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60 Jahre Heimatmuseum des Bessarabiendeutschen Vereins e.V.

Heinz Fiess · 12. Dezember 2012
Blick in den Festsaal
Blick in den Festsaal
Michael Lieb unf Nikolaus Fluck

Michael Lieb unf Nikolaus Fluck

Zwar sollte und konnte die damals so glanzvolle Feier beim 50-jährigen Jubiläum des Heimatmuseums im Sitzungssaal des Stuttgarter Rathauses nicht wiederholt werden, doch mit dem Festvortrag des Leiters des Forschungsbereichs Zeitgeschichte am Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen, Dr. Mathias Beer (s. Titelbild), erreichte auch die Veranstaltung zum 60-jährigen Jubiläum einen würdevollen Höhepunkt.

Musikalisch umrahmt von den zwei jungen Musikern Nikolaus Fluck (Trompete) und Michael Lieb (Klavier) erhielt die Feier im vollbesetzten Saal des Heimathauses den ihr zustehenden festlichen Charakter. Der Bundesvorsitzende Günther Vossler hieß die zahlreichen Gäste, insbesondere die Stadtdirektorin Andrea Klett-Eininger, Leiterin des Persönlichen Büros des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt als Vertreterin der Stadt Stuttgart sowie den Festredner Dr. Matthias Beer herzlich willkommen. Ein herzlicher Gruß galt auch Johannes Harter, der es mit 98 Jahren noch auf sich genommen hatte, am Festakt teilzunehmen.

Andrea Klett-Eininger

Andrea Klett-Eininger

In ihrem Grußwort überraschte Frau Klett-Eininger mit dem Bekenntnis, dass sie gute Kontakte zu den Bessarabiendeutschen habe und dass sie an ihnen besonders beeindrucke, dass sie „nie klagen, immer nach vorne schauen“. Sie berichtete, dass die Stadt Stuttgart ein Stadtmuseum einrichten möchte, in dem Traditionen gepflegt werden sollen, auch die Geschichte der Bessarabiendeutschen soll dort eine Rolle spielen. „Die Stadt Stuttgart“, so Klett-Eininger, „wird das Heimatmuseum gerne auch weiter unterstützen.“

Ingo Rüdiger Isert

Ingo Rüdiger Isert

Ingo Rüdiger Isert, der Leiter des Heimatmuseums, gab zunächst einen historischen Rückblick über die Entwicklung des Heimatmuseums, bevor er dann auf die Aufgaben für die Zukunft zu sprechen kam. Er verwies auf die umfangreichen Ausführungen in den Festschriften zum 40- bzw. 50-jährigen Jubiläum und schlug einen Bogen von der Gründungsversammlung am 25. Mai 1952 unter der Leitung von Christian Fieß, der anfänglichen Raumknappheit des Museums bis hin zur feierlichen Eröffnung der Ausstellung am 25. Mai 1963, nachdem das Haus der Bessarabiendeutschen in Stuttgart fertiggestellt war und das Museum Räume (zunächst mit einer Gesamtausstellungsfläche von lediglich 78 m2) im 2. Obergeschoss einrichten konnte. In weiteren Bauphasen entstanden, so berichtete Isert, zusätzliche Museumsräume sowie die Bibliothek und Räume für Archive und Familienkunde. Wegen der Überfülle von Museumsgegenständen auf beschränktem Raum war die Präsentation wenig übersichtlich, so der Leitende Stadtarchivdirektor a.D. Prof. Dr. Paul Sauer bei seiner damaligen Festrede zum 50-jährigen Jubiläum. „Mit der 1987 entwickelten Neukonzeption änderte sich dies. Jetzt wurden museumsdidaktische Gesichtspunkte berücksichtigt, Museumsfachleute beratend und helfend beigezogen, die Ausstellungsfläche mit 200 m2 annähernd verdreifacht.“, so damals Sauer (Festschrift S. 48). Die Neukonzeption, so Isert in seinem Bericht weiter, wurde 1992 bis 1995 umgesetzt und erhielt die uns heute bekannte Struktur.

Im Hinblick auf die zukünftigen Aufgaben und Ziele der Museumsarbeit stellte Isert fest: „Lag der Schwerpunkt der ersten 40 oder gar 50 Jahre im Sammeln, im Zusammentragen von Exponaten, Dokumenten, Büchern und Bildern, so ist die Erfassung der Museumsgüter im letzten Jahrzehnt in den Vordergrund gerückt.“ Die Erfassung der Archivinhalte mit Computerprogrammen, so Isert, schreite voran. Durch den in diesem Jahr erfolgten Umbau des Untergeschosses werde die Zusammenfassung der Außenbestände ermöglicht. Zusammenfassend erklärte der Museumsleiter: „Das Heimatmuseum war in der Vergangenheit immer schon ein Informationszentrum. Es wird heute im verstärkten Maße in Anspruch genommen. Die Zugriffsmöglichkeit muss verbessert werden, dass auch weniger „Kundige“ mit Erfolg und nicht allzu großem Aufwand fündig werden können.“ Mit einem großen Dank an seinen Vorgänger Christian Fieß, der sein Lebensziel im Heimatmuseum gesehen habe, sowie auch an die ehrenamtlichen Mitarbeiter schloss der Redner seine Ausführungen.

Dr. Mathias Beer stellte in seinem Festvortrag ganz allgemein die Frage nach der Bedeutung des „Heimatmuseums“ und kam dabei immer wieder mit vergleichenden Aussagen auf das „Heimatmuseum des Bessarabiendeutschen Vereins e.V.“ zu sprechen. Diese aus der Gegenwart nicht mehr wegzudenkende Einrichtung, so Beer, sei eine „deutsche Institution“ geworden, und der Schriftsteller Siegfried Lenz habe 1978 dieser Institution mit seinem Roman „Heimatmuseum“ ein bleibendes literarisches Denkmal gesetzt. Der Redner beschrieb drei Entwicklungsphasen.

Die Geburtsstunde der Heimatmuseen sieht er in dem mit der industriellen Revolution Ende des 19. Jahrhunderts verbundenen tiefgreifenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel, der zur Verstädterung führte. Basierend auf der Verunsicherung, die dieser Wandel ausgelöst habe, wollte man retten und konservieren, was von der „guten alten Welt“ verlorengegangen sei. Eine erste Blüte habe die bis dahin kaum ernstgenommene Museumsgattung erst nach dem Ersten Weltkrieg und der damit einher schreitenden nationalen Verunsicherung erfahren. Zwischen 1922 und 1932 seien die meisten, auch von der Fachwelt anerkannten Heimatmuseen entstanden. So übrigens auch 1922 das „Kulturhistorische Heimatmuseum der Deutschen in Bessarabien“, das auf Initiative von Immanuel Wagner [später Schwiegervater von Christian Fieß, Museumsgründer in Stuttgart] in Sarata anlässlich der Hundertjahrfeier gegründet wurde.

Nach der ideologischen Indienstnahme und Diskreditierung des Heimatgedankens während der nationalsozialistischen Herrschaft, so Beer, hätten die Heimatmuseen nach 1945 ein Winkeldasein geführt, und ihre Zahl sei lediglich auf Grund der Flucht und Vertreibung gestiegen, weil die Flüchtlinge und Vertriebenen eine kulturelle Ersatzheimat gebraucht hätten. Man habe die „alte“ in die „neue“ Heimat hinüberretten wollen. Aus diesem Bedürfnis sei vor 60 Jahren auch das „Heimatmuseum der Bessarabiendeutschen“ entstanden.

Mit dem Wiederaufbau nach dem Krieg und dem Wirtschaftswunder sei eine zweite, technisch-industrielle Revolution mit großen Veränderungen einhergegangen, die vielen eine Bedrohung der „alten heilen Welt“ bedeutete und zu einer Renaissance des Heimatgedankens seit Ende der 70er Jahre geführt habe.

Mittlerweile würde in atemberaubendem Tempo durch eine dritte, technisch-mediale Revolution eine kommunikative weltweite Vernetzung stattfinden, welche Orientierungslosigkeit und Verlusterfahrungen auslöse. Ein Bedürfnis nach der „guten alten Zeit“, der Ruf nach der Heimat, dem überschaubaren und vertrauten Ort, sei deutlich vernehmbar. Das Heimatmuseum komme diesem Bedürfnis entgegen.

Im Weiteren referierte Beer über die Merkmale und die Funktionen des Heimatmuseums, wobei mir die folgende Aussage zentral erscheint: „Gerade im Zeitalter der Globalisierung, das wesentlich durch Migration geprägt ist, steigt ganz offensichtlich der Stellenwert der Heimat. Und damit ist die identitätsstiftende Funktion des Heimatmuseums mehr denn je gefragt.“ Und weiter: „Die Ausstrahlungskraft der Heimatmuseen gilt es zu erhalten. Denn auf Grund seiner identitätsstiftenden Funktion ist das Heimatmuseum ein Museum mit Zukunft!“

Günther Vossler beim Anstecken der Goldenen Ehrennadel

Günther Vossler beim Anstecken der Goldenen Ehrennadel

Mit der Verleihung der goldenen Ehrennadel an Prof. Siegmund Ziebart für seine engagierte Tätigkeit als früherer Bundesgeschäftsführer der Landsmannschaft, als Leiter des Fachausschusses Heimatgemeinden und für seine Verdienste um Arzis sowie mit der gleichen Ehrung für den seit 60 Jahren für das Heimatmuseum äußerst engagierten Albert Häfner, dem einzigen noch lebenden Gründungsmitglied des Heimatmuseums, der aus gesundheitlichen Gründen leider nicht anwesend sein konnte, endete der offizielle Teil der Veranstaltung.

Beim anschließenden Stehempfang hatten die Teilnehmer reichlich Gelegenheit zum angeregten Gesprächsaustausch.