt, der in seinem Herzen noch tief mit der deutschen Kultur verbunden ist.
Doch was hat das alles mit Bessarabien zu tun, von dessen Existenz ich gerade vor ein paar Minuten hörte?
Als der Krieg zu Ende war, wurde seine Familie aus Österreich ausgewiesen und sie kamen nach Deutschland, wo sie zunächst in Stuttgart Zuflucht suchten.
Doch Armins Eltern trauten dem Kriegsfrieden nicht. Da sie nicht wollten, dass Armin als Soldat eingezogen wird, schickten sie ihn nach Australien, in Sicherheit. Sie selbst wanderten nach Bolivien aus. Als die Eltern erkannten, dass der Krieg tatsächlich zu Ende war, kehrten sie nach Stuttgart zurück. Armin aber blieb in Australien. Er lebte viele Jahre in Papua Neuguinea und heiratete dort seine Frau, welche verschiedenen asiatischen Rassen abstammte. Als in Papua Neuguinea Unruhen ausbrachen, siedelten sie sich im Norden Australiens an dem Platz an, wo ich gerade mit ihm plauderte.
Hier erfüllte er sich den Traum eines Fachwerkhauses und eines Cafés im deutschen Stil. Armin zeigte uns ein kleines Holzmodell, welches er von dem geplanten Fachwerkhaus erstellte. Als Schreiner baute er das Haus mit eigenen Händen. Ganz stolz wies er darauf hin, dass er auch die Inneneinrichtung wie Tresen, Tische und Stühle selbst anfertigte und mit Bauernmotiven bemalte.
Aber auch nach der Schließung des Cafés besuchten ihn immer noch viele Leute, so z.B. die Reitergruppen eines benachbarten Reitstalls, die oft auf ihren Ausritten zu einer Tasse Kaffee bei ihm einkehrten.
Armin berichtete von einem alpenländischen Trachten- und Tanzverein, den er mit anderen gründete. Er war schon immer der deutschen Kultur sehr verbunden gewesen und pflege diese leidenschaftlich gerne.Seiner Frau baute er weiter hinten auf dem großen Grundstück ein Haus, während er selbst im Fachwerkhaus blieb.
Wir kamen aus dem Staunen nicht heraus. Hier also existierte ein Stück österreichischer-bessarabischer-schwäbischdeutscher Kultur, versteckt hinter Büschen im australischen Buschland.Armin lud uns ein, doch wieder zu kommen.
Wenige Wochen später war es soweit und die hier gezeigten Fotos stammen von dem zweiten Besuch, wo ich Armin noch weiter ausfragte und mich für sein Leben interessierte. Zum Abschied machten wir noch ein Foto von ihm. Er war quietschvergnügt, erschien gesund und voller Lebensenergie.
Als Romicas Freund Markus kurze Zeit später mit Armin telefonisch in Verbindung treten wollte, da er sich für einen der alten VW-Busse interessierte, bekam er Armins Sohn an die Strippe, der ihm berichtete, dass Armin eines Tages nicht mehr vom Schlaf aufwachte und gestorben sei.
Es war fast, als hätte Armin nur darauf gewartet, jemanden noch einmal seine Lebensgeschichte erzählen zu können.
Karl-Heinz Seelig
PO Box 401
Australien
E-Mail: karl_seelig@yahoo.com.au