Unsere Stadt Tarutino
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Wer hätte das gedacht, dass die jüdischen Bürger von Tarutino damals ein so reichhaltiges kulturelles Leben in „ihrer“ Stadt auf die Beine gestellt hatten? Ohne die Gedenkbücher, welche die Überlebenden verfasst haben, wäre diese Kunde, zumindest zu mir, kaum vorgedrungen ...
Uwe Quellmann
ins Englische übersetzt von Ala Gamulka, dann ins Deutsche von Uwe Quellmann
gekürzte Fassung
Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Tarutino
Es existieren keine Lebensspuren von Juden in Tarutino und wir sehen keine Notwendigkeit, die Geschichte des Ortes an sich zu erforschen. Wir werden lediglich ein paar Zeilen zu diesem Punkt hinzufügen. Das Städtchen wechselte die Regierung und den Namen zu verschiedenen Zeiten. Ursprünglich war es als Anchiokrak, und dann als Nagergrak und Agikrak bekannt – benannt nach dem Flüsschen, das durch den Ort hindurchfloss und ihn teilte. Tarutino befindet sich ca. 198 km von Odessa entfernt, an der Bahnlinie Akkerman-Bessarabskaya. Ungefähr sechs Kilometer entfernt von der Bahnstation Rezina. Der Name Tarutino kam her von einer anderen Stadt im Kaluga-Distrikt nahe Moskau. Sie hatte für die Russen als Militärbasis während der Napoleonischen Zeit gedient. Die Russen pflegten Namen, die mit militärischen Erfolgen unter Marschall Kutusow verbunden waren, wiederzuverwenden. So wurde Tarutino dieser alte Name gegeben.
Im Jahr 1812 eroberten die Russen die Stadt von den Türken, die sie zuvor regiert hatten. Deutsche Landwirte kamen, um dieses Gebiet zu bewohnen. Juden war es nicht erlaubt, sich in Tarutino anzusiedeln, da es nahe der Grenze war. Schließlich wurde diese Verfügung aufgehoben und es kamen Juden nach Tarutino aus Polen, Litauen, Podolien und aus anderen Gegenden.
Im 19. Jhd. brachten die Russen deutsche Bauern in ca. 100 Dörfer und Siedlungsgebiete nahe Tarutino. Das war kein Novum, aber dennoch führte es zu einem größeren Anwachsen der jüdischen Bevölkerung in Tarutino als in anderen Siedlungsgebieten in Südbessarabien, Akkerman ausgenommen. Dieses Wachstum wurde vermutlich durch die deutschen Einwohner bedingt, welche das Städtchen in ökonomischer und wirtschaftlicher Hinsicht entwickelten und so mehr Menschen anzogen.
1870 war es offiziell für Juden erlaubt, sich in Tarutino anzusiedeln und zu Beginn des 20. Jhd. machten Juden ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus. Diese war wiederum hauptsächlich deutscher Nationalität. Schließlich wurde Tarutino das zweite Zentrum in Südbessarabien, nach Akkerman. Das trug auch zum Wachstum anderer Dörfer in der näheren Umgebung bei. Es ist offensichtlich, dass die in Tarutino ankommenden Juden vom Stand der Entwicklung der Deutschen beeinflusst wurden und sie lernten auch viel von ihnen. Schon bald entwickelte sich eine Aufteilung der Arbeitsgebiete: die Deutschen arbeiteten auf ihren Höfen und im produzierenden Gewerbe und die Juden trieben Handel.
Es ist erwähnenswert, dass die einzige deutschsprachige Zeitung Bessarabiens in Tarutino erschien. Im Gegensatz zu dem, was später geschah, zeigten die deutschen Einwohner keine antisemitischen Verhaltensweisen, trotz des generellen Judenhasses der Russen. Das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden war ordentlich, sogar freundlich. Beinahe alle Deutschen in Tarutino konnten etwas jiddisch und daher waren die Juden in Unterhaltungen mit ihnen vorsichtig, nicht Worte zu benutzen, die von ihnen verstanden werden könnten. Die Redewendung „Der Unbeschnittene versteht alles“ war weit verbreitet und diente als Warnung. Wenn sie untereinander sprachen, verwendeten sie typisch jüdische Ausdrücke, wie „im Vertrauen“, „ganz sicher“, usf.
Es gibt eine Geschichte über zwei Deutsche aus Tarutino, die, unterwegs nach Kischinjew, in einem jüdischen Wirtshaus Rast machten und Wein bestellten. Beim Hinausgehen verlangte der Wirt eine bestimmte Summe, aber die Deutschen boten nur den halben Betrag. Als der Jude fragte, was das bedeuten solle, erwiderten sie: Wir haben gehört, wie Du unsere Bestellung Deiner Frau weitergegeben hast und auf Hebräisch zu ihr gesagt hast „halb Wasser“. Deshalb, weil Du uns nur die Hälfte vom Wein serviert hast, zahlen wir auch nur die Hälfte …
Die Kenntnisse der Deutschen im Hebräischen und im Jiddischen war auch eine Folge des Umstands, dass einige deutsche Kinder zusammen mit den jüdischen den Cheder [jüdische Grundschule] besuchten. Wir erinnern uns an einige von ihnen: Sascha Bross, der Anwalt wurde, Robert Hirschkorn, Bogner und andere. Und außerdem an einen Deutschen, genannt Wanka, der Waren brachte vom Bahnhof und welcher Notizen für seine jüdischen Kunden aufschrieb, auf Jiddisch … Der deutsche Pfarrer, Haase, pflegte zu den Hohen Jüdischen Feiertagen in die Synagoge zu kommen, um dem Gesang des Kantors zuzuhören. Während der Nazizeit, als deutsche Jugendliche Nazipropaganda in die Kirche hineintragen wollten, verbat sich das der Pfarrer.
Es dauerte nicht lange für den Geistlichen, bis er entlassen wurde. Er beging Selbstmord. Die deutschen Schüler im Cheder lernten alles, was auch die jüdischen lernten, sie waren jedoch von zwei Pflichten befreit: vom Anlegen der Tefillin [Gebetsriemen] und vom Rezitieren des Kiddusch [Segensspruch am Sabbat]. In dieser Hinsicht war Tarutino einzigartig in Bessarabien und, womöglich, auch im Rest der Welt.
Der Wandel in den Beziehungen zwischen den Juden und den Deutschen tauchte auf, als Hitler in Deutschland an die Macht kam. Es kamen Aufhetzer aus Siebenbürgen und aus Deutschland und diese zeigten den hiesigen Deutschen, wie mit Juden umzuspringen wäre und wie man die Beziehungen zu ihnen kappte. Zudem kehrten junge Leute aus Tarutino, welche zum Studium nach Deutschland gegangen waren, zurück, voller Antisemitismus. Sie taten, was sie konnten, um jegliche Verbindungen zwischen den Deutschen und den Juden in Tarutino zu unterbrechen.
Die Mehrheit der Juden in Tarutino mietete Wohnungen von deutschen Grundbesitzern. Mir sind viele Fälle bekannt, dass wenn die Juden die Miete nicht rechtzeitig bezahlen konnten, die Deutschen damit warteten, ohne sich an das Gericht zu wenden. All das änderte sich mit Ausbruch des Krieges 1939. Es gab engere Verbindungen mit deutschen Gruppen in Siebenbürgen. Deutsche Konsumvereine und Produktionsbetriebe wurden gegründet, so dass keine Notwendigkeit mehr bestand, mit Juden zu kooperieren. Es wurden auch militärische Ausbildungen an Sonn- und Feiertagen durchgeführt. Eine neue Atmosphäre herrschte vor und die Beziehungen zwischen Deutschen und Juden änderten sich komplett.
Alle Häuser in Tarutino waren aus Stein, was für Dörfer unüblich war. Einige Geschäfte waren aus Holz und standen auf Brücken. Man fand kaum Häuser, die aus Holz gebaut waren. Das war sehr verbreitet in Dörfern in Polen und der Ukraine. Es gab einige Häuser mit mehreren Stockwerken. Tarutino unterschied sich auch von anderen Ortschaften durch die Tatsache, dass es Bierstuben, Bäckereien, Schankräume, einen Tanzverein gab usw. Ich erinnere mich, dass in dem Städtchen ein kleines Restaurant existierte, welches einem bärtigen, großen Juden namens Salman Weinberg gehörte. Das Eis, das er anbot, war berühmt. An Juden verkaufte er es nicht vor sechs Uhr abends, um sicherzustellen, dass, wenn jemand Fleisch zu Mittag gegessen hatte, die vorgeschriebenen sechs Stunden Wartezeit eingehalten seien.
Bildung und Kultur
Die erste höhere Schule in Tarutino wurde von den Deutschen im Jahr 1912 gegründet. Die Unterrichtssprache war Russisch. Die meisten Studenten waren Deutsche und einige waren jüdisch oder anderen Minderheiten zugehörig. 1919, nach dem Wechsel der Regierung, änderten die Rumänen die Unterrichtssprache zu Deutsch. Eine der ersten hebräischen Hochschulen wurde in Tarutino gegründet, in den frühen 1900er Jahren, von dem geliebten Lehrer Gersch Silberman. 1919 gab es auch eine Hebräisch-Grundschule – vier Klassen, wie in Rumänien üblich. Der erste Rektor der Schule war Levi Fanisch, der 1915 aus Israel zurückkam, nachdem er seine Studien an der Herzlia-Highschool in Tel Aviv abgeschlossen hatte. Die Hebräisch-Hochschule wurde von den Rumänen im Jahr 1925 geschlossen. Ein Jahr später wurde sie wiedereröffnet mit einem neuen Rektor, dem Rechtsanwalt Sperling, einem bekannten Juristen. Darüber in einem anderen Artikel. Der Rektor, welcher ihm folgte, war Gedalia Rosenthal, welcher als Zionist nach Sibirien verschleppt wurde.
Das Lernen der hebräischen Sprache für die Kinder war ein vorrangiges Konzept und die Jugendlichen, welche nicht im Cheder waren, vor der Gründung der Hebräisch-Grundschulen, wurden zu speziellen Privatlehrern geschickt. Dem Verfasser dieser Zeilen wurde mit sechs Jahren Hebräisch beigebracht von dem berühmten Zionisten und Lehrer Michael Kovlanov. Möge sein Andenken ein Segen sein! Tarutino wurde oft von einigen der besten Theatertruppen aus Bessarabien, Rumänien und Polen aufgesucht. Ich erinnere mich an an jene, die zwischen den beiden Weltkriegen auftraten – Wilna Theater mit Ida Kaminska, Sigmund Turkov, Stein, usf., die Fischeson – Gruppe aus Kischinjew, Asasel aus Bukarest, Sidi Tal und noch verschiedene Ensembles aus der Bukowina. Es gab auch örtliche Schauspieltruppen, welche hauptsächlich Stücke von Schalom Alechem aufführten. In einem der anderen Artikel gibt es dazu eine Schilderung. Auch die Schulen ermunterten zu schauspielerischen Aktivitäten und führten gelegentlich Stücke auf. Diese handelten üblicherweise von biblischen Motiven, wobei die Schüler spielten und die Lehrer Regie führten. Höchst bemerkenswert sind die Feiern anlässlich Chanukka und Purim, organisiert von der Hebräisch-Hochschule. Ein Artikel in „Unser Zeit“ beschreibt sie folgendermaßen:
„Am 23. März wurde ein Kostümball für Purim veranstaltet von der Hebräisch-Hochschule. Am beachtenswertesten waren die Kostüme von Frau Brachot, welche die Bedeutung der örtlichen Hochschule als Bildungsstätte aufzeigten, und die von Frau Sch. Hellman. Die letztere stellte die gesellschaftlichen Einrichtungen in Tarutino dar. Die Veranstaltung war ein finanzieller Erfolg. Mitwirkende waren die Damen M. Hellman, R. Sirota. R. Schulman, Fischer und andere. Und die Herren I. Hellman, B. Scheinman, M. Katz, V. Leitman, Ch. Rosen und E. Schwarzman. Besonders auch Herr N. Sirota war sehr hilfreich.
Am Mittwochnachmittag gab es eine Feier für die Studenten mit ihren Eltern, unterstützt von den öffentlichen Einrichtungen. Der Direktor, Herr G. Rosenthal, eröffnete die Festivitäten mit einer wunderschönen Ansprache, in der er die Wichtigkeit dieser Bildungseinrichtung auch unter einem nationalen Gesichtspunkt aufzeigte. Auf dem Programm standen vom Chor vorgetragene Lieder, Rezitationen, Lebende Bilder und Sportveranstaltungen“.
Es ist unentbehrlich, über die zahlreichen zionistischen Aktivitäten in Tarutino zu sprechen. Leider sind keine Unterlagen mehr vorhanden. Obwohl wir einige Erfahrungsberichte haben, ist es schwierig, diese Aktivitäten kurz und klar darzustellen. Es muss betont werden, dass die jüdische Gemeinde immer einen ausgeprägten Wesenszug hatte – den Zionismus. Im Tagebuch von Dr. Josef Lerner, sel. A., finden wir Belege für den zionistischen Flair der jüdischen Gemeinde. Schon vor 1899 (dem Geburtsjahr von Dr. Lerner) gab es zionistische Bestrebungen, organisiert von vielen Geschäftsleuten, welche ihre Zeit damit verbrachten, den Zionismus im Ort und unter der Jugend voranzubringen.
Im zaristischen Russland gab es ein Verbot zionistischer Aktivitäten. Solche Treffen konnten nur in Synagogen stattfinden. Die einzige aktive Gruppe zu der Zeit in Tarutino war Chowewe Zion.
Von 1919 bis 1920 machten ca. 60 Mitglieder von Chowewe Zion Alija. Unter ihnen waren: zwei Schwartzman-Brüder (Söhne von David Schwartzman), Jeschajahu Perper, Mordechai Kochuk, Chaim Goldstein, Ben Zion Kreber, Avraham Sofer, Pivnik, Josef Rotberg, Mordechai
Haklai, Dubois, Efraim Averbuch, Sev Stoliar, A. Malamud, Jaakov Salzhändler, Efraim Pöliakov, Toporov und andere. Manche von diesen beteiligten sich aktiv an der Gründung von Siedlungen und am Ausbau verschiedener Institutionen. Einige kamen zurück. Bis Ende 1900 gab es ungefähr neun verschiedene zionistische Gruppen in Bessarabien und eine davon war in unserem Tarutino. Am 25.11.1906 war eine Versammlung in Tarutino und die Geldsammlungen für den Jüdischen Nationalfonds wurden begonnen. Einige der Besucher dieser Versammlung waren die Schneider im Städtchen. Eine Woche später war ein Treffen der Ladenbesitzer und eine Diskussion über eine Steuererhebung zugunsten des JNF. Die Aktivitäten von Maccabi [jüd. Sportbund], gegründet im Januar 1918, sind der Erörterung wert. Er wurde geleitet von Dr. Strechilewitsch, gefolgt von Mark Schalem. Im zweiten Jahrzehnt des Jahrhunderts gab es weitere Sportvereine wie z.B. „Victory“ und „Vorwärts“.
Den Jugendbund Haschomer Hazair [„Junge Wächter“] in unserer Stadt schildert Blumke Schwartzman-Glaser: Die Gründer von Haschomer Hazair in Tarutino und der erste Beirat war, nach Schwartzman-Glaser, Salman Joeli (Sioma Schneerson). Dieser wohnt jetzt in Petach Tikwa [Israel] und gehörte zum Redaktionsteam des Davar [hebr. Zeitung]. Er kam 1924 nach Tarutino nachdem er im nahegelegenen Romanovka eine Haschomer Hazair-Gruppe gegründet hatte. Die Anführer der Bewegung kamen aus Kischinjew. Die Mitglieder der Gruppe pflegten sich in einem Wäldchen außerhalb der Stadt zu treffen. Dort sangen sie Lieder aus Eretz Israel, hörten Vorträge über die Pioniere und träumten davon, „Alija zu machen“. Die erste, die diesen Wunsch verwirklichte, war Tema Gochberg-Nudelman. Sie war noch ziemlich jung zu der Zeit. Sie schloss sich dem Hechaluz [Organisation zur Vorbereitung der Auswanderung] an, wo sie auch ihren Geliebten kennenlernte, und zusammen machten sie Alija. Sie leben jetzt im Kibbuz Hephziba. Alle anderen Mitglieder der Bewegung waren eifersüchtig auf sie, weil sie es geschafft hatte, ihren Traum zu verwirklichen. Andere Mitglieder, welche zuerst in einen Vorbereitungskibbuz gegangen waren, sind Jechiel Averbuch und Josef Kochuk. Der Vorbereitungskibbuz war in Kischinjew, aber es gab auch welche in Prauni und in Bereni.
Blumkes ältere Schwester, Rachel, hatte in Odessa studiert. Sie brachte einen lebendigen Geist mit sich, als sie nach Tarutino kam – den Geist vom Wiederaufbau Erez Israels. Sie rezitierte Gedichte von Bialik, sang Lieder aus Erez Israel und brachte sie anderen bei. Blumke selbst hatte einen Hebräisch-Kindergarten besucht (eine Seltenheit in diesen Tagen) und ging anschließend in eine Hebräisch-Tagesschule. Sie war noch sehr jung, als sie ins Kischinjewer Lehrerkolleg aufgenommen wurde. Dieses wurde geführt von dem bekannten Pädagogen Alterman (Vater des Poeten Natan Alterman).
Die Atmosphäre zu Hause war zionistisch – wie in vielen Häusern im Dorf. Die Abgesandten aus den diversen zionistischen Gruppen dozierten in den Synagogen. Nach diesen enthusiastischen Vorträgen pflegten die Hörer Geld zu spenden und die Frauen stifteten ihren Schmuck.
In Tarutino gab es auch eine Zionistische Frauenorganisation. In einer der Ausgaben von „Unser Zeit“ steht ein Artikel über den Bazar, den eine Gruppe in der Maccabi-Halle veranstaltet hatte. Wir lesen in diesem Artikel, dass bei der Eröffnung des Bazars Frau M. Resnik die besondere Bedeutung der Teilnahme der Frauen an der Verwirklichung Erez Israels betonte. Andere Redner waren B. Gurfel vom JNF, Fanisch im Auftrag der Schule und I. Grogerman im Namen der Kultur und der örtlichen Hochschule.
Außerdem, lesen wir weiter, ging die Sekretärin der Frauenorganisation auf die Begrüßungsworte ein und dankte den vielen Besuchern, die zu dieser festlichen Veranstaltung gekommen waren. Die Auszeichnung, das blau-weiße Band zum Eingang in die Halle zu durchschneiden, wurde Frau Dina Grinberg für 800 Lei zugestanden. Der Gesamterlös des Bazars betrug 10 000 Lei. Zu Zeiten der wirtschaftlichen Depression sprach man in Tarutino von einer beträchtlichen Summe.
Die jüdische Gemeinde und ihr Aufbau
Schon bevor sich die jüdische Gemeinde gebildet hatte, gab es einige Einrichtungen in Tarutino, welche unabhängig davon entstanden waren: eine Mikwe, ein Friedhof und eine Synagoge. Im Jahr 1910 gab es auch ein Krankenhaus. Als die Gemeinde sich organisiert hatte (separater Artikel), wurden weitere Einrichtungen gegründet: „Krankenhilfe“, „Fonds für arme Bräute“, „Hilfe für die Bedürftigen“. Das beweist einen solidarischen Geist und eine Atmosphäre des gegenseitigen Beistands im jüdischen Gemeindeleben von Tarutino.
In Tarutino gab es vier Synagogen – so wie in Akkerman: die „Polnische“, die der Schneider, die „Große“ und die „Glorreiche“. Und es gab auch die gleiche Anzahl von rituellen Schlachtern: Mosche Friedman, Jizchak Rosenblatt, Falik Grinberg und Schlomo Malamud. Jede Synagoge hatte ihren eigenen rituellen Schlachter. Rabbi Bronstein betete in der Großen Synagoge.
Nach der Revolution von 1917, als der jüdische Gemeinschaft gewisse Rechte zuerkannt wurden vom zeitweisen Sowjetischen Regime, war die Freude groß. Die jüdische Gemeinde wurde offiziell gegründet. 1917 bis 1918 existierte auch eine jüdische Selbstverteidigungsgruppe, da während der Unruhen nach der Revolution Angst vor Angriffen herrschte. Zur gleichen Zeit gründete sich ein Stadtrat mit Russen, Deutschen und Juden.
Als 1918 die Rumänen in die Ortschaft kamen, war ihre erste Maßnahme die völlige Loslösung vom vorherigen russischen Regime. Es gab sogar ein Verbot des Gebrauchs der russischen Sprache in den Schulen. Das schlimmste Verbrechen aber war der Bolschewismus.
Beim Durchforsten verschiedener Ausgaben von „Unser Zeit“ nach Artikeln über Tarutino, fanden wir, unter anderem, dass im Mai 1929 die Tarutinoer Gemeinde 113 Tsd. Lei dem „Hunger-Komitee“ spendete, während die Juden der umliegenden Ortschaften nur 40 Tsd. Lei gaben. In einer Ausgabe von 1928 war ein Artikel veröffentlicht, welcher von der Schaffung einer Wohltätigkeitsorganisation auf Initiative von Jekutiel Rosenberg handelte. Der Artikel, verfasst von Chaim Framann, erörterte das Bestreben, eine neue Gesellschaft nach demokratischen Prinzipien zu gründen.
Die Gemeindeorgane wurden von den ehrenamtlich tätigen Frauen ungemein unterstützt, die häufig Wohltätigkeitsbälle zu deren Nutzen organisierten. Es gab öfters eine Wahl zur Schönheitskönigin oder zur Ballkönigin. Diese Bälle fanden statt in einem Theater oder einem Kino. Auch Hochzeiten wurden an diesen Stätten abgehalten, zwei Tage lang. Hauptsächlich dann, wenn eine der Familien keine hiesige war. Am Abend nach der offiziellen Hochzeit gab es eine Party, genannt „nach der Feier“.
Für die Braut war es üblich, bei der Trauung zu weinen. Wenn sie es nicht aus sich selbst heraus konnte, brachten sie andere dazu mit einer Zeremonie, genannt „die Braut zum Weinen bringen“.
Natürlich war auch ein extra Unterhaltungskünstler dabei. In Tarutino gab es ein spezielles Hochzeitsorchester. Es gab aber noch ein anderes Orchester, von außerhalb. Dieses wurde dirigiert von „Chaim, dem Blinden“. Er spielte die Klarinette und war berühmt in ganz Südbessarabien für sein Können. Unter den Mitgliedern des örtlichen Orchesters waren Pinje Lainson und Hisia Skolnik. Die Tochter des Spendensammlers im Städtchen wurde vermählt mit dem Schuhputzer und die Frauen im Ort organisierten die Hochzeit. Es war eine schicke Hochzeit, wo der Alkohol floß und das Orchester spielte. Da war kein Unterschied zwischen dieser Hochzeit und einer von reichen Leuten.
Ein typischer Artikel über die jüdische Gemeinde von Tarutino erschien in der Ausgabe von „Unser Zeit“ vom 18.05.29:
„Kürzlich wurde eine Versammlung abgehalten in der Großen Synagoge zur Wahl zweier Kandidaten für den Vorstand der Gemeinde. Der hiesige Rabbi sprach von der Notwendigkeit, aufmerksame Kandidaten zu wählen, die in der Lage seien, für das Ansehen der Religion und die Tora einzutreten. Als er zu Ende gesprochen hatte, schlug er zwei Kandidaten vor. Jedoch, als er fragte, ob jemand Einwände gegen Herrn Schtilman (ein wohlhabender Mann im Städtchen) habe, brach ein Tumult aus. Herr Schtilman war anwesend bei der Versammlung und viele Leute wollten, dass der Rabbi das tat, was üblicherweise getan wurde. Der Rabbi hatte Angst, dass seine Kandidaten nicht gewählt würden und er akzeptierte keine Wahlen, auf welchen ein Kandidat nicht anwesend war. Einige seiner Unterstützer erfassten die Situation, aber der Rabbi stand seinen Mann und fand einen originellen Weg, um seinen Willen umzusetzen. Er bat jene zu Gunsten der Kandidaten, auf dieser Seite des Saals stehen zu bleiben, während die ablehnenden auf die andere Seite gehen sollten. Ist es ein Wunder, dass mit solchen Tricks die Kandidaten des Rabbis sich durchsetzten?"
Wirtschaftliche Aktivitäten
In Tarutino gab es zahlreiche Betriebe und Werkstätten. Unter denen sollten folgende erwähnt werden: zwei metallgießende Betriebe, eine Papierfabrik, eine Bierbrauerei, zwei Textilfabriken – davon eine zur Endfertigung von Stoffen, eine Druckerpresse, Betriebe für die Herstellung von Öl und von Seife. Eine Straße im Ort war, auf beiden Seiten, komplett bestückt von Bekleidungsgeschäften. Die Besitzer dieser Läden hatten in ihrer Jugend in den gewerblichen Unternehmen von Rosenberg, Breitburd, Resnik und anderen gearbeitet. Auf diese Weise hatten sie ihr Gewerbe gelernt und ihre eigenen Betriebe eröffnet.
Es gab auch einen großen Betrieb, der Federn nach Deutschland exportierte und seine Besitzer und Arbeiter waren Juden. Und es gab einen Verband zum Abholen von Weizen in den Ortschaften und für den Verkauf in den Donauhäfen. Dieser Verband wurde ebenfalls ausschließlich von Juden geführt. Die Chefs des Feder-Export-Geschäfts waren Brachot (Bruches), Krikun, Schternsis, die Schwarztman-Brüder, Leitman und Tscherkis. Der Weizenvertrieb wurde abgewickelt von Kiner, Schalem, Imas, Slimowitz, Berman und noch anderen. Im Jahr 1906 wurde eine Filiale der Vereinigten Jüdischen Genossenschaft in Bessarabien eröffnet. 1925 wurde ein Kreditfonds gegründet mit 285 Mitgliedern: 17 Landwirten, 57 Handwerkern und 172 Händlern. Abgesehen von ein paar Landwirten waren alle Juden.
Der Handel im Städtchen war in den Händen der Juden in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Ein Geschäft gehörte einem Russen und ein anderes einem Ungarn. Alle 14 Tage wurde ein Markt abgehalten und hunderte von Landwirten aus dem Umfeld kamen dorthin mit ihren Erzeugnissen.
aus: https://www.jewishgen.org/yizkor/
(nachgedruckt in den Mitteilungsblättern März und April 2022)