Der Titel kommt woher?
Bessarabien-Logo
Bessarabien­deutscher
Verein e.V.
Dobrudscha-Logo

Lomir redn Jiddisch

Woldemar Mammel · 14. Januar 2021
ein Tallit (jüdischer Gebetsmantel) über dem Geländer einer Synagoge
ein Tallit (jüdischer Gebetsmantel) über dem Geländer einer Synagoge

Es war in den 1950er Jahren. Nach Krieg und Flucht wohnten wir hier in Baden-Württemberg bereits im eigenen Häusle. Und ich erinnere mich noch genau an so manche Sonntagnachmittage bei uns zu Hause in der Wohnstube.

Oma und Opa, meine Eltern, ein paar Verwandte und Bekannte füllten lautstark den Raum mit viel Gelächter und Geschichten. Ein Stimmengewirr aus Hochdeutsch und Schwäbisch, plattdeutschen, russischen und rumänischen Sätzen. Und dazwischen immer wieder Witze auf Jiddisch. Bis ich plötzlich hörte – ich hab’s noch genau im Ohr: nu lomir redn jidisch/Reden wir doch Jiddisch.

Saßen da etwa osteuropäische Juden Tee trinkend beieinander? Vielleicht DiPis (D.P.s), „Displaced Persons“? Entwurzelte und hier Gestrandete, die sich eine neue Heimat suchten? Mein Vater hatte von ihnen erzählt.

Ich durfte in dieser Runde das neugierige Mäusle spielen, ging von Tasse zu Tasse und schenkte Tschaj nach, Schwarzen Tee. A glejsl tej far die interhalting/ein Gläschen Tee zur Unterhaltung, meinte meine Oma, das gehöre einfach dazu.

Nein, das waren keine jüdischen D.P.s. Das waren lauter gojische datsche/nichtjüdische Deutsche, die hier in Württemberg versuchten, Wurzeln zu schlagen.

Sie stammten alle aus Bessarabien, diesem Land zwischen den Flüssen Pruth und Dnjester, zwischen Rumänien und der Ukraine. Ein Land, das heute auf keiner Landkarte mehr zu finden ist. Im Norden hat sich die ehemalige Sowjetrepublik Moldawien selbständig gemacht. Der Süden, ein fruchtbares Steppengebiet, der so genannte Budschak, gehört heute zur Ukraine. Zwischen 1813 und 1940 haben dort deutsche Auswanderer gelebt und über 100 Siedlungen gegründet.

In einem jiddischen Sprichwort wird ein Goj, der Jiddisch spricht, verglichen mit einer Henne, die kräht wie ein Hahn. Also a goj wos schmust jidisch – das ist für Juden schwer vorstellbar.

Für mich als Jugendlicher war es das Normalste von der Welt, dass die ganze mesbuche/die Großfamilie, Jiddisch hat reden oder zumindest verstehen können.

Ja, ich dachte damals sogar, dass wohl jeder deutschstämmige Bessaraber die jiddische Sprache mehr oder weniger beherrschen würde. Russisch oder Rumänisch konnten doch auch fast alle. Und gekräht hat bei uns nur der Gockeler.

Lang ist es her, dass in unserer Stube Jiddisch, Rumänisch und Schwäbisch gleichzeitig zu hören war. Vor ein paar Jahren nun stieß ich im Internet überraschend auf Texte jüdischer Bessaraber. Und was ich da lesen konnte, das hat mir sehr geholfen, unsere speziellen „Sprachabnormitäten“ besser zu verstehen.

Diese Texte sind Teile des Yizkor Book Projects, einer gigantischen Sammlung von Geschichten zur Erinnerung an die jüdischen Gemeinden Ost- und Zentraleuropas, die durch den Holocaust vernichtet worden sind.

Die Originaltexte wurden meist in Hebräisch und Jiddisch von überlebenden ehemaligen Bewohnern verfasst oder von jüdischen regionalen landsmanschaftn – nicht wundern, das Wort gibt’s im Jiddischen auch.

Da viele Juden heutzutage weder Hebräisch noch Jiddisch verstehen können, sind schon einige dieser Berichte ins Englische übersetzt worden. Darunter auch – maseltow/was für ein Glück! – Geschichten aus Tarutino und Arzis, den beiden Heimatgemeinden meiner Vorfahren.

Achtung! Der Unbeschnitteneversteht alles!

Im Band „Bilhorod-Dnistrovs’kyy (Akkerman), Ukraine“ Seite 274 beschreibt der ehemalige Tarutinoer Schmuel Brilliant das sprachliche Zusammenleben von Juden und Deutschen folgendermaßen [übersetzt aus der englischen Version]:

„Fast alle Deutschen in Tarutino verstanden etwas Jiddisch. Deshalb achteten Juden darauf, wenn sie sich untereinander unterhielten, ja keine [dem Deutschen ähnliche] Wörter zu benutzen, die die Deutschen vielleicht hätten verstehen können. Der Ausspruch „Der Unbeschnittene versteht alles“ war sehr verbreitet und diente als Warnung.“

Schmuel Brilliant fährt fort:

„Man erzählt sich auch eine Geschichte von zwei Deutschen aus Tarutino, die auf ihrem Weg nach Kischinau [der heutigen Hauptstadt von Moldawien] in einer jüdischen Gaststätte Halt machten und Wein bestellten. Wie sie aufbrechen wollten, nannte ihnen der Wirt den Preis, den sie bezahlen sollten. Aber die Deutschen waren nur bereit, den halben Preis zu bezahlen. Als der Jude fragte, was das zu bedeuten habe, antworteten sie: 'Wir haben gehört, wie du die Bestellung deiner Frau weitergegeben hast und auf Hebräisch gesagt hast ‚halb Wasser‘. Und weil du uns also nur die Hälfte des Weins serviert hast, zahlen wir auch nur die Hälfte…'“

Und weiter berichtet Brilliant:

„Die Fähigkeit von Deutschen, sich in Hebräisch und Jiddisch auszudrücken, rührte auch daher, dass einige deutsche Kinder zusammen mit den jüdischen den Chejder [die jüdische Grundschule] besuchten. Wir erinnern uns an einige: Sascha Bross, der später Rechtsanwalt wurde, Robert Hirschkorn, Bogner u. andere. Wir erinnern uns auch an einen Deutschen, den wir Wanka nannten. Er brachte immer Versandgüter vom Bahnhof und schrieb Mitteilungen auf Jiddisch an seine jüdischen Kunden …“

„Im Cheider lernten die deutschen Schüler alles, was die jüdischen auch lernten. Aber von zwei Aufgaben waren sie befreit: Vom Anlegen der Tfilin [der Gebetsriemen] und dem Aufsagen des Kiddusch [dem Segensspruch am Sabbatabend].
Wenn man das so betrachtet, dann war Tarutino schon eine einmalige Besonderheit in Bessarabien, und vielleicht sogar auf der ganzen Welt.“

Tajrer Schmuel, mach an ek!/Lieber Schmuel, übertreib’s nicht! Die Tarutinoer könnten sonst platzen vor Stolz. Man kann’s ja schier nicht glauben, aber wer weiß, vielleicht haben in Tarutino wirklich ein paar Hühner gekräht.

(aus dem Mitteilungsblatt 01-21 S. 19))