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1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland - einführende Gedanken

in Buchara, Usbekistan
in Buchara, Usbekistan

...also seit 321 n. Chr. Da gab es offensichtlich schon eine jüdische Gemeinde in Köln. In Bessarabien hat man sogar eine jüdische Münze aus dem Jahr 133 n. Chr. gefunden!

Aber in dieser Artikelserie hier im bessarabischen Mitteilungsblatt geht es nicht um archäologische Nachweise, sondern um Juden und Deutsche, die im 19. Jahrhundert weit, weit weg von Deutschland am Schwarzen Meer aufeinander gestoßen sind und etwa 100 Jahre lang zusammen gelebt und gearbeitet haben.

Eigentlich hat die Historikerin Mariana Hausleitner schon eine unglaubliche Fülle an Informationen zu diesem Thema zusammen getragen. Ihr Buch „Deutsche und Juden in Bessarabien 1814 – 1941“ erschien 2005. Es ist für alle geschichtlich interessierten Bessaraber eine unerschöpfliche Quelle. Man könnte den Eindruck bekommen, dass da schon alles ausführlich behandelt ist. Aber Frau Hausleitner schreibt auch gleich zu Anfang: „Über die Beziehung der Deutschen zu ihren jüdischen, russischen, bulgarischen und rumänischen Nachbarn wurde selten berichtet“.

Vielleicht helfen ja meine Beiträge, diese Lücke ein klein wenig zu füllen. Ich werde mich allerdings nur auf das beschränken, was ich persönlich in unserer Großfamilie an jiddischen Sprachspuren mitbekommen habe. Ich hatte das Glück, in einer vielsprachigen Umgebung aufzuwachsen, wie sie sich vielleicht nur in Bessarabien entwickeln konnte. Dass einem zum Beispiel schon als Bub der Opa selbstverfasste jiddische Geschichten vorliest, das ist hierzulande höchstens bei jüdischen Displaced Persons (D.P.s) vorgekommen.

Heinz Fieß hat mich überredet, die doch schon über 60 Jahre alten Erinnerungen wieder auszugraben. Richtig ermutigt dazu haben mich aber die Internetbeiträge des jüdischen Erinnerungsprojekts, das Yitzkor-Book-Project, in dem ehemalige jüdischstämmige Bewohner der deutsch-bessarabischen Gemeinden, ihr Leben zwischen den Deutschen schildern.

Diese Sicht der Anderen ergibt erst ein besser verständliches Bild. Einen ganz herzlichen Dank an Lance Ackerfeld, den Yizkor-Book-Director, der genehmigt hat, die Texte zu übersetzen. Und natürlich ein Dankeschön an Uwe Quellmann, der schon wieder fleißig übersetzt. Der Text über Arzis ist ja im letzten Mitteilungsblatt erschienen (MB 06-21).

Heinz Fiess ist der Meinung, dass ich etwas über meine Herkunft berichten soll, was ich hiermit versuchen werde.

Wo isch dei Hoimet?

Vielleicht kennt jemand von den „Bessarabern“ auch dieses Gefühl, so hilflos dazustehen, wenn man ganz plötzlich und unvermittelt gefragt wird: „Wo kommst du eigentlich her? Wo isch dei Hoimet?“ Für Leute mit bessarabischen Wurzeln eine wirklich schwierige Frage. Was soll ich antworten?

Aus Polen? Dann bin ich ein Pole. Soll ich sagen aus Großdeutschland? Dann bin ich vielleicht ein Nazi. Soll ich sagen aus BessArabien? Was bin ich dann? Wer weiß schon wo das liegt?

Am liebsten hätte ich immer geantwortet wie der „Kleine Zigeuner“ in einem jiddischen Lied: 

Ich wejss nischt wu iach ben geboiren
majn mame hot mich in schtep farloiren.

Heute, mit 78 Jahren, erzähle ich Geschichten von Bessarabien, ohne mir solche Gedanken zu machen. Und manchmal werde ich gefragt, ob ich dort geboren sei. Nein, ich habe dieses Land nie gesehen, bin noch nie dort gewesen. Meine Geschichten sind wie aus zweiter Hand. Wahrscheinlich bin ich ein „Second-Hand-Bessaraber“.

Zwischen Posen und Warschau habe ich 1942 das Licht des „Großdeutschen Reiches“ erblickt. Mein älterer Bruder soll mich mit „cholera“ begrüßt haben, einem Fluch, den er von unserer polnischen Magd Sophie gelernt hatte.

Meine Familienangehörigen waren dort im sogenannten Warthegau als Auslandsdeutsche zur „Germanisierung“ auf polnischen Höfen angesiedelt worden. Die Polen hatte man einfach weggejagt kurz vor der Ankunft der Deutschen. Die Kühe mussten ja rechtzeitig wieder gemolken werden. Das also waren die versprochenen Höfe in Deutschland!

Eigentlich hätte ich Dieter heißen sollen. Aber vor meiner Geburt wurde mein Onkel Woldemar Mammel an der finnisch-russischen Front von einer Mine getötet. Meine Oma brach fast zusammen. Sie hatte ihren Sohn seit Verlassen der Heimat 1940 nicht mehr sehen können. So wurde aus dem Dieter ein Woldemar, zum Trost der Großeltern. Seitdem war ich der Oma ihr Bub.

Aufgewachsen bin ich im Württembergischen. Schwäbisch „auf dr Gass“ , allerleisprachig zu Hause „auf dr Stepp“. Die „Steppe“ fing gleich hinter unserem Haus an: Wie trocknet man hier das Heu auf den Heinzen? War es nicht einfacher „drhoim auf der Stepp“ Kopitzen zu machen? „Guck no, wie die Nochbere die Sens hebt“. Und wie der andere Nachbar „mit seine Gäul omsprengt“.

Alles wurde verglichen, alles wurde taxiert.

Als ich 1975 begann, auf der Schwäbischen Alb einen eigenen Hof aufzubauen, hat meine Oma immer noch gefragt: „No, Bua, was treibsch uf dr Stepp?“

„Bis 120!“

Rosine Krüger hieß meine Oma vor ihrer Heirat. Sie war eine waschechte „Kaschiebe“, eine Kaschubin. Damit hänselten die Schwaben aus den umliegenden Dörfern die plattdeutsch sprechenden Tarutinoer. Deren Auswanderungsorte lagen wohl nicht weit weg von der Kaschubei südwestlich von Danzig. Aber das Tarutinoer Platt hatte nichts mit dem slawischen Kaschubisch zu tun. Es hat sich eher wie Holländisch angehört, weil sie das „g“ genau wie im Niederländischen als „ch“ rauh im Hals gesprochen haben.

Vor dem Kirchgang hat meine Oma uns immer ermahnt: „Wascha, keamma, Stewel schmeera, opa Ring cho!“ (Waschen, kämmen, Schuhe putzen, auf den Marktplatz gehen!) So hätte der Tarutinoer Gemeindediener immer die Bürgerversammlungen ausgerufen.

Dass der Klöstitzer Gottfried Mammel – ein „dösich Schwow“, wie die Kaschuben die Schwaben neckten – seine Rosa in ein Schwabendorf entführt hat, das war natürlich ein gesellschaftlicher Abstieg. Aber sie haben sich ein Leben lang lieb gehabt und die Rosa hat mit ihrem Gottfried nur schwäbisch gschwätzt. Ja, unsere Oma war ein Sprachenwunder.

Beim Abhören der Englishvokabeln hat sie mir immer die Wörter gleich ins plattdeutsche oder russiche übersetzt. Und an meinen Geburtstagen stand sie regelmäßig mit einem Blumensträußle aus dem Garten unter der Tür und hat mir feierlich mit dem jüdischen Segensspruch gratuliert:

„di sulst lejbn ejndertinzwonzig jur!“
- Du sollst leben hundertundzwanzig Jahre.

Ich war jedesmal fast zu Tränen gerührt, obwohl weder ich noch die Oma hätte sagen können, warum gerade hundertzwanzig ein erstrebenswertes Alter sein soll. Erst später habe ich gelesen, dass Moses angeblich auf den Tag genau 120 Jahre alt geworden ist. „Bis 120!“ rufen sich Juden kurz und bündig am Geburtstag zu.

Nicht immer war ich von der Wortakrobatik meiner geliebten Oma so entzückt. Als ich einmal zusammen mit einem Schulkameraden unser Haus verließ, fragte sie mich im Vorbeigehen: „Kuda? Win gejsti?“ (russ. Wohin? Jidd. Wohin gehst du?)

Ich hätt mich am liebsten in ein Mausloch verkrochen, hab nur die Augen verdreht und bei mir gedacht: Oma muß das jetzt sein? Siehst Du nicht wie der andere kuckt. Was denkt der jetzt von uns? Vor der Haustür hat er auch gleich gefragt: „Was bisch du fir oiner?“

Da war mir klar, dass ich jetzt auch nur noch ein „Flichtleng“ bin. Dabei waren wir doch „Omsiedler“!

Heimatstunde mit Fritz Muliar

Regelmäßige Radiosendungen für Bessarabiendeutsche gab es keine. Wenn aber in den fünfziger Jahren der Wiener Schauspieler Fritz Muliar im Radio seine jiddischen Witze und Geschichten zum Besten gab, hat sich bei uns die ganze Familie zusammengeschart und gelauscht und gelacht. Ich hör noch seine typischen Einleitungen: „Damit ich nicht vergesse ihnen zu erzählen….“ Auch wenn wir Kinder nicht alles kapiert haben, für meine Eltern und Großeltern war es eine vertraute Welt. Manche Witze waren ihnen auch von Bessarabien her bekannt. Es sind oft sehr einfach gestrickte Geschichten gewesen, aber uns Kinder haben sie begeistert. Zum Beispiel:

Jossel di schlufst? - Jossel, schläfst Du?
Nejn.
Lej mir ejndert Lai. - Leih mir hundert Lei.
Ach schluf. - ich schlafe.

Und Fritz Muliar hätte jetzt gesagt: Damit ich nicht vergesse ihnen zu erzählen…

Izik, di hast schoin gegibn dem fejrd zi essn? - Itzik, hast du das Pferd schon gefüttert?
Jo tote. - Ja Vater.
Di host schojn gepoit dus fejrd? - Hast Du das Pferd schon getränkt?
Jo tote.
Gej schpan un dus fejrd. - Geh und spann das Pferd an.
Tote, wi schtejt dus fejrd? - Vater, wo steht das Pferd?

Meine Mutter war Kindergärtnerin in Brienne, was zur Folge hatte, dass wir mit einer großen Menge an Kinder- und Auszählreimen aufgewachsen sind, hochdeutsche, schwäbische, rumänische und jiddische.

Schwäbisch: Mei Mueder bacht Kiachla… oder: Biable worum greinescht du?….

Rumänisch: Multe mire mare, mammaliga nare, kukuruza boposchoi.

Jiddisch: Izik, spizig, bombadir
              tanzen die wanzen in der tir.

Variante: Izig, spizig grine schobbe - Itzig, spitzig grüne Kröte
               nem dem schtekn - nimm den Stock
               schlug de bobe. - schlag die Hexe.

Mein Bäsle, Gertrud (Trudi) Effinger kennt diesen Auszählvers noch ausführlicher. Sie hat versucht, die Aussprache ihres Vaters Emil Hermann klanggenau niederzuschreiben. Aber unsere Buchstabenwelt ist einfach viel zu klein!

Etzeg, Spezeg, griene Schobba
nemm a Steckl on schlug der Bobba
Äui weiih, gib mer Teei
Teei is bitter, gib mer Zicker
Zicker is sieß
gib mer Fieß
Fieß is fettl, lieg im Bettl
Bettl is noß, kriech im Foß
Foß is kiehl kriech in Miehl
Miehl dreiiht sach
un die olde Bobba Jochanna freiit sach.

Dieses Beispiel aus Arzis gibt uns eine Vorstellung davon, wie selbstverständlich deutsche und jüdische Kinder dort miteinander gespielt haben. Aber auch aus der Welt der Erwachsenen habe ich eine Menge jiddischer Sprüche und Redewendungen aufgeschnappt. Sie stammen hauptsächlich aus Tarutino. Hier eine kleine Auswahl:

Ejr lejbt wie Schmil nebr Odess. - Er lebt wie Schmuel neben Odessa. Was die gleiche Bedeutung hat wie: Er lebt wie Gott in Frankreich.

Ejr schuft fen tuchess in mul aran. - Er schafft vom Hintern ins Maul hinein. D. h. er zäumt den Gaul vom Schwanz her auf. Oder Schwäbisch: er schafft hentrefir.

Fir an emes kimt kejn patsch. - Für die Wahrheit gibt’s keine Schläge.

Aber wo gibt’s diese Wahrheit? Das wird sich diese junge Frau gefragt haben, die ihrer Schwiegermutter nichts recht machen kann.

Koch iach lokschen - Koch ich Nudeln
sugt sej is a kwatsch
- sagt sie das sei Quatsch
koch iach nit
- koch ich nicht
hub iach a patsch.
- krieg ich Schläge.
Oi wej mamenju
- Oh weh meine liebe Mutter
wi asoj sul iach lejbn
- Wie soll ich noch leben
der bejsen schwiger
- um bei der bösen Schwiegermutter
kuwet upzigejbn?
- Ehre einlegen zu können?

War das ein typisch jüdisches Problem? Ich glaube nicht.

Allen Lesern wünsch ich: Blajbt gesint in frejlach!

(aus dem Mitteilungsblatt Mai 2021 S. 5f)