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Jiddische Begegnungen

Woldemar Mammel · 11. November 2021
Eine Brosche mit Geschichte
Eine Brosche mit Geschichte

Bronjas Brosche

In der Schmuckschatulle von meinem Bäsle Gertrud Effinger, da liegt eine Brosche.

„Trudi, die musst Du unbedingt zum Kulturtag nach Stuttgart mitbringen. Da geht’s nämlich um Juden und Deutsche in Bessarabien.“ So redete ich auf sie ein. „Na ja“ meinte sie „die Brosche ist ja nichts Besonderes, höchstens die Geschichte, die dahinter steckt“.

Es ist die Geschichte von ihrem Vater Emil Herrmann, dem Schuhmachermeister aus Arzis und der Arziser Jüdin Bronja Schliegol.

„Mein Vater war einer der Ersten, der 1983 an einer von Herrn Kelm organisierten Busreise nach Bessarabien teilnahm. Es war eine sehr beschwerliche Reise bei großer Hitze ohne Klimaanlage.
Nach 43 Jahren wollte er unbedingt sein altes Heimatdorf Arzis wiedersehen. Er hatte keine Ahnung ob er vielleicht noch jemanden von seinen alten Bekannten antreffen würde. Doch dann traf er in Arzis ganz unerwartet und überraschend auf Bronja, seine ehemalige, gleichaltrige Nachbarin. Diese Begegnung hat beide stark berührt. Sie redeten jiddisch miteinander und sie erkundigte sich nach seinen Eltern und seinen Brüdern Robert und Reinhold. Den stattlichen Reinhold hatte sie noch in guter Erinnerung: 'Oi is er gewejn schejn.'
Wenn man meinen Vater später nach seinen Reiseeindrücken befragte, dann war das Erlebnis, Bronja getroffen zu haben, der Höhepunkt dieser Fahrt. Sie schrieben sich Briefe auf Russisch, und bei seiner 2. Reise in die alte Heimat suchte er sie wieder auf. Meine Mutter Amalie konnte leider nicht mitfahren. Bronja gab meinem Vater für sie eine Brosche als Geschenk mit. Ich bewahre sie immer noch in meiner Schmuckschatulle auf.“

Bronja und ihr Bruder sind wohl die letzten Überlebenden der einst großen jüdischen Gemeinde von Arzis gewesen. Warum sind sie nach dem 2. Weltkrieg wieder nach Arzis gezogen? Andere wie Samuel Gurfil, der im Yizkor-Book den Artikel über Arzis verfasst hat, wanderten nach Israel aus. Voraussichtlich wird niemand dieser jüdischen Arziser zum Stuttgarter Kulturtag kommen. Bronjas Brosche wird an ihrer Stelle da sein. Eine Brosche schmückt, und sie kann auch zwei Teile zusammenhalten. Leider sind die deutschen und die jüdischen Bessaraber schon weit auseinandergedriftet.

Emil Herrmann besuchte mindestens sechs Mal Arzis, und einige Bewohner kamen sogar zu Besuch zu ihm nach Waiblingen. Darunter auch der Arziser Landrat mit Frau. 1996, im Alter von 90 Jahren, wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Arzis ernannt. Emil Herrmann war ein Brückenbauer. Er besuchte nicht nur den alten Arziser Friedhof, wo er die Grabsteine seines Großvaters und Urgroßvaters fand, sondern auch den jüdischen Friedhof. Trudi als Begleiterin brachte ein Foto mit von dem dort errichteten Gedenkstein, auf dem die Namen der 1942 von „Faschisten erschossenen Juden“ eingemeißelt sind.

Juden gab es keine mehr

Auch jüdische Bessaraber, die überlebt hatten, besuchten ihre alte Heimat. Shalom Kochuk berichtet imYizkor-Gedenkbuch: 

„Im September 1978 besuchte ich Tarutino. Da war nichts mehr davon übrig, was uns einst lieb und teuer gewesen ist. Die Wohnungen waren weg. Die Geschäfte, die Werkstätten und Fabriken waren völlig verschwunden. Tarutino hatte zu dieser Zeit die Funktion eines Distrikt-Zentrums im Odessaer Gebiet. An die Stelle der zerstörten Gebäude wurden von der Kolchose neue errichtet.
In der Nähe des jüdischen Gymnasiums, das noch steht, gibt es jetzt das Kaufhaus 'Univermag'. Stilmanns Getreidemühle hat auch überlebt. Aber von der Poiln-Schil, der polnischen Synagoge stehen nur noch die Außenwände. Unser Gymnasium dient jetzt als eine Distrikt-Schule und im deutschen Sportclub ist ein Kultur-Centrum untergebracht. Auch die 1938 erbaute Elektrizitätsstation blieb erhalten. Ich ging zum Friedhof um nach meiner Familie zu suchen, aber man kann da gar nicht hineingehen. Auf der Straße von Beresina her kann man die zerbrochenen Grabsteine sehen, der Beweis dafür, dass es da mal einen jüdischen Friedhof gegeben hat. Im Dorf gibt es keine Juden mehr. Die jetzigen Bewohner erzählten mir, dass der jüdische Friedhof mit Traktoren platt gemacht worden ist.“

Ausgelöschte Erinnerung

Acht Jahre alt war Trudi, als ihre Familie 1942 in Westpreußen angesiedelt wurde. Juden lebten da keine. Aber es mussten welche da gewesen sein, denn ganz in der Nähe ihres zugewiesenen Hofes in Weisseck/poln. Wiesocka bei Schneidemühl entdeckte Trudi einen jüdischen Friedhof. Zwischen den Grabsteinen spielte sie öfters mit anderen bessarabischen Kindern.

2013 fuhr sie mit ihrem Mann nach Polen, um die Plätze aus ihrer Kindheitserinnerung nochmals aufzusuchen. Von einem ehemaligen Arbeiter vom Hof ihres Onkels, mittlerweile ein hochbetagter Mann, ließ sie sich den jüdischen Friedhof zeigen. Ein kleines Wäldchen war zu sehen. Keine Grabsteine. Keine Mauern. Keine Gedenktafel. Nichts. Die polnischen Behörden hatten reinen Tisch gemacht.

Eine jiddische Kuh

Trudi erzählt weiter: „Nach unserer Flucht aus Westpreußen im Januar 1945 gelangten wir mit den Großeltern nach Mecklenburg, wo wir auf einem Gutshof untergebracht wurden. Dort erlebten wir am 8. Mai den Einmarsch der russischen Armee. Diese beschlagnahmten als erstes fast den gesamten Viehbestand. Zuvor jedoch schlachteten die Truppen ein Rind und kochten sich ihren russischen Krautborschtsch. Mein Großvater Johann Herrmann mischte sich unter die Soldaten, kam mit ihnen auf Russisch ins Gespräch, was zur Folge hatte, dass sie ihm eine ordentliche Portion der Suppe schenkten. Dieser Geschmack ist mir noch heute unvergesslich.
Einer der Truppe war mit dem Wegtrieb des Viehs beauftragt und diesen fragte Opa, ob er nicht eine Milchkuh ihm überlassen könnte, denn wir hätten ja Milch und Butter so nötig. Bei diesem Gespräch stellte sich heraus, dass der Mann Jude war und beide in dessen Muttersprache, nämlich Jiddisch, verhandeln konnten. Der jüdische Soldat war so erfreut über diese Begegnung, dass sofort eine Kuh in den Besitz von Johann Herrmann überging.“

Weltsprache Jiddisch

Solche Begegnungen von jiddisch sprechenden Bessarabern und osteuropäischen Juden sind wohl nicht so häufig vorgekommen. Am ehesten noch in Nordamerika, wohin viele Ostjuden und auch etliche Bessaraber ausgewandert sind. Aber auch in Australien, Südafrika und Südamerika kann einem Jiddisch begegnen. Und immer wird es dieses Gefühl der Verbundenheit, einer gemeinsamen Heimat in der Sprache geben. Da spielen sogar Kriegsfeindschaften, wie in der vorigen Geschichte, keine Rolle mehr.

Ein weiteres Beispiel schildert Siegfried Trautwein im MB vom Dez. 2017 in seinem Artikel „Papa und sein blinder Schimmel“. Wunderbar leicht ironisch beschreibt er die umtriebige, typisch bessarabische Arbeitsweise seines Vaters Robert Trautwein, der 1952 mit der ganzen Familie in die USA, nach Nord-Dakota, ausgewandert ist. Als alter Tarutinoer sprach sein Vater natürlich auch Jiddisch und konnte es auch prompt in Amerika anwenden:

„In der Stadt gab es auch einen Laden, den eine jüdische Familie bewirtschaftete, ebenso wie in Tarutino. Papa konnte sich gut mit den Leuten in Jiddisch unterhalten. Der Opa dort freute sich immer, wenn Papa ihn besuchte. Und er ließ ihn nie gehen, ohne dass er etwas für die Familie mit nach Hause nehmen konnte.“

Ein Judendorf ohne Juden

1946 wurde mein Vater Arnold Mammel aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Anderthalb Jahre musste er in den USA verbringen. In Waiblingen, im schwäbischen Württemberg, trafen wir uns alle wieder. Mein Vater bekam sofort eine Anstellung als Lehrer, allerdings im nördlichsten Teil von Württemberg, im fränkischen Taubertal, in dem kleinen Dorf Archshofen, direkt an der bayerischen Grenze.

Von der Lehrerwohnung aus sahen wir direkt auf den „Judenstieg“, eine etwas bergauf führende Straße nach Creglingen. Mitten im Dorf stand eine kleine, alte Synagoge.

Wir waren in einem fränkischen „Judendorf“ gelandet. Unsere Oma konnte mir fast alle Fragen erklären: Dass die Juden am Sabbat wahrscheinlich nur bis zum Ende des Judenstiegs spazieren durften. Oder dass der Name daher kommt, dass sie auf diesem Weg ihre Toten zum jüdischen Friedhof nach Creglingen getragen haben.

Aber wo die Juden jetzt sind, das wusste auch unsere Oma nicht so genau. Mein Vater wusste da schon mehr. Als Lehrer bekam er Informationsmaterial über die Konzentrationslager. Ich weiß nicht mehr genau, was er uns alles erzählt hat. Nur an ein grauenvolles Foto kann ich mich erinnern. Ausgemergelte, tote Menschen waren wie Holzstämme auf einem Wagen gestapelt. Warum bloß? Verstanden habe ich das erst Jahre später.

Für meinen Vater waren diese unvorstellbaren Grausamkeiten auch ziemlich neu. Aber er konnte im Nachhinein sich manches erklären. 1934-1937 war er ja Küsterlehrer in Scholtoi in Nordbessarabien. Dort hatte sein Hauswirt zwei Juden aus Berlin für ein paar Tage versteckt. Sie wollten bis in die Sowjetunion oder sogar nach Palästina durchkommen. Ich bin mir sicher, dass er schon damals etwas über die Situation der Juden in Deutschland mitbekommen hat.

Die Synagoge in Archshofen konnte man nur an den hohen spitz zulaufenden Fenstern als einen besonderen Bau erkennen, der wahrscheinlich für religiöse Zwecke gebaut worden war. Aber ursprünglich soll es ein Eselstall gewesen sein. Ein eingeschlagenes Fenster verlockte uns Kinder immer wieder einen Blick ins Innere zu werfen, wo „Glasperlen“ von riesigen Deckenleuchtern blinkten. Eines Tages half uns ein schon größeres Mädchen durch das schon kaputte Fenster einzusteigen. Einer der Leuchter war herab gerissen und die kantig geschliffenen Kristallperlen lagen zwischen den Holzbänken auf dem Boden herum.

Sie waren längs durchlöchert und wir fädelten sie zu einer Kette auf, die meine kleine Schwester sich umhängen musste. Sie spielte immer die Braut, der Nachbarsbub den Bräutigam und ich war der Schleierträger. Stolz geschmückt kletterten wir wieder hinaus, stießen aber zu Hause auf völliges Unverständnis für unsere Tat. Unser Vater hat uns ordentlich den Hintern versohlt, damit wir ja nie wieder auf die Idee kommen sollten, ungefragt in fremde Gebäude einzusteigen. Unserer Oma hat diese Problemlösung nicht so recht behagt. Sie hat sich auf dem Rathaus den Synagogenschlüssel besorgt und am nächsten Sonntag sind wir ganz offiziell durch die Eingangstüre in die Synagoge einmarschiert. Gleich rechts die Stiege hinauf zur Frauenempore hat uns Oma dirigiert, und uns erklärt wie von hier oben die Frauen auf die Männer hinunterschauen konnten. Genau umgekehrt wie in unserer christlichen Kirche, dachte ich bei mir. Aber die schönen Naturholzbänke, die riesigen Leuchter, alles hat mich an eine Kirche erinnert. Ein Kruzifix war allerdings nicht zu sehen.

Und Oma erläuterte uns, dass in dem Schrank da vorn normalerweise die Torarolle stünde. Aber die war weg. Oma hatte die vier Synagogen von Tarutino gekannt und konnte deshalb uns Kindern erklären, wie Juden Gottesdienst feiern. Oma wusste fast alles.

Eine dieser geschliffenen Kristallperlen habe ich noch lange Jahre in meinem Schatzschächtele aufbewahrt. Ich habe sie oft als Handschmeichler benützt und dabei an die wunderschöne Kindheit in dem Dorf an der Tauber gedacht. Dem Judendorf in dem keine Juden mehr lebten.

Übers Internet habe ich erfahren, dass in Creglingen ein jüdisches Museum eingerichtet worden ist. Mit Hilfe eines Audioguides kann man sich durch die Ausstellung führen lassen. „Für das letzte Objekt unserer Tour richten sie ihre Blicke bitte nach oben ins Dachgebälk...“ Tatsächlich, da hängt doch wirklich einer dieser Kronleuchter aus der Synagoge von Archshofen, unter denen wir Kinder Hochzeiterles gespielt haben. Restauriert, aber nicht ganz vollständig, hat er nach über 70 Jahren bei mir ein schlechtes Gewissen ausgelöst. Meine „kleine“ Schwester und ich haben beschlossen, dem Jüdischen Museum in Creglingen eine Spende zu überweisen.

Einsam wandernde Grabsteine

Meine Großeltern wollten mehr ins Schwäbische, näher nach Stuttgart zu den Verwandten. So zogen wir 1950 weiter. Zur gleichen Zeit geisterte eine Idee bei den Bessarabern herum, in größeren Gruppen nach Paraguay auszuwandern, um wieder Landwirtschaft betreiben zu können. Ich war sofort begeistert und habe gleich meinen Vater gefragt, ob es dort auch Indianer gäbe.

Aber meine Mutter hat gebremst. Sie wollte nach der Flucht und dem ständigen Umherziehen endlich zur Ruhe kommen. Und so sind wir geblieben. Richtig heimisch sind meine Großeltern hier nicht mehr geworden. Sie lebten bis zu ihrem Tod in ihrem Bessarabien. Im Grunde waren auch sie entwurzelte “Displaced Persons“.

Die Juden, die Holocaust und Krieg überlebt hatten, waren zu der Zeit hier in Deutschland zu Tausenden in sogenannten D.P.-Camps untergebracht. Auch sie hatten das große Problem: Wohin sollen wir gehen? „Wi ahin sul iach gejn?“ heißt es in einem jiddischen Lied.

Der KZ-Überlebende Josef Rogel ist zusammen mit seiner Frau Klara Schächter – im letzten Beitrag habe ich sie zitiert – von Rumänien nach Kanada ausgewandert. In seinem jiddischen Gedichtband über Auschwitz beschreibt er seinen seelischen Zustand in der Fremde mit folgenden Worten, die genau so auf meine Großeltern hätten zutreffen können:

„itzt gefinn ich sich in a fremder far
mir welt, in a welt, woss blit mit
satkejt und frejd un ich fil sich wi an
ejnsame, arumgejendike mazejwe mit
an ojsgebrentn numer ojf der hand.“

Jetzt finde ich mich in einer mir
fremden Welt, in einer Welt, die
blüht in Sattheit und Vergnügen
und ich fühle mich wie ein einsamer
umherziehender Grabstein mit einer
eingebrannten Nummer auf dem Arm.

(aus dem Mitteilungsblatt November 2021)