„… deutsche Märsche auf Kurzwellen…“ Eine Postkarte nach Stuttgart-Botnang
Olaf Schluze
Eine Postkarte aus Sarata (bislang keine Inverntarnummer vergeben), die wir vor vier Jahren auf einem Internetportal kaufen konnten, zeigt auf der Bildseite vier Ansichten aus Sarata (Das älteste Haus No. 1 Scherzinger / das Alexanderaysl, das „Vier-Jungfern-Asyl“ beim Abbruch und die Häuser der Familien Lütze, Keller und Wagner). Diese Zusammenstellung entstand 1922, zum 100-jährigen Ortsjubiläum, und wurde auch später noch aufgelegt. Wir haben die Karte mehrfach in unserem Archiv. Wir haben diese Postkarte dennoch erworben, weil ihre Nachrichtenseite interessant ist. Mit Bleistift geschrieben steht dort (Transkription):
„Sarata, den 1. November 1938 Sarata ist ein schwäbisches Dorf / in Bessarabien, wo ich mich jetzt befinde. Hier / wird noch echt schwäbisch gesprochen. / Ich sitze hier im Gasthaus bei einem / Schwaben und höre auf einen [sic] Telefunken / deutsche Märsche auf Kurzwellen. Gestern habe ich zwei schwäb[ische]. Dörfer Arzis u[nd]./ Tarutino besucht. Sonntag bin ich wieder / zu Hause. / Herzl[iche]. Grüsse / Papa.“
Das Besondere an der Karte, die in einer Vitrine im dritten Raum unseres Heimatmuseums ausgestellt ist, ist diese Nachricht, die ein Beleg ist für die Besuche „Reichsdeutscher“ in Bessarabien in den 1930er Jahren. Manche kamen aus privaten oder touristischen Gründen, andere interessierten sich für die Geschichte und Kultur der Bessarabiendeutschen, wieder andere kamen zu politischen Schulungen der Bessarabiendeutschen, etwa im Auftrag der Erneuerungsbewegung. Hier schreibt ein „Papa“ seinem Sohn Erwin Waller nach Stuttgart-Botnang. Den Anlass seiner Reise Ende Oktober, Anfang November 1939 können wir aus dem Kartentext nicht herauslesen. Aber doch das Erstaunen und Betonen des „Schwäbischen“, das Vater Waller hier in Bessarabien antraf. Wobei es gerade in Tarutino auch viele Bewohner gab, die „Platt“ und nicht Schwäbisch sprachen.