Auf der Suche nach dem kaiserlichen Ferman zum Bau der Kirche in Atmadscha/ Atmagea
Heinz-Jürgen Oertel, auf www.wikipedia.de
Wo befindet sich das Original der kaiserlichen Baugenehmigung des Sultans für das älteste evangelische Gotteshaus der Dobrudscha – und wie eine kleine Recherche über künstliche Intelligenz, fehlerhafte Zitate und historische Quellen zu überraschen den Erkenntnissen führte.
Wenn man heute nach den Wurzeln und historischen Dokumenten unserer dobrudschadeutschen Muttergemeinde Atmadscha (Atmagea) sucht, stößt man rasch auf eine Schlüsselurkunde: den kaiserlichen Ferman von Sultan Abdülmecid I. aus dem Jahr 1860. Dieser Erlass gestattete den 1848 aus Bessarabien eingewanderten evangelischen Bauern den Bau einer eigenen Kirche. Doch wo befindet sich das Original dieses osmanischen Dokuments heute?
Bei der Nachforschung führt der Weg oft über moderne Werkzeuge – wie etwa Künstliche Intelligenz (KI). Die Anfrage an Googles Gemini lieferte als mögliche Aufbewahrungsorte das Osmanische Archiv in Istanbul (Başkanlık Osmanlı Arşivi/ BOA), das Evangelische Zentralarchiv in Berlin (EZA) sowie das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA PK) in Berlin. Während der Verbleib des Originals in den Archiven noch genauer überprüft werden muss, ergab die Spurensuche in den Sekundärquellen eine ganz eigene, lehrreiche Geschichte.
Der „Zitier-Teufel“ in der Sekundärliteratur
Auf der Suche nach dem abgedruckten Text des Fermans stößt man in der Fachzeitschrift Spiegelungen (Heft 1/2014, Themenheft: Die evangelischen Gemeinden in der Dobrudscha) auf folgende Fußnote:
„Am 20. Juli 1860 erteilte Sultan Abdul Meschid I. [...] die Erlaubnis zum Bau des Gotteshauses, Text in: JbDD (1) 1956, S. 37; Hans Petri: Allerlei aus der Geschichte der Gemeinde Atmagea, in: JbDD (2) 1957, S. 29–42, hier S. 38.
Wer jedoch hoffnungsvoll im Jahrbuch der Dobrudschadeutschen (JbDD) Band 1 (1956) nachschlägt, wird zunächst enttäuscht: Auf Seite 37 findet sich kein Ferman. Dort wird ein komplett anderes Thema behandelt.
Auf den Hinweis bezüglich dieser Fehlanzeige rechtfertigte sich die KI Gemini prompt mit Verweis auf die Ungenauigkeit der Sekundärliteratur: Ein klassischer Übernahme- und Zitierfehler in der Geschichtswissenschaft, der unkritisch weitergetragen wurde!
Der Blick in den Band 2 (1957) des Jahrbuchs bringt schließlich die Auflösung: Auf Seite 36 findet sich die Abbildung (Faksimile) des originalen Fermans. Auf der folgenden Seite 37 druckt Pastor Hans Petri den vollständigen ins Deutsche übersetzten Text der Baugenehmigung ab.
Diese kleine Anekdote zeigt eindringlich: Eine KI ist immer nur so gut wie die Quellen, mit denen sie gefüttert wird. Ohne die Prüfung der Primär- und Sekundärquellen durch den historisch kritischen Verstand bleibt auch die modernste Technik fehleranfällig.
Was die Bildanalyse des Fermans verrät
Mit dem vorliegenden Faksimile aus dem Jahrbuch 1957 wurden moderne Bild- und Textanalysen (via KI-Tools wie ChatGPT und Gemini) durchgeführt. Das Dokument ist in der hochoffiziellen osmanischen Kanzleischrift Dîvânî (Osmanisch-Türkisch in arabischer Schrift) verfasst.
Trotz verwaschenem Druck und der Komplexität der Paläografie lässt sich die diplomatische Struktur des kaiserlichen Befehls klar erkennen:
1. Die Tughra (ganz oben): Das kunstvolle kalligrafische Siegel des Sultans Abdülmecid I. (Abdülmecid b. Mahmud han muzaffer daima).
2. Die Invocatio/ Narratio (Einleitung): Die Anrede richtet sich direkt an die lokalen osmanischen Behörden im Sandschak Tulcea bzw. Babadag (u. a. den Müftü, den Kadı und den Muteßarrief).
3. Der Befehl (Dispositio): Bezugnahme auf das Gesuch (Arzuhal) der preußischen Gesandtschaft für die protestantischen Untertanen (Protestan tebaası) im Dorf Atmagea (Atmagea karyesi). Gestattet wird der Bau eines Gotteshauses (kilise).
4. Das Beglaubigungssiegel (unten links): Der Abdruck (Mühür) des zuständigen Statthalters zur Bestätigung des Erhalts in der Provinz.
Der deutsche Text des Fermans von 1860
In seinem Jahrbuch-Beitrag von 1957 über lieferte Hans Petri die Übersetzung des historischen Dokuments: „Dem Muteßarrief (= Verwalter) der Provinz Tultscha, dem Kadi (= Richter) und Na’ib (Unter-Richter) und den Müdirs (= Dorfvorstehern) des Distrikts von Babadag wird durch dieses allerhöchste Handzeichen folgendes bekanntgegeben:
Nachdem die vor einiger Zeit aus Deutschland gekommenen Einwohner, welche die osmanische Untertanenschaft angenommen und in Atmadscha ein Dorf gegründet und sich daselbst niedergelassen haben, keine eigene Kirche zur Ausübung ihres religiösen Kultus besitzen, haben diese wie Mir berichtet wird, mit einer Masbâta (= Sammeleingabe) die Bitte gestellt, auf kaiserlich-ärarischen Grund und Boden, welcher an der einen Seite an die Gemeindeschule und auf den drei anderen Seiten an die Heerstraße grenzt und 32 Schritte lang und 23 Schritte breit ist, eine neue Kirche, 24 Ellen lang, 15 Ellen breit und 8 Ellen hoch, bauen zu dürfen.
[...] Infolgedessen habe ich kraft Meiner kaiserlichen Machtvollkommenheit die Erlaubnis erteilt und diesen hohen Befehl erlassen. — Wenn daher die obige neu zu erbauende Kirche nicht in dem Mohammedaner-Viertel liegt, wenn niemandem aus dem Bau der Kirche ein Nachteil erwächst und auch sonst dort kein Anstand obwaltet, soll die Kirche in den vorerwähnten Ausmaßen [...] erbaut werden, ohne daß sich irgendjemand dem widersetzen oder es verhindern und ohne daß dafür ein Pfennig Geld oder ein Korn genommen werden darf [...]. Gegeben zu Beginn des heiligen Monates Muharrem des Jahres 1277 (das ist der 20. Juli 1860).“
Rückblick: Die Anfänge von Atmadscha
Die Geschichte dieses Kirchenbaus ist eng verknüpft mit den beschwerlichen Anfangsjahren der Gemeinde. Im August/September 1848 gründeten deutsche Bauern aus dem Nachbardorf Akpunar – darunter die Familien Kalk, Dörmann, Kraus und Kühn – die Siedlung Atmadscha. Die meisten stammten ursprünglich aus Westpreußen und Posen, aber auch aus Pommern, Brandenburg, Sachsen und Württemberg. Ihr plattdeutscher Dialekt sollte sich über Jahrzehnte hinweg rein und unverfälscht im Tal von Atmadscha halten.
Nach harten Rodungsarbeiten im dichten Urwald, Auswanderungswirren in die Moldau (1862) und schweren Rückschlägen konnte die helle Kirche mit ihrem viereckigen Turm schließlich am ersten Pfingsttag 1865 geweiht werden – ermöglicht durch den kaiserlichen Ferman von 1860 und den unbeugsamen Glauben unserer Vorfahren.
Fazit: Wo der originale Ferman aus Papier heute genau aufbewahrt wird, bleibt eine spannende Archivaufgabe. Dass wir seinen Inhalt und sein Bild jedoch besitzen, verdanken wir der akribischen Heimatforschung von Männern wie Hans Petri – und der Bereitschaft, auch im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, genau in den alten Jahrbüchern nachzuschlagen!
Ausblick:
Jetzt sind Sie gefragt! Die Recherche rund um den Bauerlaubnis-Ferman von Atmadscha beweist: Erst das genaue Nachschlagen und Vergleichen von Quellen bringt die Wahrheit ans Licht. Besitzen Sie noch sachdienliche Hinweise, Aufzeichnungen oder Fotos aus der Gründungs- und Kirchengeschichte unserer Dörfer? Dann unterstützen Sie unsere Dokumentationsarbeit! Schicken Sie Ihre Hinweise, Fundstücke oder Kopien an die Redaktion des Mitteilungsblattes. Jeder Beitrag hilft, das Andenken unserer Vorfahren lückenlos zu bewahren.