Der Titel kommt woher?
Bessarabien-Logo
Bessarabien­deutscher
Verein e.V.
Dobrudscha-Logo

Wir dürfen die Geschichte nicht vergessen

Woldemar Mammel · 14. Oktober 2021
Klagemauer in Jerusalem
Klagemauer in Jerusalem

Sonst wird Schweigen zur weiteren Schuld.

So etwas konnte man auch in Bessarabien bestimmt nicht häufig in der Zeitung lesen: Den Nachruf eines jüdischen Getreidehändlers auf seinen langjährigen deutschen Geschäftspartner. Es hört sich geradezu sensationell an, wie da die Wertschätzung eines Juden gegenüber seinem deutschen Kunden beschrieben wird. Der Familie Schlechter möchte ich ganz herzlich danken, dass sie dieses Dokument im Original im Mitteilungsblatt vom Juli 2020 hat abdrucken lassen.

Da viele Jüngere diese altdeutsche Frakturschrift nicht mehr lesen können – sie wurde übrigens 1941 von den Nazis als „Schwabacher Judenlettern“ verboten – möchte ich diesen Nachruf nochmals in lateinischer Schriftübertragung bringen:

Nachruf:
Am 11. Okt. l. J. starb in Plotzk Herr Friedrich Schlechter im 80. Lebensjahre. Tiefbetrübt fühlen wir uns gedrungen, noch nachträglich den trauernden Hinterbliebenen unser tiefes Mitleid auszudrücken und dem ehrwürdigen Verblichenen unsere besondere Hochachtung und Ehrerbietung nachzurufen. Jahrzehnte hatten wir geschäftlich mit dem lieben, menschenfreundlichen nun Verschiedenen zu tun und müssen sagen, dass er ein Mann aus echtem Schrot und Korn war, ein Deutscher, der alle guten Eigenschaften dieses Volkes in hohem Maße besaß und pflegte: einfach und ehrlich, arbeitsam und hilfsbereit, freundlich und wahr. Wem aus seinem Bekanntenkreis wäre er nicht mit Rat und Tat beigestanden? Wer genoss nicht seine Gastfreundschaft? Wer kannte nicht seine Gottesfurcht und wirklich christlichen Lebenswandel?
Fürwahr ein Mann der als Vorbild seinem und anderen Völkern dienen kann! Ruhe seiner Asche!

Wolf Averbuch und Söhne.
Kilia, d. 1. Nov. 1930.

Frau Erna Schlechter stellt die Frage „Was wohl aus der Familie Averbuch geworden ist, ob sie die Naziherrschaft überlebt hat?“
Im Internet findet man auf der Database der Holocaust Survivers and Victims (Datenliste der Holocaustüberlebenden und Opfer) einen Awerbuch, Wolf geb. 1891. Außerdem erscheint der Name in einer Liste von D. P. s. (Displaced Persons) aus München und Wien, zusammen mit einer Mirjam Awerbuch, geboren 1890. Sind das vielleicht die gesuchten Averbuchs aus Kilia?

Im Yizkor Book kann man nachlesen, dass 2400 – 2500 Juden bis 1940 in Kilia gelebt haben. In den Jahren nach dem Einmarsch der Rumänen im Juni l941 seien davon insgesamt 1800 umgebracht worden. Eintausendachthundert. Auch Alte, Frauen und Kinder. Hatten die Averbuchs da noch eine Chance, lebend davon zu kommen? Was war da eigentlich los?

Von Juni 1940 an gehörte Bessarabien ja zur Sowjetunion. Die Deutschen durften „heim ins Reich“.

Den Juden versuchten die Sowjets ihr religiöses Leben so gründlich wie möglich zu unterbinden. Rabbiner und führende Zionisten wurden nach Sibirien verschleppt, ebenso die reicheren Juden, die „Kapitalisten“.

Am 22. Juni 1941 überfiel Deutschland die Sowjetunion. Die Rumänen als Verbündete überquerten am 2. Juli 1941 den Grenzfluss Pruth und holten sich Bessarabien und die Nordbukowina zurück. Die Rote Armee floh nach Osten. Über das Gebiet zwischen den Flüssen Dnjestr und Bug erhielten die Rumänen die Verwaltungshoheit. Sie nannten es Transnistrien – nicht zu verwechseln mit dem heutigen schmalen Streifen östlich des Dnjesters.

Staatsführer Antonescu, der „Hitler“ dieses neuen Großrumäniens, bezichtigte die Juden Bessarabiens und der Nordbukowina der Zusammenarbeit mit den Sowjets. Das Land müsse befreit werden von diesen Kommunisten und Bolschewiken. Und seine Soldaten handelten wie gewünscht. Bei der Besetzung Bessarabiens wüteten sie unter den Juden in einer unvorstellbar bestialischen Art und Weise.

Schätzungsweise 200.000 Juden sollen aus dem Bereich Bessarabiens während des 2. Weltkriegs ermordet worden sein (Martin Gilbert, 1982). Wer kann sich das Leid von 200.000 Juden vorstellen? Dr. Eliahu Feldmann berichtet in den Yizkor Books von einer scheußlichen Aktion in Südbessarabien in der ehemals deutschen Marktgemeinde Tarutino mit einem hohen Anteil an jüdischen Einwohnern:

„Mehrere Divisionen der rumänischen Armee besetzten Tarutino. Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung war nicht mit den sich zurückziehenden Sowjets geflüchtet. Während der ersten Tage benahmen sich die rumänischen Soldaten und auch die christlichen Bewohner geradezu barbarisch. Sie schonten weder das Leben, noch den Besitz der Juden. Nachdem sie Geld und andere Wertgegenstände geraubt hatten, trieben die rumänischen Soldaten die Juden auf ein großes Feld. Auf Bänken mussten sie in einer Reihe Platz nehmen. Man sagte Ihnen, dass man Passfotos von Ihnen machen würde. Aber da war keine Kamera, sondern ein Maschinengewehr mit einem schwarzen Tuch bedeckt – so wie wenn es eine Kamera wäre. Das MG löschte das Leben der Juden von Tarutino aus“.

Wer von den deutschstämmigen Tarutinoern hat nach dem Krieg jemals etwas davon erfahren?

Ein Freund meines Vaters ist 1944 auf dem Rückzug der deutschen Armee durch die ehemals deutsche Landgemeinde Klöstitz gekommen, wo wenig Juden lebten. Er berichtete:

„Als Klöstitz 1941 von den deutsch-rumänischen Truppen eingenommen worden war, hielten die Rumänen ein hartes und scharfes Gericht über alle, die in dem Jahr russischer Herrschaft dem Kommunismus gehuldigt hatten. Die meisten waren geflohen. Der alte Jude Schloime Silbermann und sein Sohn Abraham wollten am heimatlichen Ort bleiben. Beide wurden von den Rumänen oben an der neuen Schule erschossen. Mussik, der Sohn des Apothekers Sirkis, traf das Gerichtsurteil auf der Kirchentreppe, wo ihn die Kugeln eines Exekutionskommandos durchbohrten.“ (Aus: Klöstitz, das Bild der Heimat, 1964)

Die Juden, die diese mörderischen Grausamkeiten aus der anfänglichen Besatzungszeit überlebt hatten, wurden in langen Kolonnen über den Dnjestr in das neue Transnistrien getrieben. 130.000 bis 145.000 Juden aus Rumänien, insbesondere aus Bessarabien und der Bukowina.

In primitivsten Ghettos, Lagern und Arbeitskolonien sind sie verhungert, erfroren und bei Massenerschießungen umgekommen. Von den Deportierten sind 105.000 bis 120.000 gestorben. (www.genocideagainstroma.org Völkermord mit rassistischem Charakter).

Klara Schächter beschreibt diesen Todesmarsch nach Transnistrien auf Jiddisch in dem Buch „Woss ich hob durchgelebt / Was ich durchgemacht habe“ (Konstanz 1996):

„men hot unds getribn wajter. - „und man trieb uns weiter.
ß´is schojn gewen ossjenzajt. - Der Herbst hatte begonnen.
a kalter regn mit a wint un zu bisslech zugeschnejt. - Ein kalter Regen ging auf uns nieder. Der Wind trieb Schneeflocken vor uns her.
asoj senen mir gegangen a ganzn tog in di blotess, iber di bessaraber felder. - Wir marschierten den ganzen Tag durch den Morast der bessarabischen Felder. 
Mentschn senen gefaln un sich mer nischt ojfgehojbn."
- Die Leute brachen zusammen und standen nicht mehr auf."
(übersetzt von Othmar Andree)

Sonja Palty hat als junges Mädchen 1942 1943 in Transnistrien ein Tagebuch geführt. 50 Jahre danach hat es der Hartung-Gorre-Verlag in Konstanz herausgegeben unter dem Titel: „Jenseits des Dnjestr.“ Ich musste das Buch beim Lesen immer wieder weglegen, weil ich die darin beschriebenen Gräueltaten nur schwer ausgehalten habe. Wer aber über diese jüdischen Deportationsschicksale Genaueres erfahren will, sollte unbedingt dieses Buch lesen.

Man spricht heute auch vom „Rumänischen Holocaust“ der sich da entladen hat. Zwar mit deutscher Duldung, aber auf rumänischem Gebiet und hauptsächlich ausgeführt von rumänischen Soldaten und Gendarmen.

Simon Geissbühler, ein Schweizer Diplomat und Historiker, hat die Spuren dieses Holocausts in Nordbessarabien dokumentiert. In seinem 2013 erschienenen Buch „Blutiger Juli“ – Rumäniens Vernichtungskrieg und der vergessene Massenmord an den Juden 1941, geht er auch auf die Mittäterrolle der nichtjüdischen Nachbarn ein, ohne deren Hinweise viele jüdische Familien gar nicht entdeckt worden wären. Aber die „guten Nachbarn“ spekulierten ja schon auf das jüdische Hab und Gut oder organisierten sogar eigene Tötungspogrome. Hilfe von der lokalen Bevölkerung soll selten geleistet worden sein. Nach Geissbühlers vorsichtigen Schätzungen sind wohl 1941 im Juli und August mindestens 43.500 Juden in Bessarabien und Nordbukowina getötet worden.

Was Geissbühler beklagt: „Die öffentliche Meinung in Rumänien über den Holocaust ist geprägt von Halbwissen und bewusster Verdrängung. Der rumänische Holocaust ist ein verdrängter und vergessener Holocaust.“

„Der Holocaust ist für viele in Osteuropa nicht ein (mediales) Dauerthema von dem man sich irgendwann genervt abwendet, sondern ein Tabu oder schlicht eine Erfindung.“

Und Radu Neclau, der Übersetzer von Sonja Paltys Buch „Jenseits des Dnjestr“, betont in seinem Nachwort mehrmals: „Die Deutschen dürfen nicht vergessen, und die Rumänen müssen endlich alles wissen. Sonst wird Schweigen zur weiteren Schuld.“

Oft habe ich den Eindruck, dass wir auch schon vieles vergessen haben. Ich denke da zum Beispiel an die 200-Jahrfeier von Tarutino. Hat man sich da an die 1546 jüdischen Mitbürger erinnert? Sie hatten doch einen bedeutenden Anteil an der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Gemeinde.

Und von vielen Vernichtungsaktionen der Deutschen und Rumänen von Osteuropa wissen wir viel zu wenig. Orte wie Auschwitz, Bergen-Belsen oder Dachau sind uns geläufig. Aber wer kennt die Todeslager von Bogdanowka oder Akmechetka in Transnistrien oder Babij Jar bei Kiew?

In der Schlucht von Babij Jar hat eine deutsche Einsatztruppe am 29. und 30. September l941 mit Unterstützung der Wehrmacht 33.771 jüdische Männer, Frauen und Kinder ermordet. In 36 Stunden. Es war das größte Massaker von SS und Wehrmacht an Juden im 2. Weltkrieg. Diese Erschießungsmethode führte zum Begriff des „Holocaust der Kugeln“. Erst ab 1942 wurde die „industrielle“ Tötung mit Gas praktiziert. 

Im Antisemitismus unter Stalin wollte man nicht zugeben, dass da lauter Juden ermordet wurden. Babij Jar geriet in Vergessenheit. Bis 1961 der junge russische Dichterrebell Jewgeni Jewtuschenko ein provozierendes Gedicht über Babij Jar schrieb, das klarstellte, dass da Juden in dieser Schlucht ermordet wurden.

Im April 1963 hat der Tübinger Professor Walter Jens Jewgeni Jewtuschenko in seine Literaturveranstaltung eingeladen. Ich saß in der ersten Reihe direkt unterhalb Jewtuschenkos. Ein baumlanger, schlaksiger Russe. Unvergesslich seine weit ausholenden Armbewegungen. Seine pathetische Dramaturgie ging unter die Haut. Ich hatte zuvor noch nie etwas von diesen Massenerschießungen in der Ukraine gehört.

Paul Celan, der Dichter der „Todesfuge“, selbst Jude aus der Bukowina, hat Babij Jar ins Deutsche übertragen. Seine Eltern sind übrigens auch in Transnistrien umgekommen.

Der Anfang des Gedichts:
Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal.
Ein schroffer Hang – der eine unbehauene Grabstein.
Mir ist angst.
Ich bin alt heute,
so alt wie das jüdische Volk.
Ich glaube ich bin jetzt
ein Jude.

Der Schluss:
Ich habe kein jüdisches Blut in den Adern.
Aber verhasst bin ich allen Antisemiten.
Mit wütigem, schwieligem Hass,
so hassen sie mich -
wie einen Juden.
Und deshalb bin ich
ein wirklicher Russe.

Das also ist ein wirklicher Russe, der keine Menschen hasst, die anders glauben, anders reden, andere Traditionen pflegen.

Erna Schlechter hat die Frage gestellt: „Was wäre heute die Meinung von Wolf Averbuch über das von ihm so hoch geschätzte Volk?“ Vielleicht würde er zurückfragen, wie viele wirkliche Deutsche es noch gibt.

Über diese Zeit zu schreiben, fiel mir sehr schwer, weil ich mich weder in die Opfer und noch weniger in die Täter hineinversetzen kann. Die großen Zahlen an toten Menschen übersteigen mein Vorstellungsvermögen, und Einzelschicksale von Tarutino und Klöstitz, von Klara Schächter und Sonja Palty machen mich wütend und verzweifelt.

Bessarabien gehört zu den „Bloodlands“, so der Titel eines Buches von Timothy Snyder, in dessen blutgetränktem Boden noch viele Massengräber verborgen sind, von denen bald niemand mehr etwas weiß. Und viele Fragen können wir heute nach 80 Jahren schon nicht mehr beantworten. Haben die jüdischen Nachbarn überlebt? Was ist aus den Averbuchs geworden?

Louise Wiens aus Canada schreibt im Internet über Juden und Deutsche im bessarabischen Leipzig: „Alle lebten friedlich beieinander. Es wurde sogar untereinander geheiratet. So viele Familienbande wurden zerstört und so viele Menschen mussten ihr Leben lassen. Wir sollten dafür sorgen, dass die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät“.
„We need to keep the history alive“!

Dieser Satz hat mich bestärkt, diesen Artikel überhaupt zu schreiben.

(aus dem Mitteilungsblatt Oktober 2021)