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Jüdisches Gemeindeleben in Sarata

Woldemar Mammel · 12. August 2021
Die Wernerstraße in Sarata an einem Markttag
Die Wernerstraße in Sarata an einem Markttag

Seit Januar 2021 erscheint jeden Monat im Mitteilungsblatt ein Beitrag über das Zusammenleben von Deutschen und Juden in bessarabischen Dörfern. Bisher standen die Marktgemeinden Tarutino und Arzis im Mittelpunkt. Aber auch in Sarata fand wöchentlich ein Markt statt, was für viele jüdische Händler ausschlaggebend war, sich dort niederzulassen. 1924 zählte man 22 jüdische Geschäfte, und 1930 lebten 316 Juden in Sarata bei einer Gesamtzahl von 2661 Einwohnern (Quelle: JewishGen, Bessarabia SIG).

Die von jüdischen Mitbürgern geschilderten Stimmungsbilder in den vergangenen Beiträgen vermitteln uns eigentlich ein harmonisches Nebeneinander beider Gruppen. Zumindest in Tarutino und auch in Arzis.

Die Schilderungen über Sarata, die ich in den 1960er Jahren von meiner Verwandtschaft mitbekommen habe, klangen allerdings völlig anders: Juden seien hauptsächlich in rumänischer Zeit nach Sarata zugezogen, obwohl sie bei der deutschen Bevölkerung überhaupt nicht beliebt gewesen seien.

Allgemein galt die Parole, Juden keine Grundstücke zu verkaufen. Dennoch konnten die Sarataer Juden am südlichen Ende nahe bei der Bahn einen Bauplatz von deutschen Bauern bekommen, um dort ihre Synagoge zu errichten.

Da die rumänische Verwaltung allen Bürgern Zugang zu den öffentlichen Ämtern garantierte, gelang es auch einem Juden, in den Gemeinderat gewählt zu werden.

Das hat vielen Deutschen in Sarata gar nicht gepasst. Als die antisemitische Partei der Cuzisten in Rumänien an die Macht kam, wurde der Gemeinderat aufgelöst und Neuwahlen durchgeführt.

Was war in Sarata anders als in Tarutino? Ich vermute, dass der zeitliche Ablauf der Begegnung dieser beiden Nationalitäten eine wichtige Rolle gespielt hat. In Tarutino hat sich offensichtlich im Laufe vieler Jahrzehnte das Zusammenleben zwischen Juden und Deutschen ganz allmählich entwickeln können. In Sarata sind Juden relativ spät, nämlich zwischen den beiden Weltkriegen, in größerer Zahl zugezogen.

Wirkte das vielleicht bedrohlich auf die alteingesessenen Deutschen? Wie bedrohlich die Deutschen auf die Juden eingewirkt haben, das erfahren wir am Schluss des Beitrags von dem Sarataer Juden Zvi Schächter, der im Yizkor Gedenkbuch (Tel Aviv 1983) beschreibt, wie er diese schwierige Zeit in seiner Heimatgemeinde erlebt hat.

(aus dem Mitteilungsblatt 08-21)