7. Norddeutsches Treffen in Möckern
Inge und Regine Heuchert
Am Samstag, 14. September 2013, fand das 7. Norddeutsche Treffen in Möckern statt, und zwar zum ersten Mal im Hotel „Schwarzer Adler“. Insgesamt handelte es sich um das 38. Norddeutsche Treffen.
Schon am Abend zuvor hatte sich eine Gruppe von 12 Teilnehmern eingefunden, die den Abend bei gutem Essen in geselliger Runde verbrachte und im gemütlichen Hotel „Schwarzer Adler“ übernachtete.
Am nächsten Tag, dem 14. September, fanden sich zur Veranstaltung ca. 150 Besucher im schön dekorierten großen Saal des Hotels „Schwarzer Adler“ in Möckern ein. Das Programm des 7. Norddeutschen Treffens in Möckern begann mit der Begrüßung durch Herrn Wolgang Bunk, der Horst Gutsche, einen bessarabischen Teilnehmer aus Kanada ankündigte, der jedoch erst am Nachmittag eintraf.
Die an die Begrüßung anschließende Andacht hielt Pfarrer Martin Vibrans aus Möckern. Er nahm den Predigttext (Apostelgeschichte, Kapitel 8, Vers 26 – 39) zum Anlass, um über das Reisen (z.B. die Anreise nach Möckern) und über Glaubenserfahrungen in der Begegnung zu sprechen.
Grußworte sprach der Bürgermeister von Möckern, Frank von Holly, der zum fünften Mal am Treffen teilnahm.
Frau Erika Wiener, die stellvertretende Bundesvorsitzende, übermittelte herzlichste Grüße vom Bundesvorsitzenden Günther Vossler und vom Vorstand des Vereins. Anschließend sahen wir den Film „Mit Oma nach Bessarabiern“: Diese halbstündige Reportage wurden von Wilhelm Domke-Schulz 2006 für den MDR produziert. Er und ein Filmteam begleiteten Gerda Noah (die auf dem Treffen in Möckern selbst anwesend war) und ihre Familie auf ihrer Spurensuchen in Bessarabien. Mit Gerda Noah reisten ihre jüngere Schwester Tusnelda Brandt (liebevoll „Tussi“ genannt), Gerdas Tochter Lore Hüttepohl und deren Sohn Robert, außerdem Tusneldas Tochter Monika. Der Film zeigte mit eindrucksvollen Bildern aus der alten Heimat, wie Gerda Noah den nachfolgenden Generationen das damalige Leben anschaulich näher brachte. Die heutige Bewohnerin (Walja) des ehemaligen Hauses von Gerda Noah in Gnadenfeld (heute Blagodatnoje), lud – mit großer Herzlichkeit und Gastfreundschaft – ihre Besucher ins Innere ihres Hauses ein.
Gerda Noahs Familienangehörige zeigten Respekt und Bewunderung für die Arbeit und Lebensleistung der damaligen Bewohner Bessarabiens, aber auch die der heutigen Bevölkerung, die unter schwierigen Bedingungen ihr Leben meistert. Gerda Noah hatte auch ein Fotobuch der Reise dabei, das sie einigen Teilnehmern zeigte.
Im Anschluss an den Film wurde das gute Mittagessen serviert.
Pastor i.R. Arnulf Baumann spricht über unsere Verbindungen mit Bessarabien
Inge und Regine Heuchert
Die Pause bot den Teilnehmern außerdem Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen und zur Information über Publikationen des Bessarabiendeutschen Vereins am Büchertisch.
Nach der Pause wurde die Sammlung von 512,20 € Spendengelder verkündet.
Nach der Mittagspause trat der Chor von Edita Weber, die bereits die Andacht am Vormittag auf der Orgel musikalisch begleitet hatte, mit Volksliedern und Chorälen auf. Die musikalische Einlage stimmte die Teilnehmer, die ausdrücklich zum Mitsingen aufgefordert waren, auf die nächsten Programmpunkte ein.
Leider fielen eine Lesung und ein Vortrag aufgrund von Krankheit der Referenten aus: Im urspr. Programm war Leonide Baum angekündigt, die aus dem Reisetagebuch „Bessarabien im Jahre 2012“ lesen wollte. Da sie erkrankte, wurde als Ersatzreferent Gerhard Bohnet gewonnen, der über das Thema „Was verbindet mich mit der Gemeinde Kulm?“ sprechen wollte. Auch er musste wegen Krankheit absagen, einen Ersatzprogrammpunkt gab es nun nicht.
Gezeigt wurde der Film „Eine bessarabische Reise“ (2009) von Anika Teubner.
Anschließend hielt Pastor i.R. Arnulf Baumann einen Vortrag über das Thema „Was verbindet uns mit Bessarabien?“ Neben der bessarabischen Küche, die unter Bessarabiendeutschen auch heute noch gepflegt und mit Kochkursen wachgehalten wird, sprach Pastor Baumann über Familiengeschichten, Ortschroniken, die Auswanderung seit den 1870er-Jahren nach Nordamerika, wo die Neuansiedler ein weite Landschaft fanden, die ihnen von ihrer bessarabischen Heimat her vertraut erschien und in der sie schnell heimisch werden konnten. Außerdem sprach Pastor Baumann über heutige Reisen in die alte Heimat und die Begegnung mit den Menschen vor Ort, die von Herzlichkeit, Offenheit und Gastfreundschaft geprägt ist, und über den Wiederaufbau bzw. die Renovierung von deutschen Kirchen, Schulen und sonstigen Gebäuden mit deutschen Hilfsgeldern.
David Aippersbach zeigte danach einen PowerPoint-Vortrag über den Ort Frumuschika, den Pastor Baumann in seinem Vortrag bereits kurz erwähnt hatte. Frumuschika liegt auf einem ehemaligen Militärgelände, einem Truppenübungsplatz, und soll nun zu einem Touristenzentrum ausgebaut werden. Z.B. soll es ein Freilichtmuseum mit Häusern und Höfen der verschiedenen in Bessarabien beheimateten Völkerschaften, auch der bessarabiendeutschen Siedler geben. Auch an den Ausbau zum Tagungsort wird gedacht.
Allerdings haben die Hinterlassenschaften des Truppenübungsgeländes den Ort auf Jahrzehnte hin kontaminiert. Frumuschika liegt in der Nähe des ehemaligen Ortes Hoffnungstal. Das Dorf ist völlig verschwunden. Angeblich soll ein Erdbeben für die Einebnung des Ortes verantwortlich sein. Wahrscheinlicher jedoch ist, dass der Ort – wie das auf Truppenübungsplätzen üblich ist – Haus für Haus zerschossen wurde.
Frau Jortzig übergab dem Verein bessarabiendeutsche Kleidungsstücke ihrer Mutter für das Heimatmuseum in Stuttgart.
Nach einer Kaffeepause mit selbstgebackenem Kuchen referierte Frau Erika Wiener, die stellvertretende Bundesvorsitzende, über Neues aus dem Bessarabiendeutschen Verein und lud die Teilnehmer zu verschiedenen Veranstaltungen ein, die in diesem Jahr noch stattfinden werden (u.a. die Herbsttagung im Kurhaus Bad Sachsa, 08. - 10.11.2013).
Frau Wiener rief die Teilnehmer dazu auf, eigene Erlebnisse (Flucht, Vertreibung, Neubeginn) aufzuschreiben bzw. von Kindern und Enkeln aufschreiben zu lassen und ein Exemplar der Lebenserinnerungen dem Heimatmuseum in Stuttgart zur Verfügung zu stellen.
Außerdem sprach sie über die von Frau Dr. Ute Schmidt und ihrem Mann Prof. Ulrich Baehr konzipierte Ausstellung „Fromme und tüchtige Leute“, die schon mehrere Stationen durchlaufen hat (u.a. in den USA und in der Ukraine), zur Zeit in Hermannstadt (Sibiu, Rumänien) gezeigt wird und demnächst nach Ulm (ins Donauschwäbische Zentralmuseum, 17.10.2013 - 12.01.2014) kommt.
Seit Dezember 2012 gibt es sehr gute Kontakte mit der deutschen Botschaft in der Republik Moldau und mit der moldauischen Botschaft in Berlin. Die Botschaft in Chișinău plant mehrere Projekte und lässt sich dabei vom Bessarabiendeutschen Verein und von Dr. Ute Schmidt beraten.
Außerdem gibt es gute Kontakte zur evangelischen Kirchengemeinde in Chișinău, zu Pastor Dragan, der die einzige evangelisch-lutherische Kirchengemeinde in Moldawien betreut. Das Buch von Ute Schmidt „Bessarabien. Deutsche Kolonisten am Schwarzen Meer“ ist bereits ins Englische und Russische übersetzt worden, geplant ist auch eine Übersetzung ins Rumänische. Inhalte aus dem Buch sollen in die Lehrpläne der Schulen integriert werden.
Die Republik Moldau plant, deutsche Persönlichkeiten in der Republik Moldau besonders zu ehren, z.B. Karl Schmidt, ehemaliger Bürgermeister von Chișinău um 1900. Er hat sich 1903 nach den schrecklichen Pogromen an Juden für einen gerechten Prozess eingesetzt, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, und wurde dafür nachträglich mit einer sehr hohen Verdienstmedaille der jüdischen Gemeinde geehrt.
Der Bessarabiendeutsche Verein hat sich in der letzten Zeit vermehrt mit der NS-Geschichte auseinandergesetzt. Dazu gibt es zwei Forschungsarbeiten: Stefanie Wolters Arbeit zu Zeitungsberichten in der NS-Zeit wird demnächst veröffentlicht. Susanne Schlechter hat zu den verschwundenen Umsiedlern recherchiert, die aufgrund von Krankheit oder Behinderung „aussortiert“ wurden. Im Haus der Bessarabiendeutschen in Stuttgart soll demnächst eine Tafel aufgehängt werden zum Gedenken an diese verschwundenen
Umsiedler.
Das Bundestreffen in Ludwigsburg im nächsten Jahr (25. Mai 2014) wird sich dem Thema „Ansiedlung der Bessarabiendeutschen vor 200 Jahren“ widmen (2014 ist das Gedenkjahr zur Besiedelung, die 1814 begann).
Dann sprach noch der am Vormittag bereits angekündigte Pastor aus Kanada, Horst Gutsche: Gutsches Vater wurde in Neu-Sarata geboren. Horst Gutsche selbst wurde 1951 geboren und ist mit seinen Eltern 1956 nach Kanada ausgewandert. Er lebt in Barrhead, ca. 130 – 140 km nordwestlich der Hauptstadt Albertas, Edmonton. In der kanadischen Provinz Alberta gibt es viele Bessarbiendeutsche. Pastor Gutsche sprach über seinen Aufgabenbereich als Pastor in Kanada. Er kümmert sich hauptsächlich um deutsche Gemeinden und speziell um Bessarabiendeutsche in Kanada. Er hat verschiedene Heimatbücher ins Englische übersetzt, außerdem schreibt er regelmäßig eine englische Zusammenfassung des Mitteilungsblattes.
Einen bessarabiendeutschen Verein gibt es nicht in Nordamerika, dafür einige Gruppen von Nachkommen von Russlandsdeutschen (z.B. „German from Russia Heritage Society“ in Bismarck / North Dakota / USA, http://www.grhs.org/; „American Historical Society of Germans from Russia“ in Lincoln / Nebraska / USA, http://www.ahsgr.org/). Außerdem bot Pastor Gutsche den Anwesenden seine guten Kenntnisse und Kontakte für Einreisewillige an.
Die Schlussandacht hielt Pastor Baumann, und nach dem Reisesegen machten sich alle auf den Heimweg.