Arzis
Archivbild IN 138036
Übersetzung: ins Englische von J. Klausner, ins Deutsche von Uwe Quellmann
Arzis war halb Dorf, halb Städtchen, geographisch im Kreis Akkerman gelegen, südliches Bessarabien, 6-7 Std. Zugreise entfernt von der großen und bekannten Stadt Kischinjev. Der Reisende von Kischinjev nach Arzis steigt um im Bahnhof Bessarabka [früher Romanowka] und erreicht nach 2 Std. Fahrt Arzis.
Der hübsche Bahnhof war von einem hölzernen Zaun umringt. Direkt daneben waren Fuhrleute stationiert, welche auf Passagiere, meist Juden, warteten. In 500-600 Meter Abstand vom Bahnhof verlief die Hauptstraße von Arzis, mehrere Kilometer lang.
Die Arziser Straßen hatten keine Namen; auch waren die Häuser nicht nummeriert. Man brauchte sie nicht: hier kannte jeder jeden.
Die Fahrt in einem Fuhrwerk durch die Straßen von Arzis war kein Vergnügen: Das Schaukeln und Schwanken des Karrens konnte einem den ganzen Leib schmerzen machen. Im Sommer wehte eine Staubwolke den Rädern des Wagens hinterher, im Winter spritzte schwarzer Schlamm von den Rädern und den Pferdehufen – der nicht gerade edlen Pferde …
Wen immer es nach Arzis verschlagen hatte, konnte von den Fuhrwerksbesitzern alle lokalen Neuigkeiten erfahren. Sie waren außerdem eine unerschöpfliche Quelle von Witzen und Sprüchen. Sie wussten, gleich beim ersten Eindruck, wohin mit jedem Passagier. Und wenn sie merkten, dass Du kein Einheimischer bist, hätten sie Dich direkt in eine der beiden Schenken in Arzis gebracht, wo immer Platz für einen durchreisenden Gast gewesen ist (letzterer hätte, vermutlich, nicht erwartet, hier modernen Luxus zu finden, wie heutzutage …).
Zwei Witwen waren die Besitzerinnen der beiden Schänken. Die eine war Frau Schwarzmann, deren Zimmer in Sev Jankelewitzs Hof waren, die andere Frau Sara Altstein, im Hof von Reuven Fischmann.
Leben und Überleben
Die Bürger von Arzis waren hauptsächlich deutsche, christliche Protestanten.
Es gab ca. 250 jüdische Familien in der Stadt und das Verhältnis zwischen diesen beiden Minderheiten – Juden und Deutschen – war korrekt.
Die jüdischen Bürger errichteten in der Stadt ein Geschäftszentrum mit Gebäuden aus Stein, aber auch Holzhäuser, und dort konnte man in den verschiedenen Läden alles bekommen, einschl. landwirtschaftlicher Maschinen, Porzellangeschirr usw.
Dienstags, am Markttag in Arzis, pflegten die Juden Gemüse, Obst und Fisch zu kaufen, für den Sabbat.
Da es in Arzis keine Kühlschränke gab, bewahrten sie die Lebensmittel im Keller auf, der im Hof des Anwesens angelegt war. Im Keller konnte man Fässer mit [milchsauer] eingelegten Gurken, Tomaten und Wassermelonen finden und natürlich Wein.
Arzis war die Heimat vieler jüdischer Handwerker aller Branchen: Schuster, (Pferde-) Geschirrmacher, Schneider, Kürschner, Hutmacher, Sodawasser-Abfüller, etc.
Die Stadt hatte 2 Kaffeehäuser, welche auch als Domino- und Backgammon-Stuben fungierten, ebenso als Treffpunkte für die Getreidehändler oder auch nur für Müßiggänger.
In der Umgebung von Arzis gab es Dörfer von Deutschen, Russen, Ukrainern, Bulgaren und Moldowanern. Die Arziser Händler kauften von ihnen Eier, Geflügel und Getreide und verkauften es dann in größeren Städten.
Der größte Eierhändler war Ascher Resnik, ein warmherziger Jude, aktiv in öffentlichen Angelegenheiten und ein großer Zionist (lebt heute in Netania) [Israel]. Die ganze Länge der Hauptstraße war gesäumt von Schänken und Wirtshäusern, meist im Besitz von Juden, aber die Kundschaft waren einheimische Christen oder solche aus der Umgebung.
Viele Juden tranken auch gerne Alkohol, speziell die Fuhrwerks- und Kutschenbesitzer. Während kalter und verschneiter Wintertage konnten sie sich normalerweise kein Getränk leisten oder ein Essen, um das Getränk hinunterzuspülen; daher hatten sie ein Stück Hering in der Tasche und nach jedem Schluck nahmen sie das Stück heraus und leckten daran und steckten es wieder zurück für die nächste „Runde“. Überflüssig zu erwähnen, dass das Stück Hering nicht besonders hygienisch eingewickelt war. Die Arziser Fuhrleute legten nicht viel Wert auf hygienischen Kram …
Am Morgen, bei Sonnenaufgang, widerhallte Arzis vom Lärm der peitschenknallenden Rinderhirten. Das war das Signal für die Rinderhalter, meist Deutsche, dass es Zeit war zum Melken und um das Vieh auf die Weide zu treiben. Am späten Nachmittag brachte der Hirte das Vieh zu den Besitzern zurück, eine Staubwolke durch die Ganze Stadt ziehend.
Im Zentrum von Arzis, gegenüber dem Geschäftsviertel, stand eine deutsche, evangelische Kirche, 1880 erbaut, mit einer großen Glocke in ihrem Turm. Hinter der Kirche befand sich ein Friedhof, hauptsächlich für Reiche und Privilegierte.
Blumenbeete, von einem extra Gärtner gepflegt, schmückten die Vorderseite der Kirche. Ein befestigter Gehweg, nahe der Kirche, diente sowohl der jüdischen Jugend als auch den anderen.
Ein großer Mast hatte auf der Spitze eine Leuchte, genannt „Petromax“. Sie war gefüllt mit Gas oder Petroleum und wurde angezündet und strahlte rundum. Hier spazierten dann junge Paare, knackten Sonnenblumen- oder Kürbiskerne und diskutierten über die Tagespolitik.
In der Nacht war es zappenduster, da in diesen Tagen noch keine Elektrizität in Arzis Einzug gehalten hatte, und nur das Bellen der Hunde war in der Stille der Nacht zu hören.
Über Erziehung und gemeinnützige Einrichtungen
Arzis hatte eine große und schöne Synagoge, welche den religiösen Bedürfnissen der 250 jüdischen Familien genügte. Sie hatte eine schöne Lade für die Thora und, natürlich, einen Bereich für die Frauen.
An Wochentagen und an den normalen Schabbat-Tagen waren der Arziser Rabbi R´Jeschajahu Mendel Geiser s´´l oder der Schächter (ritueller Schlachter) R´Leiser Kolomiski s´´l zuständig, und während der Feiertage wurde ein besonderer Kantor engagiert, meist der lokale Kantor R ´Avigdor Polonski s´´l, welcher auch ein Lebensmittelgeschäft betrieb. [R´ vor dem Namen = Reb oder Rebbe = Herr; s´´l nach dem Namen = „sein Andenken möge gesegnet sein“.]
Der Synagogendiener oder Küster war R´Idel s´´l und nach dessen Tod wurde diese Position „weitervererbt“ an seinem Schwiegersohn R´Michael Kaganowitz s´´l , einem Schuster.
Ungefähr 700 bis 800 Meter von der Synagoge entfernt war das Schlachthaus für Rinder und näher der Synagoge eine kleinere Einrichtung für das Schlachten der Hühner und Gänse.
In unserer Stadt hatten wir eine 8-stufige „Tarbut“-Hebräischschule und einen hebräischen Kindergarten. [Tarbut (hebr.)=Kultur; lt. Wikipedia ein Netzwerk säkularer hebräischsprachiger Schulen in Osteuropa.]
Alle Gemeindeeinrichtungen lagen in der Nähe des Flüsschens. Ein Gebäude, welches früher eine Getreidemühle war und beinahe durch ein Feuer zerstört war, wurde wieder instandgesetzt und erweitert und wurde zur Schule.
Frau Mosia Chananovna Bilostotzki s´´l , die Frau des örtlichen Arztes, fungierte über Jahre als Schulleiterin. Die meisten jüdischen Kinder besuchten die „Tarbut“-Schule, nur wenige Eltern, die sich mit der Gemeinde nicht über das Schulgeld einigen konnten, schickten ihre Kinder in die staatliche Schule, wo die meisten Schüler Deutsche waren. Die hebräische Schule stand unter der Aufsicht des Gemeinderats.
In Arzis hatten wir Einrichtungen, oder eher Wohltätigkeitskommissionen, für die Unterstützung der Armen, Besuchsdienst für Kranke, Unterstützung armer Bräute, einen Beerdigungsverein und anderes.
Die Arziser Juden zeichneten sich aus in ihrem Engagement und der finanziellen Unterstützung des Jüdischen Nationalfonds. Viele von diesen handelten nach dem Grundsatz „heimlich geben“; der bedeutendste dieser Geber war R´Abraham Gurfil. Er stritt sich nie über die erforderliche Summe. Er fragte nur: wie viel?
Auf dem Gebiet der Kunst und Kultur sollte die Gesellschaft der Mitglieder und Förderer des Theaters und des Blasorchesters unter der Leitung von Schika Acharonowitz s´´l erwähnt werden, der als Dirigent nicht nur in Arzis berühmt wurde, sondern auch als Orchesterchef in der Hauptstadt Bukarest. Nachdem Bessarabien Teil der Sowietunion wurde, dirigierte er das Staatsorchester der Republik Moldau.
Die [jüdische] Gemeinde veranstaltete Festessen für diverse caritative Zwecke, speziell während der Feiertage wie Chanukka und Purim. Die Frauen steuerten Kuchen bei und andere Delikatessen, welche auf der Feier verkauft wurden. Es muss erwähnt werden, dass alle Juden im Ort sich diesen Aktionen freudig anschlossen. Das örtliche Orchester spielte dazu zur Freude der Gäste. Ich erinnere mich, dass der Orchesterleiter, Chaim Schwarzmann s´´l die Trompete spielte, Efraim Bravermann s´´l die Violine, Mosche Kleitmann Saxophon, Samuel Gurfil Akkordeon, Samuel Ben Chaim Bodjeski Gitarre, Freink Schmuel Mandoline, Sioms Korol Trommeln, Chaim Frank Violine und noch andere, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere.
Es gab drei jüdische Ärzte in der Stadt: Dr. Bilostotzki, Dr. Gordon und Dr. Korol, und zwei Apotheken – eine von Jascha Gamoschewitz, die andere von Pasternak. Es gab auch zwei Zahnärzte (Frau Notov und Herr Averbuch), und wir werden unsere treue Hebamme, Frau Sochmalinova, nicht vergessen. Sie war Christin aus einer vornehmen Familie. Als die bolschewistische Revolution ausbrach, floh sie aus Russland und ließ sich in unserer Stadt nieder. Sie hatte jüdische Freunde und sprach gut jiddisch.
Der Postmeister, ein Deutscher namens Schmidtka, sprach genauso fließend jiddisch. Das war kein Wunder, denn er kam in ständigen Kontakt mit Juden.
R´Chaim Freink war Vorsitzender der Gemeinde bis zum zweiten Weltkrieg; sein Stellvertreter war Ascher Resnik. Der Präsident des Jüdischen Nationalfonds war R´Josef Jankelewitz s´´l, der Vorsitzende von „Hilfe für die Armen“ war R´Abraham Gurfil s´´l.
Die religiösen Organe im Ort wurden repräsentiert, neben dem Rabbi und dem Schächter, von R´Mordechai Beider s´´l, Mordechai Bravermann, Hillel Appelboim, Goldinger, Pevsner, Jitzchak Averbuch, Schimschon Schabgoreski und anderen.
In einer Nacht im Juni oder Juli 1941 versammelten die Behörden alle jüdischen Führer in Arzis und schickte sie in Konzentratioslager in Zentralasien. Die meisten starben dort an Hunger und Krankheiten.
Die ersten Pioniere
Die zionistischen Jugendbewegungen in Arzis waren: Gordonia, Ha Schomer, Ha Zair und Beitar. Es gab auch noch die „Chaliastra“ (ein Spitzname für Kommunisten und Linke). Als ein ehemaliger „Kommandeur“ des örtlichen BeitarZweigs kann ich berichten, dass wir vom Beitar-Zweig in Sarata unterstützt wurden, insbesondere von Zvi Schechter und Jecheskel Altman. Wir hielten auch engen Kontakt mit dem Ort Starbonar.
Die ersten „Chaluzim“ [Pioniere] aus unserem Ort „machten Alija“ [„Aufstieg“, Einwanderung nach Israel] in den Jahren 1924–1925: Israel Beider, Mordechai Bodjeski und Zvi Tsirolnik – möge ihr Angedenken gesegnet sein, und Chaim Lerner, möge er lang leben.
Einige von ihnen kamen nach kurzer Zeit zurück. Die letzten, die (illegal) „Alija machten“ , auf dem Schiff „Astor“ an Pessach 1939, waren: M. Mendel Kaganowitz (lebt in Aschkalon) [Israel] und Josef Gurfil (jetzt in Dimona).
Nach dem zweiten Weltkrieg gelang es einigen der „Chaliastra“-Anhänger, auch ins Land [Israel] zu kommen.
Ich muss erwähnen, dass Professor Jehuda Pevsner s´´l , ein Experte für Herzchirurgie an den Beilinson und Tel-Ha-Schomer-Kliniken, ein Sohn unserer Stadt war. Ehemalige Einwohner von Arzis kann man in den Kibbutzim, in landwirtschaftlichen Siedlungen und anderen Orten im Land Israel finden.
Arzis war eine kleine jüdische Stadt, aber sie war tatkräftig, lebendig und sehr zionistisch.
Die russische Besetzung brachte jüdisches Leben und Wirken in Arzis zum erliegen. Es endete und wurde nie mehr aufgenommen. Nur die Erinnerungen an jene Tage sind geblieben, und sie bringen Licht in unser Leben bis zum heutigen Tag.
Mögen diese Seiten eine Erinnerungskerze sein für die Juden von Arzis und ihre Lebensgeschichte, für unsere Eltern und Großeltern, welche die hehren Werte in uns angelegt haben, die uns bis hierher geführt haben.
Aus: https://www.jewishgen.org/yizkor/
(übernommen für das Mitteilungsblatt 04-21)