Sarata
Archivbild IN 300573
Übersetzung: vom Hebräischen ins Englische: Jocheved Klausner
vom Englischen ins Deutsche: Uwe Quellmann
Sarata war umringt von weiten grünen Feldern mit Weizen und Mais, die sich bis zum Horizont erstreckten. Blühende Obstbäume entlang der Brücke – einem Treffpunkt für die Jugend und für junge Paare, welche die bezaubernde Landschaft um den kleinen Hügel und den Geruch von Heu und frischgepflügten Feldern genossen.
Die Stadt lag in der Nähe der Bahnstation und zwischen deutschen Bauern lebten jüdische Bürger. Sie war umringt von russischen, bulgarischen und rumänischen Dörfern.
Die jüdische Ansiedlung in Sarata begann während der Pogrome [russisch: gewaltsame Ausschreitungen] von 1905; die ersten Juden, die sich hier ansiedelten, waren Flüchtlinge, die dem Pogrom entkamen, welches in Akkerman und in Farmacia wütete, und auf ihrer Flucht Sarata erreichten.
Die ansässigen deutschen Bauern weigerten sich, Juden aufzunehmen. Die vor dem Pogrom Geflohenen wandten sich an das Komitee der Kischinjewer Juden und auf dessen Einspruch schritten die Behörden ein. Die deutschen Siedler erhielten Anweisung, den Juden das Ansiedeln im Dorf zu erlauben.
Die deutschen Bewohner waren wohlhabend, mit ausgedehntem landwirtschaftlichem Besitz. Die Häuser, ca. 400 an der Zahl, waren in schönem ländlichem Stil erbaut, umgeben von großen Hausgärten. Jeder Hof hatte einen Brunnen und das Wasser wurde mit einer Pumpe hochgezogen. Im Hof gab es einen Hühnerstall, einen Kuhstall, einen Stall für die Pferde, Pferche für die Schafe und ebenfalls große Heuschober.
Die Nachbardörfer brachten ihre Agrarprodukte auf den örtlichen Markt, wo die Geschäfte hauptsächlich Juden gehörten. Die Hauptstraßen im Dorf waren schmutzig. Während der Herbstregen verwandelte sich der schwere Dreck in schmierigen Schlamm und es passierte oft, dass ein Schuh oder eine Galosche tief im Schlamm steckenblieb. An manchen Stellen allerdings gab es Gehwege aus Stein.
Die Sarataer Juden waren ehrbare Arbeiter, gesund an Körper und Geist und voller nationaler Gefühle [gemeint ist die Vision von der „Nationalen Heimstätte“ der Juden in Israel/Palästina]. Das Leben in der Stadt, im landwirtschaftlich geprägten Umfeld, steigerte ihre nationale Sehnsucht. Denn das Land Israel verbanden diese Juden mit der Vorstellung von harter bäuerlicher Arbeit. Und das konnten sie hier, in ihrer nächsten Nachbarschaft, genau beobachten.
Einhundert und fünfzig jüdische Familien lebten in Sarata, in gemieteten Häusern; nur wenige von ihnen besaßen ihren Wohnsitz. Die deutschen Einwohner vermieden es, Häuser oder Land an Juden zu verkaufen; sie wollten die Tatsache, dass Fremde unter ihnen lebten und Eigentum besaßen, nicht akzeptieren.
Ab dem Jahr 1923 nahm die jüdische Ansiedlung zu. Viele Juden aus der näheren Umgebung wurden in der jüdischen Dorfgemeinschaft akzeptiert und blieben. Sie fühlten sich willkommen von der warmen, herzlichen jüdischen Atmosphäre, die unter den jüdischen Familien in Sarata herrschte.
Die meisten der Sarataer Juden verdienten ihren Lebensunterhalt mit Handel und mit Arbeiten im Zusammenhang mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Seit dem Jahr 1935 nahm die Anzahl der Juden in der Stadt täglich zu. Jüdische Familien aus den Nachbardörfern kamen hinzu und jüdische Händler aus Kischinjew und anderen Städten kamen, um Agrarerzeugnisse zu kaufen, welche dann zum Teil exportiert wurden.
Sarata und seine Umgebung waren ein bedeutendes Zentrum für Getreide, Milchprodukte, Fleisch, Eier, Wolle und Leder. Es war auch ein Verwaltungszentrum; es hatte ein Friedensgericht, ein Steueramt und andere Einrichtungen.
Der Marktplatz war in der Mitte der Stadt, und drum herum die Geschäfte für den täglichen Bedarf der Bauern: Magazine für Holz- und Metallwaren, koschere Metzgereien, Bäckereien, Kaffeehäuser, Lebensmittelgeschäfte und Läden, welche Textilien verkauften, Baumaterial, Haushaltswaren, usw. Die meisten dieser Geschäfte waren aus Stein; manche davon auch nur getünchte Schuppen.
Einmal in der Woche war „Markt“ – der offizielle Markttag. Aus den Nachbardörfern kamen viele Bauern, um ihre Erzeugnisse zu verkaufen und ihren Eigenbedarf zu decken. Extrastände wurden bereitgehalten auf dem Marktplatz für die jüdischen Händler aus den Nachbardörfern, welche kamen, um ihre Waren zu verkaufen, meist Textilien und Kurzwaren.
Der Markt wurde auf dem Marktplatz und den umliegenden Straßen abgehalten. Wir hatten einen Freund, der Kurzwaren verkaufte; und über viele Jahre kam er einen Tag vor dem Markttag zu unserem Haus, packte seine Waren aus den Behältern, und unsere Familienmitglieder halfen beim Aussortieren und arrangierten sie sorgfältig, fertig für den Markt – Trittstufen, oder Kämme, Nadeln usw. Einer unserer Verwandten kam früher alle zehn Tage, um Tabak zu verkaufen, obwohl Tabak staatliche Monopolware war. Viele von ihnen handelten mit Weizen – sie lagerten den Weizen in einem Speicher bis sie eine ausreichende Menge zum Verladen hatten.
Das Zentrum des Vertriebs war die Bahnstation. Viele fanden dort ein beträchtliches Auskommen. Es war eine permanente Bewegung von Aktivität und Betriebsamkeit. Jüdische Makler mieteten die Speicher der Bahnstation und erhielten den von den Händlern verschifften Weizen. Sie verluden dann auch die Ware auf die Schienenfahrzeuge und schickten diese an ihre Bestimmungsorte.
Viele der Einwohner waren beschäftigt, indem sie das Korn mit Pferdefuhrwerken zu den Speichern am Bahnhof brachten. Das war harte Arbeit, aber es lohnte sich. Es gab auch Hausierer, welche Erzeugnisse einkauften, wie z.B. Leder und Haustiere aus den benachbarten Dörfern, und die Ware dann an Großhändler weiterverkauften. Einige der Hausierer handelten in Textilien und Kurzwaren, andere verkauften Nähmaschinen.
Spezielle Vertreter reisten mit der Bahn hin und zurück und kümmerten sich um die geschäftlichen Beziehungen mit Kischinjew und anderen Städten. Ihre Rolle war es, eilige Briefe und wichtige Bestellungen der diversen Geschäfte weiterzuleiten und fehlende Artikel zu bringen oder umzutauschen. Auf ihrem Weg in die Stadt brachten sie lokale landwirtschaftliche Erzeugnisse mit – Butter, gebratene Gänse und Salami – um sie dann in der Stadt zu verkaufen. Sie transportierten ihre Ware in Päckchen und wurden daher „Päckchenvertreter“ genannt.
Während der Zugfahrt waren sie sehr aufmerksam, passten auf, dass keines der Päckchen gestohlen wurde. Jedermann erkannte die Päckchenreisenden und viele Juden gesellten sich zu ihnen im Zug und machten so aus der Zugfahrt eine angenehme Zusammenkunft, gewürzt mit Geschichten und Witzen.
Die jüdische Gemeinschaft
Da die jüdische Bevölkerung anwuchs, begann sich die Gemeinde zu entwickeln. Juden aus den benachbarten Dörfern kamen nach Sarata, wo es leichter war, ein Auskommen zu haben. Ab dem Jahr 1923 wuchs das Bedürfnis nach religiösen und erzieherischen Einrichtungen. Eine gemietete Wohnung im Zentrum der Stadt diente als Gebetshaus während der Wochentage. Sie war jedoch zu klein für die Feiertagsgebete; für die „Tage der Ehrfurcht“ [zehn Tage der „Umkehr“ vom Neujahrsfest Rosch ha Schana bis zum Versöhnungstag Jom Kippur] und andere Feiertage mieteten sie ein großes Lagerhaus.
Sie fingen an zu planen, eine Synagoge für die Feiertage zu bauen, welche das restliche Jahr über als Stätte für Versammlungen und kulturelle Veranstaltungen dienen würde. Unter den Aktivisten waren Nachman Altman, der Gabbai [Synagogenvorstand] und Melekch Lublinski. Sie kauften ein Grundstück in jüdischer Nachbarschaft in der Innenstadt, und der Bau begann. Geplant war ein großes Gebäude, aber die Mittel reichten nur für das Hochziehen der Wände, und die Konstruktion blieb mehrere Jahre ohne Dach. Man befürchtete, dass Regen und Wind sie zerstören würden.
Einige Jahre später wurde dieses „Haus des Volkes“ (Bet ha Am) fertiggestellt und diente als Synagoge während der Hohen Feiertage. Das ganze Jahr über fanden kulturelle und zionistische Aktivitäten dort statt, ebenfalls Gemeindeversammlungen, Festivals, Theaterstücke, Wahlen für den Ausschuss und für die Zionistenkongresse, Vorträge von zionistischen Abgeordneten und Treffen der Jugendbewegungen. Auch Theatergruppen in Jiddisch führten ihre Stücke in diesen Räumen auf.
Im Zentrum der Stadt behielt man die gemietete Wohnung, die an Werktagen als Synagoge und als Hebräisch-Schule für die Stadtkinder diente. Die Gemeinde hatte einen rituellen Schlachter (Schochet), der auch als Kantor an den Hohen Festtagen auftrat. Unser Schochet war Chaim Baruch; nachdem er krank wurde, nahmen andere seinen Platz ein.
Erziehungswesen
Die Sarataer Juden investierten große Anstrengungen in die Erziehung ihrer Kinder im Geiste des nationalen Judentums. Sie stellten Lehrer ein, welche dauerhaft in der angemieteten Wohnung am Marktplatz der Stadt tätig waren.
Die Lehrer machten sich große Mühe, den Kindern die Grundelemente jüdischer Bräuche und der hebräischen Sprache beizubringen; Lesen und Schreiben und die Vorbereitung auf die Bar Mizwa.
In manchen Zeiten hatte die Stadt auch einen Kindergarten, für die Vorschulkinder. Die Unterstützung vonseiten der Gemeinde war jedoch begrenzt; einige der Eltern stellten Privatlehrer an, auf eigene Kosten. Die Lehrer waren voll nationalen Geistes und arbeiteten hart, trotz der geringen Bezahlung, weil sie ihre Arbeit als nationale Mission ansahen. Einige Eltern hatten finanzielle Schwierigkeiten – und dennoch schickten sie ihre Kinder in die „Tarbut“ – Hebräisch-Hochschulen nach Akkerman und Kischinjew.
Die Bücherei
In vielen Haushalten konnte man private Bibliotheken in Russisch, Jiddisch und Hebräisch finden. Wer auch immer ein Buch lesen wollte – konnte es auch finden. Im Jahr 1933 gründete der Gemeindeausschuss für Kultur auf Ersuchen der Leser eine öffentliche Bibliothek. Zuerst war sie im Haus von Frau Chefetz eingerichtet, einer klugen und gebildeten Frau, die als Bibliothekarin in ihrer eigenen Wohnung fungierte. Später wurde die Bücherei ins „Haus des Volkes“ verlegt. Die Bibliothekare waren Ehrenamtliche, junge Mädchen aus den Jugendbewegungen Beitar und Gordonia. Sie waren fleißige und aufopferungsvolle Arbeiterinnen.
Der Frauenausschuss
Das Damen-Komitee war die Organisati on der Frauen, die alle Frauen der Stadt umfasste und alle sozialen und nationalen Projekte in der Stadt unterstützte: Feste organisieren, Hausbesuche, um Spenden für den JNF [Jüdischer Nationalfonds – Keren Kayemed LeIsrael, Israels älteste und größte Umweltorganisation; Anm. d. Red.] zu sammeln oder für die Wohlfahrt, verborgene Wohltätigkeit („matan baseter“) etc. Ihre Hilfe war auch bei den anderen Gemeindeaktivitäten zu spüren, besonders in den Bereichen Kultur und Erziehung.
Unter den aktiven Frauen waren: Frau Bat Schewa Gertzberg, Fr. Allensohn, Fr. Krasnow, Fr. Feldman.
Die Gemeinde war verantwortlich für religiöse Angelegenheiten, koscheres Schlachten, die Instandhaltung des „Bet ha Am“ [Haus des Volkes], Unterstützung der Bedürftigen. Ihre Geldmittel erhielt sie von den „Töpfen“ (Kearot), welche an Jom Kippur in den Synagogen aufgestellt waren und wo jeder Jude die ihm von der Gemeinde auferlegte Summe Geldes, entsprechend seinen Mitteln, hineinlegte. Die Aktiven der Gemeinde waren: Chaim Chefez, G. Feldman, M. Chassid, Lublinski, A. Schächter, N. Altman. N. Altman wurde zum Gabbai der Synagoge gewählt.
Unterhaltung
Eine Schauspielgruppe, welche den musischen Teil der Gemeindefeste gestaltete, war mit der Hilfe des Frauenkomitees rührig in der Stadt. Der Erlös der Vorstellungen wurde der Wohlfahrt und kulturellen Bedürfnissen gewidmet. Manche der Festlichkeiten und Gesellschaften spendeten ihren Erlös dem JNF. Alle Sarataer Juden kamen, um die Vorstellungen zu sehen. Dies war auch eine Gelegenheit, die neueste Kleidermode vorzuführen. Üblicherweise gab es auch eine Tombola und die Portionen waren reichlich und köstlich – alles zubereitet vom Frauenausschuss. Die Besucher waren entzückt und die Stimmung freudig; Manchmal schlossen sich die Zuschauer den Künstlern beim Singen und Tanzen an. Es gab auch literarische Diskussionen und Debatten zu den verschiedenen Stücken.
Antisemitismus
Bereits zu Beginn der 30er machten sich in Sarata Neid und Hass auf Juden bemerkbar. Die ansässigen Deutschen waren diesbezüglich sehr aktiv, hatten engen und beständigen Kontakt mit Berlin und verbreiteten ihr antisemitisches Gift. Die Stadt, in welcher redliche und wohlhabende Deutsche gelebt hatten, verwandelte sich in eine Schlangengrube aus wildem Hass auf Juden. Die Sarataer Deutschen übernahmen vollkommen das Hitlertum.
Seit 1933 zeigte der Boykott eine deutliche Wirkung, welcher die Enteignung der Juden anstrebte und ihrem wirtschaftlichen Rang Schaden zufügen sollte. Es wurde eine fortwährende Propaganda betrieben, welche die deutsche Bevölkerung und die anderen Minoritäten nötigen sollte, nicht in den jüdischen Geschäften einzukaufen. Diese Propaganda wurde begleitet von den alltäglichen Schmähungen und Kränkungen durch die Nazis.
Die Deutschen eröffneten, mit finanzieller Hilfe, Geschäfte in allen Handelsbereichen. Sie wiegelten die Bauern in den umliegenden Ortschaften auf und der Hass nahm von Tag zu Tag zu. Einer der Nazi-Aktivisten, welcher Zahnmedizin in Deutschland studiert hatte, trug eine Nazi-Uniform und lief von einem Laden zum anderen, um dort üble Nazipropaganda und Hass zu verbreiten.
Die deutsche Jugend trug ebenfalls Kleidung in der Art einer Nazi-Uniform. Sie war organisiert in einer Vereinigung mit dem Namen „Der gute Kamerad“ – aber in ihren Werken waren sie weit entfernt von der Bedeutung von „gut“. Einmal hatten sie einen kleinen jüdischen Jungen festgehalten und ihn gezwungen, zu salutieren und mit lauter Stimme den Hitlergruß zu verkünden. Sie warfen auch oft Steine in die Fenster der Synagoge, ins „Haus des Volkes“ oder auf dem Markt, um die Scheiben zu zerstören.
Auch die Landwirte in den umliegenden Ortschaften betrieben wilde, antisemitische Propaganda und Aufwiegelung und hinderten Nichtjuden am Betreten jüdischer Geschäfte. Die Sarataer Juden sahen der bitteren Realität offen ins Gesicht. Sie schärften ihre Messer, auf das Schlimmste gefasst.
Aus: https://www.jewishgen.org/yizkor/
(übernommen für das Mitteilungsblatt 08-21)