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Isija's Geschichte

Zvi Schächter · 11. August 2022
Durch den "Holocaust durch Kugeln" kamen in Osteuropa 1,5 Mio. Juden ums Leben
Durch den "Holocaust durch Kugeln" kamen in Osteuropa 1,5 Mio. Juden ums Leben

Der folgende Erlebnisbericht „Isijas Geschichte“ ist ein erschütterndes Dokument des „Holocaust durch Kugeln“, welchem in Osteuropa 1,5 Mio. Juden zum Opfer gefallen sind.
Isija ist der Sohn des David Seltzer, eines Juden aus Sarata. Nur Isija überlebt die Vernichtungsorgien und kann später, in Israel, seine Geschichte erzählen. Er hat sie dem Autor Zvi Schächter (aus Sarata) mitgeteil.
Uwe Quellmann

Übersetzung: Englisch von Yocheved Klausner, Deutsch von Uwe Quellmann

Im Juli des Jahres 1941 rollte ein von Pferden gezogener Wagen in einer langen Reihe von Fuhrwerken, auf der Straße, die sich durch gelbe Maisfelder zog. Das Fuhrwerk hatte Sarata früh am Morgen verlassen, auf dem Weg zur Brücke über den Dnjester. Der Lärm von Zugmaschinen, welche beschädigte Kanonen und andere schwere Waffen zogen, vermischte sich mit dem Geräusch der Räder der beladenen Fuhrwerke. Die Waffen wurden von der herannahenden Front mitgenommen und das menschliche „Transportgut“ floh aus den bessarabischen Dörfern. Überall war die Niederlage zu sehen und fühlen. Auch die erschöpften Pferde zogen die Wagen mit letzter Anstrengung. Die Kolonne bewegte sich langsam vorwärts. Es gab Gerüchte, daß am Tag vorher die Deutschen die Kolonne bombardiert hatten und Fallschirmjäger für Sabotagezwecke einsetzten.

Auf dem aus Sarata kommenden Wagen saßen vier Menschen, bleich und in Sorge. Einer von ihnen, der die Zügel hielt, war David Seltzer; aber es war nicht das lustige und fröhliche David'l, wie man ihn sonst kannte. Sein Gesicht war betrübt und er war in tiefen Gedanken. David'l war unterwegs zu seiner Familie, zu seiner Frau Zenia und ihren Zwillingen Isija und Dora. Sie warteten auf ihn in Odessa.

Zwei russische Soldaten, an der Straße stehend, stoppten das Fuhrwerk mit den Worten: „Kein Zugang nach Odessa“. Sie befahlen ihm, zu wenden, und den Weg in die Ukraine zu nehmen. David erklärte den Soldaten, dass er nach Odessa müsse, wo seine Frau und die kleinen Kinder auf ihn warteten – zwecklos. Er beschloss, eine andere Strecke zu nehmen und über Ovidiopol nach Odessa zu gelangen.

Sein Sohn Isija, einer der wenigen, welche die Mordgruben im Lager überlebten, erzählte uns, was geschehen war – ein schockierendes Zeugnis, triefend vom Blut der gequälten Juden, die selbst an der Schwelle des Todes ihre Würde bewahrten:

Im Oktober 1941 marschierte die deutsche Armee in Odessa ein. Es wurde ein Befehl erteilt, dass alle Juden an einem Ort namens Fontenia sich melden müssten und Ausweise erhalten sollten. Ca. 60.000 Juden kamen, einschließlich alter Menschen und Kindern. Sie wurden nach Delnik gebracht, einer verlassenen Armeekaserne mit einigen Gebäuden und Hütten. Auf dem Weg dorthin wurden sie von Gestaposoldaten mit Stöcken und Gewehrkolben geschlagen. Babies, in den Armen ihrer Mütter, weinten bitterlich. Die Deutschen trieben die hilflosen Menschen an und schossen ohne Anlaß in die Menge.

Schließlich erreichten sie Delnik und die Gestapo zwängte die Masse – tausende Menschen übereinander – in die verminten Gebäude. Grauenhafte Schreie waren zu hören, es gab keine Luft mehr zum Atmen. Die Mörder zündeten die Minen in den Gebäuden und sprengten die Juden darin in die Luft. Die Luft widerhallte von den furchtbaren Explosionen und füllte sich mit dem widerlichen Geruch von Rauch und Blut, zusammen mit den verzweifelten Schreien der Opfer.

Wir – mein Vater, meine Mutter und meine Schwester – näherten uns diesem Ort; wir waren einen Schritt vom sicheren Tod entfernt. Aber, aus irgendeinem Grund, setzten die Nazis ihre Mordorgie aus und wir schafften es zurück in die leere Wohnung und blieben dort.

Im November 1941 erließ die Gestapo den Befehl, dass alle in Odessa verbliebenen Juden im Gefängnishof erscheinen, zur Arbeit. Mein Vater erfuhr, dass, wer immer dorthin ging, sofort umgebracht würde. 

Mein Vater ging nicht. Meine Eltern wandten sich an einen ukrainischen Bauern, gaben ihm einen Pelzmantel und den Goldschmuck meiner Mutter, und er versprach, uns zu verstecken. Er führte uns zu einer verborgenen Ecke im Dachboden seines Hauses. Von dort aus konnten wir die Bewegungen der Gestapo verfolgen. Wir sahen sie von Haus zu Haus gehen und die Juden hinaustreiben. Wieder wurde ein Befehl erlassen, dass die Juden nach Slobotka kommen müssten und von dort wurden sie deportiert nach Atzikov, Beresowska und Bogdanowka. Drei Wochen später brachte der Bauer, welcher unseren Schmuck angenommen hatte, die Gestapo zu unserem Versteck.

Die Nazis brachten uns, zusammen mit vielen anderen Juden, in ein Deportationslager in Beresowska, 28 Kilometer von Odessa. Die übriggebliebenen Odessaer Juden wurden hier zusammengepfercht, nachdem sie gezwungen worden waren, in den kalten Wintertagen und in Schneestürmen hierher zu laufen. Sie liefen durch Schnee und Schlamm, weinend und ihrer Kinder herzzerreißendes Schreien in den Ohren. Sie hatten keine Kraft mehr, wegen des Hungers, unter dem sie in Odessa gelitten hatten, wo viele ihrer Lieben umgekommen waren. Viele waren verwundet, ihre Kleider zerrissen und blutbefleckt von den Schlägen. Viele stürzten und konnten nicht mehr aufstehen und die Nazis schossen weiter auf die entkräfteten Wanderer und töteten sie.

Von Beresowka verschleppten sie die Juden in die Ortschaften Guliewka, Sofiewka und Zlatostewa, in die Kolchosen – ein kleiner „Rest“. Aber die Nazibestie plante ihr Vernichtungswerk peinlich genau und die Mordmaschinerie hielt pünktlich den Zeitplan ein.

Wir wurden in die Sofiewka-Kolchose geschickt, um landwirtschaftliche Arbeit zu verrichten. Mein Vater brachte nach Sofiewka einige Sarataer Bürger aus der Nachbarschaft mit, Fischel und Tsirna Rieder und ihre Schwiegertochter mit ihrem Baby; außerdem Jehoschua Hersch Apteker, seine Frau und ihren Sohn Sioma. Wir arbeiteten auf einer Kolchose in Sofiewka. Unsere Familie lebte im Haus eines ukrainischen Bauern, einer Baptistenfamilie, die die Nazis verachtete. Die Dorfbewohner berichteten uns von den Gräueln der Nazis, dem Morden, das sie mit eigenen Augen mitangesehen hatten und den permanenten Erschießungen von Juden. Wir wussten, dass das Schicksal der Juden besiegelt war und der Mord systematisch vollzogen wurde. Die Gegend war von Deutschen bevölkert, die mit den Nazis kollaborierten, wie auch einige Ukrainer. Wir lebten in der Kolchose, auf der Hut vor jedem Laut, dem Bellen eines Hundes, dem Geräusch von Schritten in den langen Winternächten. Auf unseren schmalen Schultern lag großes Leid.

Im Frühjahr 1942, im Morgengrauen eines Tages im Mai, umringte die Gestapo Sofiewka. Die „Aktion“ rückte heran – bald würden sie anfangen, die Häuser zu durchsuchen und die Juden mitzunehmen. Wir, die Kinder und unsere Mutter, versteckten uns in einem Heuschober im Hof und unser Vater blieb im Haus. Die Nazis durchsuchten das Haus von oben bis unten, schossen auch in den Heuschober, aber trafen uns nicht. Mein Vater und andere wurden außerhalb der Kolchose gebracht; die Gruben waren fertig; aber vor den Erschießungen sortierten sie unter den Juden ein paar Handwerker heraus – und mein Vater, Fischel, Rieder und Apteker sagten, sie seien Handwerker, Sattler. Sie waren unter den wenigen, die diese „Aktion“ überlebten; die anderen, mehrere Tausend, wurden getötet.

Als mein Vater zurückkam hörte er das ständige Geräusch von Schüssen. Mit Einbruch der Nacht bekamen wir Angst. Jedes Geräusch beunruhigte und erschreckte uns – jeden Augenblick könnten sie kommen. Lang waren unsere Nächte in Sofiewka. Die Nazis verwandelten unseren Tag in Nacht.

An einem heißen Sommertag im August 1942 umstellten die Nazis wieder Sofiewka. 3.000 Juden waren übriggeblieben an diesem Ort. Wir blieben bei der ukrainischen Baptistenfamilie. Die Frau sagte uns, dass die Aktion begonnen hätte. Sie bat uns, meine Zwillingsschwester Dora bei ihnen zu lassen, denn die Nazis, so sagte sie, würden sie nicht als jüdisch erkennen. Sie kleideten Dora in eine typisch ukrainische Tracht. Sie hatte Angst, mich zu behalten, da die Nazis die Jungen kontrollierten, indem sie ihnen die Hose herunterzogen.

Die Deutschen umschlossen uns. Früh am Morgen trieben sie uns alle aus den Häusern und schlugen uns grausam. Sie untersuchten jede Ecke des Hauses. Sie waren Experten im „Juden jagen“. Einige Juden, die versuchten zu flüchten, wurden sofort erschossen.

Isijas Fatum war der Todesmarsch gewesen neben anderen Leiden; jetzt ist er hier bei mir und es geht ihm körperlich gut, aber die Wunde in seinem Herzen blutet weiter über den Verlust seiner Lieben im Tal des Todes.

Früh am Morgen wurden wir außerhalb des Dorfes gebracht, zu einem umzäunten Platz: ich, Vater und Mutter, Fischel und Tsirna Rieder und ihr Baby, Jehoschua Hersch Apteker mit seiner Frau und ihrem Sohn Sioma. Nahe bei dem Platz waren lange Gräben. Sie hatten zuvor Juden dorthin gebracht mit der Anweisung, Gräben auszuheben. Die Nazis befahlen uns allen, uns auszuziehen, entweder nur um uns zu erniedrigen, oder mit dem zusätzlichen Zweck, uns umzubringen und unsere Kleider mitzunehmen. Nackt, gedemütigt und getreten standen wir da; wir verstanden nicht, warum sie uns quälten und auf uns schossen. Die Sonne sandte ihre Strahlen und erhellte die traurige Szenerie. Das Weinen der Mütter war weithin zu hören. Ich stand da und sah mit eigenen Augen das Massaker mit an. Ich sah die Nazis und ihre bösen Gesichter, voll Genugtuung und Behagen über ihre mörderischen Taten.

Als Riva dicht an die Grube kam bat sie um Gnade für das Baby in ihren Händen. Eine Gestapofrau in Naziuniform schlug dem Baby mit dem Eisenstab in ihrer Hand an den Kopf. Ein grauenhafter Schrei kam aus dem Kehle der Mutter, aber sie wurde augenblicklich mit einer Kugel zum Schweigen gebracht. Schweigen legte sich über den Ort, aber es wurde sehr bald wieder gebrochen: Schüsse waren wieder zu hören und die Mordmaschinerie arbeitete weiter. Jehoschua Hersch Apteker, seine Frau und ihr Sohn Sioma näherten sich. Am Rande der Grube umarmte Apteker seine Frau und küsste sie – Liebe im Angesicht des Todes. An der Schwelle zum Tod bewahrten sie ihre Würde. Kugeln beendeten ihr Leben. Der 14 Jahre alte Sohn Sioma wurde erschossen und in die Grube geworfen während er noch lebte.

Es war gegen Sonnenuntergang und die Sonne sandte ihre letzten Strahlen. Das Morden ging weiter. Die Anzahl der Juden, nackt, kraftlos und leidend, die ca. 3.000 betrug, wurde von Minute zu Minute geringer. Sie wussten alle, was sie erwartete, jede Minute – viele akzeptierten diese Realität; die Mehrheit wartete schweigend. Von den Gräben hörte man verzweifelte Schreie, Mütter baten um Erbarmen für ihre Kinder – was war ihre Sünde? Aber keiner dieser Schreie konnte das Herz der Nazibestien rühren. Ich stand ungefähr fünf Meter vor dem Rand der Grube und sah Satan auf dem Gipfel des Bösen. Mein Vater und meine Mutter näherten sich. Meine Mutter hielt meine Hand und bat um Mitleid.

Vor einer Gestapokolonne stehend, die mit sadistischem Vergnügen schoss, kämpfte sie mit ihrer letzten Kraft, mich nicht aus ihrer Hand zu lassen. Ein Schuss schnitt ihren furchtbaren Schrei ab, als sie mich mit ihrem Körper deckte und mich mit sich in die Grube zog. Ich stürzte mit ihr hinein, hörte einen weiteren Schuss und verlor das Bewusstsein. So bewahrte mich meine Mutter vor dem Tod.

Isijas Gesicht war rot und ein Beben ging durch seinen Körper.

Als ich wieder aufwachte fand ich mich in einem Knäuel ermordeter Menschen. Herzzerreißendes Stöhnen war zu hören. Einige von ihnen waren noch am Sterben und lebendig begraben. Ich war mit Blut bedeckt und mein ganzer Körper schmerzte. Ich war von einer Kugel ins Bein getroffen worden als ich in die Grube geworfen wurde. Mit letzter Kraft, nach einer gewaltigen Anstrengung, gelang es mir, herauszuklettern.

Es dämmerte. Die ersten Strahlen der Sonne waren durch den Morgennebel zu sehen. Ich sah Sioma Apteker, am ganzen Körper verletzt; er schaffte es nicht, aus der Grube zu klettern und zusammen mit Avrascha half ich ihm. Avrascha war ein 14 Jahre alter Junge aus Odessa, welcher auch von den Kugeln verschont blieb, die auf ihn in der Grube abgefeuert wurden. Es gelang uns, den verletzten Sioma aus der Grube zu ziehen.

Als wir herauskamen, schossen die mit der Wache an der Grube betrauten deutschen Soldaten auf uns. Sioma wurde wieder getroffen, stürzte und stand nicht mehr auf. Avrascha und ich rannten in das nahe Wäldchen, während die Nazis auf uns schossen und die Kugeln uns umschwirrten. Aber wir erreichten das Gehölz und versteckten uns dort. Am Morgen sahen wir durch die Bäume hindurch, wie die Deutschen Benzin in die Grube schütteten und die Leichen verbrannten.

Ungefähr 12 Tage blieben Avrascha und ich in dem Wäldchen. Wir hatten Angst, es zu verlassen; deutsche Bauern lebten in der Nachbarschaft und wir waren sicher, sie würden uns den Nazis anzeigen. Wir waren hungrig und durstig. Die Tage waren heiß und wir waren dehydriert. Wir aßen, was wir im Boden fanden, verfaulte Kartoffeln, Rüben.

Der ukrainische Bauer, in dessen Haus wir gewohnt hatten, kam raus auf das Feld und brachte uns eine Flasche Milch und Brot. Er ermahnte uns, vorsichtig zu sein, da die Gegend voll von Nazis und ihrer Helfer sei. Er sagte uns auch, dass aus Rumänien deportierte Juden im Lager Mostovia lebten und die Nazis sie nicht erschossen.

Wir versteckten uns weiter unter den Bäumen des kleinen Wäldchens. Die Nachbarschaft war feindselig, Schüsse waren oft zu hören. Wir sahen aus der Entfernung Menschen Gruben ausheben. Die Gegend war voller Massengräber. Führte uns unser Weg wieder zu den Nazis? Kraftlos, mit Lumpen bedeckt, müde und hungrig trotteten wir durch die Nächte und verbargen uns bei Tageslicht im Maisfeld. Wie können wir Mostovia erreichen?

Plötzlich erblickten wir ein Fuhrwerk, beladen mit Grünfutter für Tiere, unterwegs auf der Straße nach Mostovia. Ohne den Fuhrmann zu kennen kletterten wir auf den Wagen. Aber ein vorbeikommender deutscher Landarbeiter hatte beobachtet, was wir machten, kletterte auch auf den Wagen und packte uns. Plötzlich überholte uns ein Motorrad mit großem Getöse; die Pferde erschraken und begannen zu galoppieren. Das Fuhrwerk schwankte von einer Seite zur andern, es gelang uns, uns aus dem Griff des Deutschen zu befreien und vom Wagen zu springen. Mit letzter Kraft rannten wir zum Maisfeld und versteckten uns zwischen den großen Maispflanzen.

Werden wir es schaffen? Der Deutsche erreichte die nächste Ortschaft und alarmierte andere Dorfbewohner, die begannen, das Maisfeld zu durchsuchen. Wir hielten unseren Atem an, mehrmals kamen sie auf ihren Pferden nahe an uns vorbei, aber sie entdeckten unser Versteck nicht. So waren wir wieder vor dem sicheren Tod bewahrt.

Wir lebten in ständiger Angst. Der Tod überschattete uns. Aber Rettung war noch weit entfernt; von allen Seiten verfolgt schwand unsere Hoffnung, dass wir entkommen würden; jede Spur führte zum Henker. Jeden Tag gruben Juden neue Gräber; immerfort waren Schüsse in der Umgebung zu hören. Und dennoch, sogar zwei kleine Jungen, 12 Jahre alt und vom Hunger aufgeschwollen – der starke Lebenswille trieb sie vorwärts auf der Suche nach Rettung. Es ging das Gerücht um, dass sie im Lager der rumänischen Juden die Gefangenen nicht umbringen, sondern sie lediglich hungern ließen.

Zwei weitere Tage vergingen, zwei heiße Tage des Hungers, des Dursts und der Erschöpfung. In der Nacht kamen wir an einem kleinen Ort vorbei – nur ein paar Häuser. Wir hörten die Hunde bellen. Aus dem Wäldchen hinauszugehen war gefährlich, aber wir hatten keine Wahl. Wir gingen in den Keller eines der Häuser; dort fanden wir Käse und Sauermilch, wir aßen und tranken. Aber unser Organismus war der Verarbeitung der Nahrung nicht gewachsen, und als wir weggingen bekamen wir Durchfall. Wer weiß, ob wir genug Kraft haben, unsere vielen Schwierigkeiten durchzustehen? Immer noch gingen wir weiter Richtung Mostovia – bei Nacht auf der Straße und am Tag auf Nebenwegen und durch Gebüsch.

Ungefähr einen halben Kilometer vor Mostovia sahen wir wieder Deutsche Juden erschießen; später erfuhren wir, dass auch Zigeuner unter jenen Erschossenen waren. Wir sahen die blutdürstigen Nazis in ihren Uniformen und hörten die furchtbaren Schreie der Opfer – ich dachte an meine Lieben und mein Blut kochte in meinen Adern.

Als wir uns Mostovia näherten, trafen wir einen russischen Bauern, der uns zur Vorsicht gemahnte, da unser Leben in Gefahr sei.

Isija fuhr mit seiner Geschichte fort. Er atmete heftig, als trüge er eine schwere Last auf seinen Schultern.

Während wir mit dem russischen Bauern sprachen, erschien ein rumänischer Gendarm und fragte auf rumänisch: „Wer seid ihr?“ Ich antwortete in rumänisch. Avrascha konnte kein rumänisch. Der Gendarm nahm uns auf seinem Wagen mit zu seinem Kommandeur in Mostavia, welcher das Lager der jüdischen Deportierten bewachte.

Der Kommandeur fragte woher wir kämen. Ich berichtete ihm, dass meine Eltern ermordet waren und wir vor den Todesgruben flüchteten, und setzte hinzu: „Wir sind in Ihrer Hand, tun Sie mit uns, was Sie für richtig halten.“ Der Kommandeur fragte „Was ist, wenn ich euch erschieße?“ und ergänzte: „Habt keine Angst, ihr werdet hier Kleider und Proviant erhalten und euch wird nichts geschehen.“

Der Gendarm nahm uns mit in die Küche und gab uns Verpflegung und Kleider und Armeestiefel. Er sagte uns, dass sie angehalten seien, Juden, welche aus Russland und Bessarabien kämen, zu erschießen, aber uns würden sie nichts tun. Am Abend kam der Leiter des Komitees der rumänischen in dem Lager und sagte uns, dass wir gerettet wären. Wir wurden in das Lager der rumänischen Juden eingegliedert – ca. 600 Juden – und zur Arbeit in die Küche geschickt. Wir blieben hier ungefähr sieben Monate.

Im Jahr 1943 kam ein Befehl vom russischen Roten Kreuz, uns freizulassen. Mit Hilfe des Roten Kreuzes und unter seinem Schutz gingen wir nach Sofiewka, um unsere Schwester abzuholen, die immer noch bei der ukrainischen Bauernfamilie lebte. Als die baptistische Bäuerin mich sah – wohl wissend, was bei der "Aktion" geschehen war – erschrak sie und dachte wohl, dass ich aus meinem Grab gestiegen wäre.

Ich nahm Dora mit mir und kehrte nach Mostovia zurück und das Rote Kreuz verlegte uns, zusammen mit vielen anderen Kindern, nach Tiraspol. Hier befanden sich 1200 Kinder in Quarantäne, um die Ausbreitung von Krankheiten zu vermeiden. Uns wurden die Haare geschoren, wir bekamen neue Kleider, und Ende 1943 wurden wir in die Stadt Jassy verbracht. Die Juden von Jassy hießen uns warmherzig willkommen. Als die Front näher kam, wurden wir in andere Städte in Rumänien überführt. Überall kümmerten sich die örtlichen Juden um uns und wir lebten in jüdischen Familien. Später wurden wir nach Bukarest gebracht und warteten dort auf die russische Besetzung. Die Russen nahmen die russischen Kinder mit und schickten sie in den Donbass, wo ein Kohlebergwerk war. Ich arbeitete in einer Ziegelei, fand aber keine Ruhe im Donbass; ich wollte einen Angehörigen oder einen Bekannten finden und davon berichten, was meine Augen gesehen hatten, vom bitteren Ende meiner Eltern und den Tausenden von Juden, deren Gräber über die Felder von Transnistrien verstreut waren. Ich verließ Donbass und ging für ein paar Tage nach Sarata. Dort fand ich ein paar jüdische Familien, die im Begriff waren, die zerstörte Stadt zu verlassen.

Ich ging nach Odessa, das wieder in der Hand der Sowjets war. Ich informierte die Behörden über den Ukrainer, der die Nazis über uns informiert hatte. Er wurde zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt.

Als Isija den Ukrainer erwähnte, blitzten seine Augen und sein Atem wurde schwer – seine ganze Person rief „Rache!“.

Ich setzte meine Reise fort und kam nach Kischinjew.

Isija trank einen Schluck Wasser und hörte eine kurze Weile auf zu sprechen. Die Schreckensbilder erhoben sich wieder vor seinen Augen, Schweiß bedeckte sein Gesicht. Wie groß der Lebenswille, der Mut und die Kraft zum Überleben eines jüdischen Jungen!

Am Tisch saß Isijas Sohn, seiner Großmutter ähnlich, welche dort geblieben war. Ihm wird solches nicht passieren; er lebt jetzt in seinem eigenen Land.

aus: Akkerman and the Towns of its District; Memorial Book

(übernommen für das Mitteilungsblatt August 2022)