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Mein Städtchen Schabo

Aharon Kaminker · 10. Februar 2022
Schabo ca. 1922
Schabo ca. 1922

Der Folgende Text über Schabo ist dem „Buch des Gedenkens“ (Jiskor-Book) des Kreises Akkerman entnommen. Diese Buchreihe, ich habe sie im Juniheft kurz vorgestellt, umfasst mehr als 2000 Bände (über ehemalige jüdische Gemeinden in Europa); über 100 davon sind inzwischen ins Englische übersetzt und somit einem großen Leserkreis zugänglich.

Wann genau die Texte verfasst worden sind, weiß ich nicht; das Akkerman-Buch wurde im Jahr 1983 in Tel Aviv herausgebracht.

Diese Erinnerungen an Schabo haben mich besonders berührt. Auch nach 2-maligem Übersetzen (hebräisch-englisch-deutsch), so meine ich, überträgt sich noch ein „Zauber“ auf den Leser. Der Zauber und die Ruhe einer „romantischen“ (und vergangenen) Epoche, welche Aharon Kaminker in poetischen Zeilen „heraufbeschwört“. Zumindest im ersten Teil seiner Erinnerungen an sein Schtetl Schabo …

Der 2. Teil dieser Erinnerungen spiegelt Episoden der Geschichte Osteuropas wider: das Pogrom von Kischinjew, der russisch-japanische Krieg, Erster Weltkrieg und die große Revolution in Russland.

Als nach dem Ersten Weltkrieg sich die zionistische Bewegung unter der jüdischen Bevölkerung Bessarabiens neu entfachte, war auch unser Autor, Aharon Kaminker, mit Begeisterung dabei. Wie viele andere erkannte auch er, dass in der Diaspora in Europa keine Zukunft für jüdische Menschen sei, sondern allein in Zion, das heißt, dem damaligen Palästina. Dieser Zionismus, die Rückkehr in die alte Heimat, wurde übrigens, damals wie heute, von der orthodoxen Judenschaft abgelehnt. Für diese kommt nur der Messias als Gründer eines Staates infrage. Die Staatsgründung Israels 1948 war das Werk säkularer sozialistischer, und damit zionistischer Juden.

W. Mammel hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass in den 30er Jahren in Bessarabien zwei parallele nationalistische Bewegungen im Umlauf waren: die zionistische Bewegung der jüdischen Bevölkerung und die Erneuerungsbewegung eines Teils der deutschen Kolonisten.

Der Zionismus hatte die „Errichtung einer nationalen Heimstätte“ für die bedrängten Juden Europas zum Ziel und wurde nach 50 Jahren, nach dem Holocaust, verwirklicht (Theodor Herzl 1897: „Wenn ihr es wollt, ist es kein Märchen“).

Die deutsch-nationale Erneuerungsbewegung, aggressiv und ausgrenzend gegenüber Juden, wurde durch die Umsiedlung der Bessarabiendeutschen ausgebremst …

U. Quellmann

Übersetzung ins Englische: Jocheved Klausner, von dort ins Deutsche: Uwe Quellmann

Schabo war ein ziemlich berühmtes Städtchen, aber es ist fraglich, ob irgendwer versucht hat, seine Geschichte und was dort alles geschehen ist, zu erforschen. Wahrscheinlich wurde es vor ungefähr 200 Jahren gegründet. Die ganze Umgegend war unbevölkert, das Land wild und rundum wüst.

Erste Schritte zur Kultivierung dieser Gegend wurden von der Regierung des zaristischen Russland unternommen, indem Deutsche angeworben wurden, sich dort anzusiedeln. Man teilte ihnen Flurstücke zu und unterstützte sie, so dass sie die rückständige Provinz erschließen konnten. Das erklärt die Tatsache, dass so viele Deutsche in dieser Region lebten, zeitweise bis zu 750 Tausend Personen.

Schabo gliederte sich in drei Regionen: der nördliche Teil, unweit von Akkerman, hieß Kolonia. Die Bevölkerung umfasste Franzosen, Deutsche und Schweizer Bürger, womöglich auch noch weitere Nationalitäten. Manche dieser Bürger waren wohlhabend und Grundbesitzer, und die meisten von ihnen – fleißige Leute.

Schon bald errichteten die Bewohner dieser Gegend große landwirtschaftliche Betriebe, Weinkeller, schmucke Häuser mit großen Innenhöfen, Vieh- und Pferdeställen, usf.

Die Landwirte von Kolonia beschäftigten russische Landarbeiter auf ihren Höfen bei geringer Bezahlung; der Arbeitstag begann im Morgengrauen und endete bei Sonnenuntergang.

Die Kolonia-Region war gut entwickelt und von jedem Besucher bewundert. Die hübschen Häuser, mit roten Ziegeln bedeckt, waren umringt von Gärten, die Straßen waren breit, von Bäumen gesäumt, und die Weingärten sah man in der Ferne. Ich erinnere mich, dass ich als Kind davon träumte, wir würden in „Eretz Israel“ unsere Städtchen nach dem Vorbild von Kolonia aufbauen.

Die Bewohner dieser Gegend fühlten sich stolz und waren hochmütig. Sie waren sehr vorsichtig, sich nicht mit anderen – „minderwertigen“ – Nationalitäten zu vermischen … insbesondere nicht mit Juden. Dennoch besuchten besuchten Massen von Juden während des Sommers die Gegend. Das Klima war angenehm und heilsam und die Juden „übernahmen“ diesen Ort als Sommerfrische.

Die Einwohner vermieteten ihnen eine Unterkunft in ihren Privathäusern und stellten ihnen die Erzeugnisse ihrer Landwirtschaft zur Verfügung, wie frische Milch, Weintrauben usf. Die Preise waren nicht gering, aber da Kolonia für sein gutes Klima berühmt war, zogen es viele vor, ihren Urlaub dort zu verbringen und zahlten willig.

Im Gegensatz zum schönen Kolonia besaßen die Bewohner der südlichen Region, Richtung Schwarzes Meer, kleine und schlecht entwickelte Bauernhöfe. Meist waren es Ukrainer; darunter auch ein paar jüdische Familien. Diese ganze Gegend war – sichtlich – arm. Niedrige Häuser aus Lehmziegeln und mit Strohdächern. Die Höfe erwirtschafteten nicht genug Ertrag für den Unterhalt der Familie; ihre Mitglieder brauchten daher zusätzliche Arbeit, außerhalb der Landwirtschaft. Der Unterschied zwischen den nördlichen und den südlichen Ortsteilen war sehr groß.

Und es gab eine dritte Region, zwischen diesen beiden, wo Ukrainer, Deutsche und Juden in Frieden lebten. Sie wurde „Psada Schabo“ genannt. Hier waren die örtlichen Behörden und die öffentliche Verwaltung angesiedelt, außerdem Geschäfte, Werkstätten, der Marktplatz, Metzgereien, u.a.m.

Entlang dieser drei Ortsteile flossen die Wasser des Liman (ein Mündungsarm des Dnjester) über eine Strecke von 10 km ins Schwarze Meer.

Das Wasser des Liman war klar und still und schuf so eine Atmosphäre der Ruhe in der ganzen Gegend. Der Dnjester selbst hingegen war ein großer Fluß von eigenmächtigem Charakter und einzigartiger Strömung. Für meine kindliche Sichtweise war das Verhältnis zwischen Dnjester und Liman ähnlich dem unseres Jordan und dem See Genezareth. 

Während unserer Kindheit zog es uns zu den Ufern des Flusses und wir verbrachten dort viele Stunden, die Schönheit der Landschaft und ihre antike Pracht bewundernd.

Ich muss auch erwähnen, dass der Liman viele gute Fischarten beinhaltete, welche der Bevölkerung als Nahrung dienten und die auch nach Odessa exportiert wurden. Dank des guten Klimas, des stillen Liman und der fruchtbaren Felder und Weingärten wurde Schabo berühmt in Rußland. Es schien ein natürlicher Urlaubsort zu sein und so wurde es auch „der Heilort“ genannt.

Die Saison eröffnete im Frühling, nach dem Pessachfest, und dauerte 5–6 Monate, bis in den Herbst, nach dem Ende der Traubenlese.

Die Besucher waren in der Regel (und vielleicht ausschließlich) Juden, welche meist aus Odessa kamen. Viele von ihnen waren wohlhabend, aber es gab auch einfache Leute unter ihnen, die nach Kolonia kamen, um „Kräfte zu sammeln“, und Linderung von der Hitze der großen Stadt, in der reinen Luft der kühlen Wälder. Viele litten an allerlei Leiden und Gebrechen und gingen nach Schabo auf Anraten ihrer Ärzte.

Ich kann mich erinnern, dass unter ihnen Berühmtheiten waren: Bialik, Tschernichowski, Rawnitzki, Tschernowitz (ein junger Rabbi), Frug, Tchodanowski und andere. Abgesehen vom wirtschaftlichen Nutzen schufen diese Gäste eine Atmosphäre von Kultur und interessanten Erfahrungen in dem Ort und hinterließen angenehme Erinnerungen.

Die jüdische Gemeinde in Schabo

Wann kamen die ersten Juden nach Schabo? Ich kann es nicht sagen. Es ist wahrscheinlich, dass die ersten jüdischen Siedler gleich zu Beginn der Besiedlung in diese Kolonie kamen. Sie kamen aus allen Teilen des großen russischen Reiches – Litauen, Polen, der Ukraine, dem Kaukasus usw.

Verständlicherweise brachten sie mit sich neue Bräuche und Lebensarten, neue Gebetsformen usw., aber mit den Jahren vermengten sich diese und eine neue Ausprägung, zugehörig zur gesamten jüdischen Lebensgemeinschaft, war entstanden.

In der Zeit meiner Jugend waren ca. 60 Familien Teil der jüdischen Gemeinde in Schabo. Nur wenige von ihnen besaßen Eigentum; die meisten kämpften hart um einen bescheidenen Lebensunterhalt. Viele waren Kaufleute, aber es gab auch Handwerker, Beschäftigte in verschiedenen Dienstleistungen, Fuhrleute, Metzger – so wie es in den „Schtetls“ der Juden in der Diaspora seit undenklichen Zeiten gewesen ist.

Die Weinherstellung und der Weinhandel, welche besonders in Schabo entwickelt waren, beschäftigte viele Juden in den unterschiedlichen Segmenten.

Wie in den anderen „Schteitlach“ [Städtchen] gab es auch in Schabo viele religiöse Juden, die alle [rituellen] Gebote streng beachteten und ihr Leben nach der Thora und der Tradition ausrichteten, aber es gab auch säkulare Familien, welche an ihrer Kleidung und an ihrer Lebensführung zu erkennen waren. Dennoch hatten sogar die „weltlichen“ Familien Achtung vor jüdischer Tradition und vor den Dingen, welche für viele Generationen heilig waren.

Man kann sagen, dass eine jüdisch-nationale Atmosphäre in jedem Haus in unserer Stadt herrschte. Am Vorabend des Schabbat und der Feiertage legte sich eine festliche Stimmung über die jüdische Gemeinschaft in der Stadt. Schabbatkerzen brannten in jedem Haus, die Tische waren festlich gedeckt mit besonderen Speisen, und beinahe alle Juden gingen in die Synagoge. Vor dem Schabbat oder einem Feiertag verwandelten sich die „Alltagsjuden“ in „Feiertagsjuden“. So war es in allen bessarabischen Städtchen – und so war es auch in unserem.

Während der Urlaubszeit, wenn die ganzen Besucher kamen, waren die Synagogen zu klein für all die Leute, und wir mieteten Hallen und große Räume in Privathäusern für die Andachten.

Ich erinnere mich gut an die „Alte Synagoge“ auf der Hauptstraße. Sie war das religiöse Zentrum – eine Art Tempel – für die kleine Gemeinde. Eine Wand trennte die Frauensektion von der Haupthalle. Der Thoraschrein war in die Ostmauer eingefügt; darin wurden die Thorarollen aufbewahrt und noch verschiedene andere religiöse Gegenstände.

Der Schrein war bedeckt mit einem besonderen Vorhang, bestickt mit goldenen Lettern, und der Platz des Kantors war daneben. In der Mitte befand sich ein großer quadratischer Tisch für die Thorarolle während der Lesung des wöchentlichen Thoraabschnitts. An den beiden Seiten des Tischs standen die beiden „Gabbais“ (Diener, Vorsteher): R´Berl Steinberg und R´Joel Meirson s´´l, welche die Namen derer, die „zur Thora gerufen“ waren, ankündigten. Der Vorleser, R´Binjamin Kaminker s´´l, stand bereit. Er war auch der rituelle Schlachter von Schabo.

Die Synagoge war auch der Ort, an dem wir Hochzeiten, Bar-Mitzwah-Feiern, Gedenk-Tage usw. abhielten. Sie war eine Institution, welche die hiesige jüdische Öffentlichkeit einte. Versammlungen, Festvorträge, gesellige Zusammenkünfte etc. wurden hier ebenfalls veranstaltet und die gesamte jüdische Bevölkerung nutzte sie regelmäßig.

Bis heute bewahre ich in meinem Herzen eine besondere Verbindung zu unserer Synagoge, und ich glaube, dass alle ehemaligen Bewohner von Schabo dieses kleine geistliche Zentrum mit Liebe und Achtung in sich bewahren.

Lange Zeit planten die Gemeindevorsitzenden den Bau einer neuen, großen Synagoge und sammelten Geld für diesen Zweck, aber dieser Plan wurde, leider, nie verwirklicht.

Im Schatten von Verfolgung undAusschreitungen

Wenn ich eingangs die ruhigen Wasser des Liman beschrieben habe, muss der Leser nicht daraus folgern, dass unser Leben genauso ruhig dahinfloss. Seit den Tagen meiner frühen Kindheit in Schabo belasten mich Erinnerungen an Ausschreitungen und Pogrome und auch andere Bilder quälen mich. Es war so, wie in anderen jüdischen Gemeinden auch, die älter und größer als Schabo waren. Ich kann mich kaum an friedliche Tage erinnern, dafür aber an solche des Schreckens und der Angst. Der Widerhall des Pogroms von Kischinjew, welches der Hintergrund war der Dichtung „In der Stadt des Mordens“ unseres Nationallyrikers Bialik, klingt immer noch in meinen Ohren nach, obwohl ich noch ein kleines Kind war damals, in der Zeit dieses Pogroms, das ein Kapitel der jüdischen Geschichte geworden ist.

Die Regimes kamen und fielen, und die Übergänge hinterließen ihre Spuren im Leben der kleinen jüdischen Gemeinde. Jeder Wechsel in der Regierung brachte Furcht in die Herzen der Juden, weil sie nie wussten, was von dem neuen Regime zu erwarten war, und welche Leiden es bringen würde. Ich erinnere mich besonders der Augenblicke von Schrecken und Grauen in den Tagen der Pogrome von 1905. Ich sehe deutlich vor mir unser Versteck im Dachboden – mein Vater s´´l, mein Bruder Mosche, ich und ein jüdischer Flüchtling, der vor dem Pogrom in der Stadt Ovidiopol, nahe Odessa, geflohen war. Er berichtete uns, dass an einem Tag 38 Juden ermordet worden waren; wenn ich jetzt diese Zeilen schreibe, ist seine Schreckensgeschichte so lebhaft in meiner Erinnerung, als wäre es gestern gewesen.

Ich erinnere mich auch einer dunklen Nacht im Herbst, als unsere Familie blutdürstigen Russen entkommen war, unsere Herzen voller Angst. Es gelang uns, das Ufer des Liman zu erreichen und wie durch ein Wunder wurden unsere Leben vom sichern Tod errettet.

Der Hass auf die Juden hörte nie auf. Manchmal war er offen und kam drastisch zum Ausdruck, manchmal war er verborgen, aber da war er immer. Jedes politische Ereignis, ob im Lande oder außerhalb, rief den Antisemitismus wach, nicht nur in den großen Städten, sondern genauso in kleineren Städten und Ortschaften, Schabo eingeschlossen.

Ich höre noch den Nachhall der russischen Niederlage im Krieg mit Japan. Viele versuchten, die Schuld den Juden zuzuschreiben … und es gab immer welche, die sie „bezahlen ließen“ mit Ausschreitungen. 1909, als ein jüdischer Student ein Attentatsversuch auf den Minister Stolipin unternahm, war das ganze Land in Panik, aber am meisten die Juden, die sich sicher waren, dass die gesamte Gemeinschaft beschuldigt und angegriffen würde – und so war es.

Der Beilis-Prozess, welcher der bekannten Ritualmordlegende 1911 folgte, entzündete erneut einen großen Brand. Zusammen mit allen russischen Juden zitterten die Schaboer Juden wie Blätter im Wind. Wir wussten nie, was das Morgen bringen würde; wir waren alle voll Entsetzen – und warteten auf eine weitere Woge grausamer Pogrome.

Nicht viel später, bei Ausbruch des ersten Weltkriegs, welcher über ganz Europa Tod und Zerstörung brachte, waren die Juden wieder die ersten Opfer. Ich erinnere mich an die Gespräche und Diskussionen damals in jedem jüdischen Heim. Es schien, dass sich die zionistische Idee unmerklich in den Herzen der Juden unserer Gemeinde festsetzte. Es wurde deutlich, dass für uns in der Diaspora keine Zukunft mehr liegt, wo wir nichts als gnadenlose Zerstörung und Tod zu erwarten hatten. Aber nur wenige richteten sich nach dieser tragischen Schlussfolgerung; wie schon so oft geschehen, glaubten die Juden an falsche Messiasse, aber die Illusionen stellten sich bald als irrig heraus.

Eine dieser Illusionen war die Kerenski-Revolution im Februar 1917. Dessenkurze Herrschaft (Feb. – Okt. 1917) wurde von vielen als ein gutes Omen erachtet, als eine Vorhersage für einen Wandel. In den jüdischen Gemeinden waren viele erleichtert und versucht zu glauben, dass eine neue Periode der Ruhe und des Friedens begänne … bis die neue Revolution (die Oktoberrevolution) ausbrach und Chaos, Wirren und den Zusammenbruch aller Grundpfeiler des Daseins mit sich brachte. Und wieder war der Jude der Sündenbock, vom neuen Regime, der „Herrschaft von Gleichheit und Gerechtigkeit“, als Feind Nummer eins betrachtet, den es bis zum bitteren Ende zu bekämpfen galt.

Als die Balfour-Deklaration im Nov. 1917 erlassen wurde, mit der Vision einer nationalen Heimstätte für die Juden, wuchsen wieder Hoffnung und neuer Glaube. Die zionistische Bewegung, die während des ersten Weltkriegs völlig geruht hatte, erwachte zu neuem Leben und eine Welle von Zionismus verbreitete sich über die jüdische Diaspora. Diese Welle erreichte ebenso Rumänien und Bessarabien: Zweigstellen wurden wieder eröffnet, Versammlungen und regionale Kongresse anberaumt und hitzige Diskussionen aufgefrischt, neue zionistische Organe wurden etabliert – die Rettung war nahe! 

Allerdings muss gesagt werden, dass zur gleichen Zeit sich auch eine Opposition bildete. Es gab solche, die glaubten, dass die Weltrevolution den Juden die Erlösung bringen würde, ohne die Notwendigkeit einer jüdischen nationalen Heimstätte. Sie steigerten ihre Aktivitäten und die Propaganda in der jüdischen Szene, und riefen so neuen Wirbel und Sturm hervor. Wir, die jungen Leute, sahen uns gezwungen, unter feurigen Diskussionen und Streitereien, dieser Bewegung zu widerstehen, welche jede zionistische Betätigung als „konterrevolutionär“ und gefährlich betrachtete: die Juden lenkten die Bevölkerung ab und hinderten sie daran, sich mit der Hauptfrage zu befassen: der Großen Revolution …

Wenn ich heute an diese Streitpunkte und Debatten in unserer kleinen Stadt zurückdenke lächle ich in mich hinein. Wieviel Arglosigkeit war doch in ihnen enthalten?! Wieviel Enthusiasmus?! Wieviel Mut?! Und wieviel Scheu und Angst?! Ja, es war einmal …

Der Zionistische Verband in Schabo

Wie ich schon zuvor sagte, die turbulenten Zeiten verschonten Schabo nicht. Aber hier hatten die Zionisten die Oberhand. Wir, die jungen Leute, und auch viele Erwachsene, waren von den nationalen Ideen begeistert. Unsere Herzen waren für die zionistischen Ausführungen offen – insbesondere für die „Alija“ in unsere Urheimat. Ich erinnere mich der Betriebsamkeit, Anteile der zionistischen Kolonialbank zu verkaufen. Wir respektierten diese Anteile sehr – in unseren Augen waren sie der echte Ausdruck von Zionismus, ein Zeichen der Ehre für ihre Eigner. Wir wählten R´Joel Meirson, einen zionistischen Veteranen, geschätzt und geachtet in unserer Gemeinde, zum Vorsitzenden des Zionistischen Verbands in Schabo. Kischinowski folgte ihm in dieser Position und zeitweise war Eisik Kaminker gewählter Vorsitzender.

Wenn ich jetzt zurückschaue auf jene alten Tage, komme ich zu der Überzeugung, dass die zionistischen Aktivisten einen großen Beitrag zur Stärkung des Nationalgefühls und des zionistischen Bewusstseins unter den Schaboer Juden geleistet haben. Sie arbeiteten Tag und Nacht, ohne eine Entlohnung zu erwarten, gänzlich überzeugt von ihren Ideen und ihrer Tätigkeit, und waren daher in der Lage, in anderen das gleiche Feuer und den gleichen Glauben zu entfachen.

Wir veranstalteten viele Vorträge, über die Lage der Juden nach dem Weltkrieg, und versuchten so, die Zuhörer zu überzeugen, dass der Zionismus die wahre Lösung des jüdischen Problems ist, und dass alle von den Linken und den Anhängern der Oktoberrevolution suggerierten Lösungen falsch sind.

Die Vortragenden kamen aus den nahegelegenen Orten, speziell aus Akkerman, aber genauso aus unserem Schabo. Wir hatten heiße und enthusiastische Diskussionen, geboren aus Überzeugung und Glauben. Die Teilnahme des Publikums war lebhaft. Es war die beste Zeit für die zionistische Bewegung in unserem Schtetl Schabo.

Die zionistische Filiale in Schabo intensivierte die Verbindung sowohl mit den zionistischen Organen in Akkerman, als auch mit den zentralen Organen in Odessa; diese sandten oftmals einen Dozenten nach Schabo, welcher über allgemeine zionistische Themen sprach, aber auch über die zionistische Literatur jener Zeit. Der Vorstand der Filiale, in Zusammenarbeit mit der Jugendbewegung, organisierte Abendkurse für Hebräisch, schuf einen Schauspiel-Klub und eröffnete einen Kindergarten, wodurch ein neuer Geist in die Stadt einzog und die zionistischen Gefühle steigerte. Darüber werde ich weiter unten berichten.

Die Aktivitäten zur Unterstützung der verschiedenen Nationalfonds verdienen besondere Erwähnung. Die junge Generation war vorzugsweise auf diesem Gebiet aktiv: sie gingen von Haus zu Haus und sammelten nicht nur Geld, sondern erklärten auch den Grund dafür – und auf diese Weise schlugen die zionistischen Ideen Wurzeln und trugen Früchte.

Die junge Garde

Zu dieser Zeit, als die revolutionären Ideen, welche die Veränderung der Welt predigten, und attraktive Parolen kreierten, die Jugend bezauberten und viele junge jüdische Menschen zur revolutionären Flagge brachten, hielt die Schaboer Jugend stand und wurde nicht mitgerissen von der allgemeinen Strömung; sie gab ihre jüdischen nationalen Werte und ihr zionistisches Bewusstsein nicht auf zugunsten der Segnungen der Großen Revolution.

Ich weiß nicht, woher uns die Kraft kam, der allgemeinen Strömung zu widerstehen, welche die jugendlichen Kreise beherrschte. Es war eine Tatsache, dass die Mehrheit der jungen Leute in der Stadt in der Lage war, „die Spreu vom Weizen zu trennen“; und sie trat ein in die nationale zionistische Bewegung. Nur sehr wenige waren von den revolutionären Parolen eingenommen und folgten ihnen. Wir benutzten nicht die leeren revolutionären Redewendungen, welche wesentliche Bestandteile der Diskussionen der jungen Leute in den großen Städten waren, aber wir folgten instinktiv, vielleicht unbewusst, dem richtigen Weg. Die Hoffnungslosigkeit der Diaspora und die Irreführung der nichtzionistischen Lösungskonzepte und Illusionen zeigte Wirkung, und die nationalen Ideen wuchsen in unserer Mitte.

Das Leben und die Betriebsamkeit der jungen Leute war voller Teilnahme und inhaltsreich. Wir tragen in uns noch viele eindrückliche Erfahrungen aus jenen Tagen. Wir verlangten uns selbst mehr ab als von anderen – und das war unsere Stärke, das war unsere Geheimwaffe.

Alle die Juden in der Stadt wussten, dass, wenn nötig, wir bereit sind für Tat und Opfer. Schon 1921 machte die erste Gruppe Alija, bald gefolgt von anderen Gruppen. Die vielen ehemaligen Schaboer in Israel sind der Beleg für unsere Aktivität und für unseren richtigen Weg. Die jungen Leute von Schabo waren die Haupturheber der sozialen und zionistischen Aktivitäten in der Stadt und sie verwirklichten auch ihre Ideen. Ich entsinne mich der Hingabe und der Begeisterung, mit der wir die Bücherei und den Leseraum errichteten, Kulturabende veranstalteten und ein Kulturzentrum verwirklichten. Wir liefen von Haus zu Haus, um Geld zu sammeln und Bücher für die Bibliothek. Wir erachteten es als eine nationale Mission und die Einwohner der Stadt gingen entsprechend darauf ein.

Wir müssen hier Jechiel Steinberg erwähnen, den Sohn von R´Berl Steinberg, welcher der Bibliothek alle seine Bücher in Russisch stiftete. Er diente als Vorbild für weitere. Mit dem gesammelten Geld kauften wir viele hebräische, jiddische und russische Bücher, insbesondere Bücher, welche das Nationalbewusstsein der Jugend stärken würden.

Wir brachten Zeitungen und Magazine in den drei Sprachen in den Leseraum. Ich erinnere mich an die festliche Eröffnung der Bücherei und an das Gefühl der Befriedigung, das unsere Herzen erfüllte. Mit Hingebung verrichteten wir die diversen Aufgaben – Bücher tauschen, den Leseraum überwachen, das Anzünden und putzen der Petroleumlampen. Ich erinnere mich, dass wir von der eher geringen Anzahl von Besuchern des Leseraums ein wenig enttäuscht waren, aber andererseits wuchs die Anzahl der Nutzer der Bibliothek. Es war uns eine Freude, die Leute in der Warteschlange zum Büchertauschen zu sehen. Wir hatten das gute Gefühl, dass wir Wissen und Kultur in unsere kleine Stadt einschleusten. Der Leseraum wurde uns von R´Binjamin Kaminker überlassen und später verlegt in das Haus der Farna-Familie.

Das obengenannte war nur ein Teil unserer Tätigkeit. Ich kann mich nicht an alles erinnern, was wir taten, aber ich weiß, dass der Geist ehrenamtlicher Arbeit und der Hingabe unter uns fühlbar war, ein großer und guter Geist.

Der Schauspiel-Klub

Der Schauspiel-Klub in Schabo war viele Jahre aktiv. Er hatte ein Lebendigkeitsgefühl in der Stadt geschaffen; die Bevölkerung war stolz auf ihn und viele nahmen an seinen Aktivitäten teil. Die Theaterproben, die Versammlungen, der Aufbau der Bühne, Auswahl der Darsteller für die verschiedenen Charaktere – all das wurde in großem Stil durchgeführt. Hauptsächlich junge Menschen beteiligten sich daran, aber auch viele der Erwachsenen zeigten Interesse an den Aufführungen des Klubs. Schon bald traten mehr und mehr Mitglieder dem Drama-Klub bei. Juden bevölkerten die Schlomo-Meirson-Halle und nach der Vorstellung wurden heiße Diskussionen abgehalten, rezensierend und kritisierend: wer gut und wer weniger gut war, wer Talent zeigte und wer auf dem besten Weg war, ein großer Star zu werden, und so weiter … das gesamte Publikum genoss, was wir auf die Beine gestellt hatten.

In einer großen Stadt, voller Möglichkeiten, ist eine solche Aktivität nicht selten. Wir sollten jedoch das Format unserer Stadt nicht vergessen, die begrenzte Zahl jüdischer Bürger und unsere sehr begrenzten materiellen Mittel. In jenen Tagen war die Aufrechterhaltung eines Schauspiel-Klubs eine echte Herausforderung für uns, und ich denke, wir haben sie ehrenhaft bewältigt. Sicher, wir haben nicht viele „Stars“ für die jüdische Bühne hervorgebracht und jene, welche als erfolgreiche Akteure verharrten, haben nicht alle unsere Hoffnungen erfüllt, aber es ist fraglich, ob irgendeine andere Stadt dieser Größe, mit einer jüdischen Bevölkerung von mehreren Hundert Leuten, einen solchen Schauspiel-Klub hätte unterhalten können, über so viele Jahre …

aus: https://www.jewishgen.org/yizkor/

(nachgedruckt in den Mitteilungsblättern Januar und Februar 2022)