Wem gehört Tarutino?
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„Our Town Tarutino“ steht in dicken Buchstaben als Überschrift über dem Beitrag von Schmuel Brilliant im Yizkor Book – Akkerman und Umgebung, S. 273: „Unsere Stadt Tarutino“.
Diese drei Wörter haben mich doch sehr nachdenklich gemacht. Ich habe eine Weile gebraucht, bis mir klar wurde, dass es außer den deutschstämmigen auch noch andere, z. B. jüdischstämmige Bessaraber gibt, die „deutsche“ Dörfer als ihre Heimat bezeichnen.
Juden sind dort geboren, haben dort gewohnt und gearbeitet, sind in ihre Schulen und Synagogen gegangen, haben Familien gegründet und ihre Toten auf dem jüdischen Friedhof begraben. Mehr „Heimat“ geht fast nicht!
Sie leben heute weltweit zerstreut, hauptsächlich in Nord- und Südamerika und in Israel. Uwe Quellmann hat im Bessarabiendeutschen Mitteilungsblatt vom Dezember 2018 berichtet, wie er in Israel nach Samuel Gurfil, einem jüdischen Arziser Freund seines Vaters Emil Quellmann gesucht hat. Die Gurfils hatten einst im Hof der Quellmanns in Arzis eine Bäckerei betrieben. Beim zweiten Anlauf wurde Uwe fündig. Samuel war schon verstorben, aber mit dessen Sohn Nathan hat Uwe sich treffen können und dabei erfahren, dass es in Tel Aviv ein „Haus der bessarabischen Juden“ gibt, wo zweimal jährlich Treffen stattfinden. Es muss ein bewegender Moment gewesen sein, als sich „die Söhne der beiden Arziser kennengelernt haben“, wie Uwes Frau formulierte.
Dass sich in Israel ein deutscher und ein jüdischer „Bessaraber“ treffen, ist ein Zeichen dafür, dass diese beiden Bevölkerungsgruppen nicht isoliert nebeneinander hergelebt haben, sondern auch freundschaftliche Bindungen entstanden sind, die durch einen scheußlichen Vernichtungskrieg nicht ausgelöscht wurden.
„Bessaraber“ ist offensichtlich kein geschützter Begriff. Umgesiedelte, Vertriebene, Geflohene verschiedener Nationen benützen ihn. Obwohl über den ganzen Globus verteilt, sehen sie immer noch ihre „Wurzeln“ in dem kleinen Landstrich am Schwarzen Meer.
Mir, als ein schon hier im „Reich“ Geborener, wurde das Bild eines Bessarabers vermittelt, der natürlich „deutsch“ und selbstverständlich „evangelisch-lutherisch“ sein sollte. Das war die Ansicht meiner Mutter. Schon die katholischen Deutschen aus Krasna waren ihr suspekt. Die strichen ihre Häuser wohl immer so bunt an. War das noch deutsch?
Wir haben oft darüber gelacht, wie „krasse“ Hausfarben die Nationalität beeinflussen können.
Babylon Tarutino?
Daniel Kräenbring (1892–1966) schätzte die Anzahl der jüdischen Mitbürger im Tarutino der 20er Jahre auf etwa ein Drittel aller Bewohner.
Im Yizkor Book findet man genaue Zahlen: Im Jahr 1897 lebten in Tarutino 1837 Juden (36 % der Bevölkerung), 1914 ungefähr 1600 (32 %) und 1930 noch 1546 (26,6 %).
Auf der Homepage des Bessarabiendeutschen Vereins liest man unter Tarutino Einwohnerzahlen von 1930: Deutsche 3482 und Andere 2313. Wer bei „die Anderen“ war, erfährt man bei Wikipedia „Tarutino“: Einwohner im Jahr 1930 waren Juden 1550, Russen 500, Bulgaren 150 und Rumänen 100, Deutsche 3500. Multikulti würden wir heute sagen. Aber im Gegensatz zum Turmbau von Babylon konnten sie sich alle recht gut miteinander verständigen. Und 1550 Juden, fast halb so viel wie Deutsche, waren alles andere als eine kleine Minderheit.
Aus den Yizkor Book Informationen geht aber hervor, dass dieser hohe Judenanteil nur in den wenigen Gemeinden anzutreffen war, in denen wöchentlich ein Markt abgehalten wurde: in Tarutino, in Arzis und in Sarata. „In den umliegenden deutschen Siedlungen rund um Tarutino lebten nur sehr wenige jüdische Familien – zwei bis drei in jedem Dorf“.
Beim Lesen dieser Zeilen habe ich erst verstanden, warum nicht alle deutschstämmigen Bessaraber Jiddisch können. Nur in diesen drei Marktgemeinden hatte man so einen intensiven Kontakt mit Juden. Und es war offensichtlich ein Riesenzufall, dass der größte Teil meiner Verwandtschaft aus Arzis und Tarutino stammt. Mein Opa Mammel aus Klöstitz beherrschte trotzdem Jiddisch, obwohl es in Klöstitz außer dem Apotheker kaum Juden gab.
Aber er hatte 6 Jahre lang in Tarutino als Schneider gearbeitet und dort offensichtlich viel Kontakt mit Juden gehabt.
Ab 1832 sollen sich laut Yizkor-Book-Berichten Juden in Tarutino niedergelassen haben. Eigentlich war es ihnen in jener Zeit gar nicht erlaubt, sich dort in Grenznähe anzusiedeln. Aber die Verwaltung hat da offensichtlich beide Augen zugedrückt. Erst 1870 erhielten sie die offizielle Erlaubnis dauerhaft zu bleiben.
Sie kamen aus Polen, Litauen, Podolien, Galizien und der Ukraine und wurden von den Existenzmöglichkeiten in den deutschen Siedlungen als Vermarkter der landwirtschaftlichen und handwerklichen Produkte geradezu angezogen.
Sie kamen als Migranten, aber nicht als Bettler. Sie arbeiteten alle in ihren Berufen als Kaufleute, Händler, Handwerker, Ätzte oder Apotheker. Unzweifelhaft haben sie zum wirtschaftlichen Aufstieg von Tarutino einen großen Teil beigetragen. Die meisten deutschen Höfe haben ja über ihre Selbstversorgung hinaus produziert, und waren sicher froh, sich nicht um die Weitervermarktung kümmern zu müssen. „Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine Aufspaltung der Tätigkeiten: Die Deutschen arbeiteten auf ihren landwirtschaftlichen Betrieben und als Handwerker, und die Juden betrieben Handel.“ Der Getreidehandel wurde fast komplett von Juden abgewickelt.
Meine Oma erzählte vom Getreidejud, vom Eierjud und vom Federjud, der die gerupften Gänsedaunen den Bauersfrauen abkaufte. Mein Bäsle Gertraude Effinger, die Tochter des bereits erwähnten Schuhmachers Emil Herrmann, erlebte noch als kleines Mädle den Juden Aaron, wie er durch Arzis fuhr, laut rufend: „Lejder! Fejder!“ Offensichtlich hat er außer Federn auch noch Tierhäute aufgekauft.
Wenn ich anfangs geschrieben habe, „Mehr Heimat geht fast nicht“, so muss ich doch noch auf dieses „fast“ zurückkommen. Es bestand nämlich ein ganz grundlegender Unterschied zwischen Juden und Deutschen. Dr. Yosef Laron beschreibt diese Situation auf der Seite 283 des Yizkor Books: „Die jüdische Bevölkerung hatte keine bürgerlichen Rechte und durfte bei Wahlen keine Stimme abgeben. Sie durften auch keinen Grundbesitz erwerben. Erst nach der Revolution 1917 erhielten die Juden diese Rechte.
Die Deutschen waren also die Hausund Grundbesitzer und vermieteten oder verpachteten ihre Häuser und Wohnungen. Auch nach 1917 achteten sie darauf, dass ja kein Land oder Haus an Nichtdeutsche verkauft wurde. Onkel Daniel wusste, dass manche Juden durch Landkauf in Polen ihr Geld angelegt haben.
Vielleicht funktionierte das Zusammenleben zwischen Deutschen und Juden ja deshalb so gut, weil die Juden den als „Landfresser“ verschrienen Deutschen keine Konkurrenten waren.
Und noch etwas ergibt sich aus diesem „Leben in Miete“. Weder in Tarutino noch in Arzis existierte ein geschlossenes jüdisches Wohngebiet. Ein Stejtl, wie wir es aus dem Musical Anatevka kennen, gab es nicht. Juden und Deutsche lebten bunt gemischt beieinander. Ist das die Erklärung dafür, warum die meisten Deutschen jiddisch sprachen?
Entsprechend der großen Zahl an Juden hat sich in Tarutino im Laufe der Zeit ein äußerst reges Jüdisches religiöses Leben entwickelt. Daniel Kräenbring war mein bester Informant und übrigens ein wunderbarer, sympathischer Mensch. Ich hatte das Glück, dass er mir in seinen letzten Jahren noch vieles über die Juden in Bessarabien erzählt hat. Er sprach hervorragend Jiddisch und wusste über die jüdischen Feste und religiösen Traditionen bestens Bescheid. Von klein auf ist er mit den jüdischen Nachbarskindern aufgewachsen, denn auf dem Kräenbrings Hof standen gleich zwei Synagogen. Eine davon war die „Schnaderschil“, die Schnajderschul, die hauptsächlich von Handwerkern besucht wurde. „Schul“ ist übrigens die jiddische Bezeichnung für eine Synagoge.
Die andere hieß die „Poilnschil“ und wurde von den aus Polen und Galizien ausgewanderten Juden aufgesucht. Das war die Mehrheit der Tarutinoer Juden. Daneben gab es noch die „Große Synagoge“, die „Zeluchesschil“ (luchess sind die Gesetzestafeln), und eine Schil für die „Gwirim“, die Reichen, Vornehmen und Erfolgreichen. Vier Synagogen in Tarutino! So ein Luxus! In Arzis gab‘s nur eine. Und jede Synagoge hatte ihr eigenes rituelles Schlachthaus mit eigenem rituellen Metzger.
Ich vermute, dass die aus verschiedenen Ländern eingewanderten Juden ihre unterschiedlichen Traditionen pflegen wollten. Aber eine Tradition feierten alle gleich: Den Beginn des Sabbats am Freitagabend nach Sonnenuntergang.
Von Daniel Kräenbring habe ich die bessarabische Version eines bekannten jiddischen Gedichtes. Es handelt vom Glücksgefühl eines Juden, das er am Freitagabend empfindet, wenn er den Sabbatbeginn feiert. Mir ist dieses Gedicht bis heute nicht aus dem Kopf gegangen:
fratig af der nacht - Freitag am Abend
a jejder jid is a mejlach - ein jeder Jude ist ein König
jejdes winkele lacht - jeder Winkel lacht
a jejder jid is frejlach - alle Juden sind fröhlich
frier a schtikele fisch - zum Anfang ein kleines Stück Fisch
nuchdem a glejsale wan - danach ein Gläschen Wein
git ejr ir a kisch - gibt er ihr einen Kuss
glach in pesk aran - direkt auf den Mund
Wem gehört Tarutino? Das ist natürlich keine ganz ernsthaft gestellte Frage. Heute gehört es ukrainischen Staatsbürgern unterschiedlicher Nationalität. Bevor die Deutschen kamen, sollen dort Tataren gelebt haben. Die Siedlung hat Anciokrak geheißen. Seltsamerweise haben die Juden diesen alten Ortsnamen beibehalten. „indser stejtl antschiokrak“ würde die Überschrift „Unsere Stadt Tarutino“ auf Jiddisch lauten.
Wenn meine Oma von Anschakrak gesprochen hat, wusste ich nie so recht, wie weit dieser Ort von Tarutino entfernt ist.
(aus dem Mitteilungsblatt 03-21)