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Di Mame-Loschn

Woldemar Mammel · 11. Februar 2021
Standart-Jiddisch wird in hebräischen Buchstaben geschrieben
Standart-Jiddisch wird in hebräischen Buchstaben geschrieben

Aber was ist das überhaupt für eine Sprache, dieses Jiddisch?

Ein Großonkel von mir aus Tarutino, Daniel Kräenbring (1892–1966), hat mir diese Frage kurz und bündig so erklärt:

Bagegnen sich zwej jidn.
„Di best gewejn in dajtschlond.
Wi red men in dajtschlond?“
„A farkaktes jidisch!“

Also so ein sprachliches Selbstbewusstsein würde ich mir manchmal auch wünschen. Oder hat jemand schon mal gehört, dass „Hochdeutsch“ ein beschissenes Schwäbisch wäre?

Das Schwäbische, Fränkische und andere deutsche Mundarten klingen übrigens nicht so stark „farkakt“. Sie sind dem Jiddischen viel, viel ähnlicher. Kein Wunder, denn die Juden haben lange vor dem Entstehen des „Hochdeutschen“ hier im deutschsprachigen Gebiet die Dialekte ihrer Umgebung gesprochen. Allerdings angereichert mit einer Vielzahl an hebräischen Ausdrücken aus ihrem religiösen Leben. Wir benützen ganz selbstverständlich eine Menge dieser Begriffe in unserer heutigen Sprache, wie z. B. „Hals- und Beinbruch“, „einen guten Rutsch“ u.v.a.

Schon im frühen Mittelalter begann eine brutale Verfolgung und Vertreibung der Juden in Deutschland. In Polen fanden sie Zuflucht. Mitgenommen hatten sie ihr „Judendeutsch“, das sie in der neuen slawischen Umgebung im Lauf der Jahrhunderte mit vielen neuen Wörtern und grammatischen Veränderungen anreicherten. Eine neue Sprache, das Jiddische, entwickelte sich losgelöst von den deutschen Ursprungssprachen.

In Westeuropa hingegen ist das Judendeutsch, die Umgangssprache der hier lebenden Juden, langsam ausgestorben. Die deutschen Juden wurden zu „Schriftsprachlern“ und viele haben in der Neuzeit dieses osteuropäische Jiddisch als ein „verdorbenes Deutsch“ empfunden. Ja sich sogar geschämt für die Sprache ihrer Glaubensbrüder und Schwestern zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Für 11 Millionen Juden aber war sie vor dem 2. Weltkrieg in Osteuropa und Amerika die Mutter-Sprache: di mame-loschn.

Di Mome-Luschn: Bessarabisches Jiddisch

Jiddisch ist eine faszinierende Patchwork-Sprache, in der man die einzelnen Flicken noch so gut erkennen kann. Z. B. ist mame ein deutsches Dialektwort für Mutter, und loschn stammt vom hebräischen Wort laschon, die Sprache.

Unter den jiddischsprachigen Internetbeiträgen auf YouTube findet man immer wieder überschwängliche Kommentare: „Ich kann alles verstehen! Das ist ja fast wie Deutsch.“ Meistens erkennen diese Jiddisch-Versteher nur einzelne Worte, mit denen sie sich vielleicht den Inhalt zusammenreimen können.

Wer sich das mal anhören will, wie unterschiedlich diese Sprache in so einem riesigen Verbreitungsgebiet zwischen Baltikum und Ukraine geklungen hat, dem empfehle ich zwei YouTube Aufnahmen von zwei ganz unterschiedlichen aber sehr sympathischen Frauen. Sie stammen aus Polen beziehungsweise Bessarabien und haben sich in ihrer neuen Heimat, in den USA, für den Erhalt der jiddischen Sprache eingesetzt.

1. „Last Golden Links: Yiddish Treasures.“ Lilke Majzner erzählt über ihre Schulzeit in Lodz in Polen. Sie spricht eine Art Standartjiddisch, das so ähnlich im Baltikum und Nordpolen verbreitet war.
Solange sie keine Wörter verwendet, die aus dem Hebräischen oder Polnischen stammen, ist dieses Jiddisch für deutsche Ohren gut verständlich.

2. „Roza Makes Kasha Varnishkes.“ Reyzl Roza zeigt, wie man Buchweizen mit Schmetterlingsnudeln kocht. Sie stammt aus Khotyn in Nordbessarabien, und die Kommentare sind begeistert von Rozas bessarabischem Jiddisch. Ich übrigens auch. So etwas Authentisches hört man in den USA immer seltener. Es ist wie hier auf der Schwäbischen Alb. Wer „a krottabroits Schwäbisch schwätzt“ wird allmählich als Weltwunder bestaunt.

Schon die ersten zwei Wörter klingen bei den beiden Frauen unterschiedlich. Lilke stellt sich vor: „Majn nomen is…“ / Mein Name ist… Reyzl Roza beginnt mit: „Man numen is…“

Das „o“ wird zu „u“, die typische Aussprache im südöstlichen, ukrainischen Dialekt. Und aus „majn“ wird „man“. Das „aj“ wird zu „a“. Wenn ich zur Verwunderung meiner Oma irgendein Problem lösen konnte, sagte sie nur verschmitzt: „a kliger datsch“/ ein kluger Deutscher. Höchste Anerkennung mit ironischem Unterton. Und ein gutes Beispiel für eine weitere ganz typische Veränderung im Südjiddischen: aus dem „u“ wird ein „i“. Ein nordjiddischer „kluger dajtsch“ wird in Bessarabien zu einem „kligen datsch“.

Und noch eine Besonderheit im Süden: Weiß jemand was „wantrubn“ sind? Im Norden hätte man von „wajntrojbn“ gesprochen. Aus „oj“ wird „u“.

Wie würden junge Leute heute sagen: ein abgefahrener Dialekt, ziemlich krass. Wie konnten nur deutschsprachige Bessaraber so eine Sprache sprechen und verstehen? Bewundern muss ich ganz besonders die Bessaraber Schwoba für ihre zungenakrobatische Leistung, ein stimmhaftes „s“ ganz selbstverständlich auszusprechen. Sowas gibt’s ja im Schwäbischen überhaupt nicht. Im Jiddischen wird genau unterschieden zwischen stimmhaftem „s“ (z.B. a sach / eine Sache) und scharfem „ss“ (z. B. a ssach / viele).

Verwirrend ist allerdings für uns Deutsche, dass in der internationalen Lautumschreibung dieses stimmhafte Bienchen-“s“ als „z“ geschrieben wird. Die Reyzel Roza wäre für uns als Rejsel Rosa richtiger lesbar. Genauso wie der jiddische Musikant, der Klezmer, als Klesmer für uns die bessere Schreibweise wäre. Aber die „Kletsmermusik“ ist in dieser Aussprache schon weit verbreitet.

Was auch wenig bekannt ist: Jiddisch wurde schon immer in hebräischen Buchstaben geschrieben. Von rechts nach links. Bücher fangen „hinten“ an. Für die verschiedenen „s“ gibt es zwei unterschiedliche Zeichen. Die Probleme beginnen erst, wenn man versucht, diese Schrift oder die Sprache in unseren lateinischen Buchstaben wiederzugeben.

Mein Großvater Christian Herrmann (1884–1959) ist in Arzis aufgewachsen in einer Sprachenvielfalt von fünf verschiedenen Dialekten: Plattdeutsch, Ostmitteldeutsch, Schwäbisch, Bessarabisches Neuschwäbisch und Jiddisch (1930 sind immerhin 28,5 Prozent aller Arziser jüdisch gewesen). Obwohl mein Opa aus einer schwäbischen Familie stammte, konnte er alle diese Sprachen sprechen, und keine davon war für ihn „abgefahrener“ als die andere.

Später hat er in all diesen Dialekten Gedichte und Geschichten verfasst. Es ist jetzt schon bald 70 Jahre her, da hat er sie uns Kindern vorgelesen. Wir hingen an seinen Lippen und ich konnte nicht genug kriegen, besonders von den jiddischen Texten. „Opa nochmal! Bitte, den grojßen Nuggel“.

Damit meinte ich sein Gedicht „Der olte Räbba in san groißer Nuggel“. Glücklicherweise ist es noch erhalten geblieben. In feinstem Arziser-Bessarabisch-Jiddisch schildert Opa Christian die wahre Geschichte des Rabbi Aronowitsch Srull. Der konnte seinen Nagel am großen Zeh nicht mehr schneiden und wollte sich deshalb beim Neffen vom Opa, dem Schustermeister Emil Herrmann, größere Schuhe machen lassen. Wie der Schuster das Problem gelöst hat, schildert Opa in folgenden Reimen. Und nach diesem Crash-Kurs in Bessarabisch-Jiddisch könnte man das ja vielleicht einigermaßen verstehen. Oder?

Aw dejm Nuggel dejr Schister gibt oich a Kick
In suggt: „Gitt gejht ejr weg, m’r darf mochen an Drick.
Losst em nischt san, ihr brucht em nischthubben,
M’r kenn em ubschnaden mit dejr Schejr fer Wantrubbn!“

Ein Glück, dass der Onkel Emil eine „Wanrejbnschejr“ zur Hand hatte.

Mein Großvater ist ja ein gojischer Arziser gewesen. Er hat mit lateinischen Buchstaben die Wörter genauso aufgeschrieben, wie die Juden sie gesprochen haben. Juden schreiben überall auf der Welt in einem Standartjiddisch, das nur regional unterschiedlich ausgesprochen wird. Also wenn dieses Gedicht ein Jude aufgeschrieben hätte, dann würde da statt Schister, Kick, Gitt und Drick in hebräischen Buchstaben, ohne Groß-und Kleinschreibung, schuster, kuk, gut und druk stehen.

Ich wüsste nicht, ob das Gedicht aus Arzis oder Warschau stammt. Aus jiddischen Aufschrieben lässt sich die regionale Sprache nicht ersehen. Die gojischen Dokumente, die nur nach dem Gehöhr entstanden sind, erzählen uns viel über die Feinheiten der Aussprache und die Herkunft.

Wenn ich heute Opas Zeilen lese, dann sehe ich wieder sein markantes Gesicht vor mir und höre sein bessarabisches Jiddisch. Er war kein obergscheiter „kliger datsch“. Seine jüdischen Mitbürger hätten bestimmt gesagt: „Ejr is gewejn a giter mentsch.“

Bis zur nächsten Ausgabe verbleibe ich mit einem Abschiedsgruß den ich bei Daniel Kräenbring aus Tarutino gelernt habe und der bestens in die Coronazeit passt: „Lo-mir san gesint in frejlach“

(aus dem Mitteilungsblatt 02-21 S. 6f.)