Die evangelisch-lutherische Kirche in Bessarabien
Zeichnung von Helmut Fink, München IN 140773
Vortrag von Pastor i.R. Arnulf Baumann bei der Festwoche "Deutsche Spuren in Moldau 1814 – 2014" vom 12. bis 15. Mai 2014 in Chisinau/Republik Moldau
Der Vortrag von Arnulf Baumann in voller Länge
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Die evangelisch-lutherische Kirche in Bessarabien entstand im 19. Jahrhundert als Teil der russischen Landsmannschafts- und Kolonisationspolitik. Sie entwickelte sich zu einer eigenständigen Territorialstruktur mit regionalen Kirchspielen, Pröpsten und einem Oberpastor. Ihre Geschichte ist geprägt von Einflüssen der pietistischen Frömmigkeit, der jüdisch-christlichen Begegnung und den politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts.
Der Text skizziert die Entwicklung der evangelisch-lutherischen Kirche in Bessarabien, insbesondere im Gebiet der heutigen Republik Moldau, im Kontext der staatlichen Ordnung des Zarenreichs (1812–1918). Zentral ist der Aufbau einer lutherischen Struktur, die eng mit der russischen Staatsordnung verbunden war, jedoch keine Staatskirche, sondern eine Kirche mit staatsnaher Aufsicht und Verwaltung darstellte. Der Staat förderte den Übertritt in andere Kirchen nicht, gewährte aber dem Luthertum Glaubensfreiheit, insbesondere für Einwanderer aus evangelischen Territorien. Als Folge wuchs die lutherische Präsenz durch Zuwanderer und durch die Ansiedlung von Kolonien im Süden Bessarabien, einschließlich Tarutino, Arzis, Klöstitz und später weiterer Orte.
Bereits 1815–1819 wurden die ersten Pastoren nach Bessarabien entsandt, und 1832 wurde ein einheitliches Gesetz für die evangelisch-lutherische Kirche geschaffen, das das Land in zwei Konsistorien aufteilte. Bessarabien fiel dem Konsistorium in St. Petersburg unter und gehörte zum I. Südrussischen Propstbezirk. Die Kirchenglieder der Kolonien wurden im Zentrum der staatlichen Siedlungsplanung verankert: Kirchen- und Schulräume fanden in der Mitte der Siedlungen Platz, damit Gottesdienste, Bibel- und Gesangbuchlesen sowie Religionsunterricht möglich waren. Der Pastor leitete das kirchliche Leben durch regelmäßige Gottesdienste in den Kirchspielen und überwachte den Religionsunterricht.
Zwischen 1814 und 1842 entstanden in Südbessarabien 25 Mutterkolonien, nahezu alle evangelisch-lutherisch geprägt, mit einigen Ausnahmen. Die Kolonien entstanden in der Nähe des Steppenflusses Kogälnik. Mit der Zuwanderung weiterer deutscher Siedler aus Bukowina und Galizien wuchs die Zahl der Siedlungen auf über 150 – eine Entwicklung, die auch neue Kirchspiele erforderte. In Kischinew (Chisinau) entwickelte sich die Gemeinde zu einer respektierten Stadtgemeinde mit eigener Nikolai-Kirche (1834–1838) und zwei Schulen. Die Kirchengemeinde erstreckte sich später über ein weites Gebiet, das 16 Nebengemeinden umfasste, die jedoch aufgrund der schlechten Straßenverbindungen schwer erreichbar waren.
Die inneren religiösen Impulse der Kolonien standen unter starkem Einfluss pietistischer Kreise. Eine Schlüsselrolle spielte der Erweckungsprediger Ignaz Lindl (1774–1845), der aus Bayern stammte und durch seine Predigten die kollektive Frömmigkeit prägte. Lindl zog mit seinen Anhängern in die Schwarzmeerregion und beeinflusste die Bildung einzelner Gemeinden, insbesondere in Sarata. Die so genannte Lindl-Bewegung förderte auch die Ausbildung von Lehrern und die Gründung einer Lehrerbildungsanstalt, der Werner-Schule (1844), die Ausbildungswege für Religionsunterricht und Unterricht allgemein eröffnete.
Die kirchliche Struktur blieb auch nach der Abtrennung Bessarabiens von Russland und der Eingliederung der Region in die Evangelische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien 1927 bestehen. Ein Oberpastor führte die bessarabischen Gemeinden, während ein kleines Konsistorium in Tarutino bestand; der Oberpastor behielt das Recht zur Ordination junger Pastoren. Diese Organisation blieb bis zur Umsiedlung der Bessarabiendeutschen im Jahr 1940 bestehen.
Wesentliche Kapitel der Kirchengeschichte betreffen auch die Beziehungen zu jüdischen Gemeinden. Im Amt von Pastor Rudolf Faltin (1859–1903) entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit mit jüdischen Persönlichkeiten. Der Rabbiner Rudolf Hermann Gurland konvertierte in Kischinew zum Christentum, führte eine christliche Missionsarbeit in dieser Perspektive fort und trieb den Austausch zwischen jüdischen und lutherischen Gemeinden voran. Faltins Engagement in der jüdischen Mission, unterstützt durch Kontakte nach Leipzig (Franz Delitzsch), führte dazu, dass jüdische Übertritte in die christliche Gemeinschaft beobachtet wurden. Der Text betont, dass zwischen Lutheranern und Juden kein grundsätzlicher religiöser, sondern historischer Konflikt bestand; Übertrittsvorgänge wurden gewährt, sofern die Zuweisung rechtlich gedeckt war.
Der letzte Pastor vor der Umsiedlung, Erich Gutkewitsch (1863–1956), prägte das kirchliche Leben durch seine langjährige Amtszeit (1904–1940) und seine Fähigkeit, Menschen verschiedener Nationalitäten zu unterstützen. Seine Würdigkeit und sein Engagement trugen dazu bei, dass die kirchliche Gemeinschaft auch in schwierigen Zeiten bestehen blieb. Nach der deutschen Umsiedlung im Zweiten Weltkrieg kam es zu ersten Wiederaufbauversuchen durch die Evangelische Landeskirche A. B. in Rumänien, die jedoch durch Krieg und politische Umbrüche stark beeinträchtigt wurden. Zwischen 1941 und 1944 versammelten sich unter Führung von Friedrich Gast in Kischinew wieder Gemeinschaften; diese Aktivitäten endeten mit dem Einmarsch der Roten Armee 1944.
In der Nachkriegszeit gab es mehrere Anläufe, die Kirchengemeinde wieder zu beleben – sowohl von rumänischer Seite (Jassy) als auch aus Odessa und anderen Orten. Die Stabilität entwickelte sich schließlich in der Gemeinde von Pastor Dragan, die eine Basis in Kischinew sowie Nebengemeinden in Balti (Bälz) und Bendery (Bender) errichtete. Insgesamt blieb die evangelisch-lutherische Kirche in Bessarabien eine bedeutende, wenn auch inzwischen stark verkleinerte religiöse Gemeinschaft. Ihre Spuren finden sich in den architektonischen Zeugnissen der Kirchenbauten sowie in der historisch- kulturellen Verbindung zwischen früheren Bessarabiendeutschen und der heutigen Bevölkerung der Region.
Fazit
Die Geschichte der evangelisch-lutherischen Kirche in Bessarabien zeigt
eine dynamische Entwicklung von ersten Kolonien über eine expansive
Kirchspielstruktur bis hin zu einer im Zuge politischer Umbrüche und
Umsiedlungen geschrumpften, aber eindrucksvoll bleibenden religiösen
Tradition. Die pietistische Prägung, der Kontakt zu jüdischen Gemeinden
und die Bemühungen um Bildung und pastorale Versorgung prägten das
kirchliche Leben nachhaltig. Trotz der Vernichtung zahlreicher
Strukturen durch Krieg und Umsiedlung hinterließen die Kirchengebäude
und die generationenübergreifende Verbindung zwischen den historischen
und heutigen Bewohnern bleibende Spuren.