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Herbsttagung 2014 in Bad Sachsa

Emil Beierbach , Heinz Fiess · 17. Dezember 2014
Erika Wiener und Günther Vossler beim Feedback.
Erika Wiener und Günther Vossler beim Feedback.

Die traditionelle “Herbsttagung des Nordens“ – seit 20 Jahren als fester Bestandteil der Arbeit des Bessarabiendeutschen Vereins – fand auf Einladung der Organisatorin Erika Wiener am verlängerten Wochenende vom 14. bis 16. November 2014 im „Gästehaus am Bornweg“ in Bad Sachsa statt.

Das Thema „Stationen des Neubeginns“ – Umsiedlung, Lagerleben und Ansiedlung in Polen – beinhaltete inhaltsreiche, emotionale und politisch geprägte Aussagen.

Freitag, 14. November 2014:

Die Tagungsleiterin Erika Wiener mit Manfred Bolte, dem Referenten zum Film „Heimkehr“.

Die Tagungsleiterin Erika Wiener mit Manfred Bolte, dem Referenten zum Film „Heimkehr“.

Nach anstrengender Anreise wurde durch Erika Wiener zu Kuchen, Kaffee und Tee eingeladen, wobei sich die Möglichkeit des gegenseitigen erfreuten Wiedersehens oder Kennenlernens ergab. Im Sitzungssaal konnte dann die Stellvertretende Bundesvorsitzende, Erika Wiener, den Bundesvorsitzenden Günther Vossler, Pastor i.R. Arnulf Baumann, die Referenten und unter Einbeziehung der neuen Teilnehmer 90 interessierte Vereinsmitglieder aus den nördlichen Bundesländern und wenige Teilnehmer aus Süddeutschland begrüßen.

Zum Auftakt erläuterte Frau Wiener ausführlich den Ablauf der Veranstaltung und lud zu einem reichhaltigen, rustikalen und schmackhaften Abendbrotbuffet ein, bei dem weitere erste persönliche Kontakte geknüpft werden konnten.

Nach dem Abendessen gestärkt erläuterte - zur Einführung in die Thematik – Referent Manfred Bolte eine Vielzahl von Begriffen – „Volksgruppen“, „Migranten“, „Emigranten“, „Boatpeople“ etc. und deren Bedeutung im Zusammenhang zum Tagungsthema. Gespannt erwarteten nun die
Teilnehmer nach der ausführlichen Einführung den Film: „Heimkehr“ – ein Propagandafilm aus der NS-Zeit.

Herr Bolte wies zum besseren Verstehen darauf hin, dass vor vielen Jahrzehnten deutsche Bürger aus wirtschaftlichen, politischen und religiösen Gründen ihre deutsche Heimat, Verwandte und Freunde verließen und gen Osten nach Polen auswanderten. Hier gründeten sie unter harten Bedingungen neue Existenzen. Sie lebten mit Polen, Juden und anderen Volksgruppen friedlich und ohne Hass nebeneinander und unterstützten sich gelegentlich gegenseitig.

Der grausame antipolnische NS-Propagandafilm „Heimkehr“ galt und gilt als eine einzige Hetzkampagne und dokumentiert, dass die Polen und Juden für die NS-Machthaber artfremd und minderwertig waren und als „Feind“ des Deutschen Volkes galten. Der Propagandafilm „Heimkehr“, der die Geschehnisse und Anschuldigungen manipulierte und umkehrte, zeigt erschreckende, rassistische, menschenverachtende und nicht nachvollziehbare Szenen, nach denen insbesondere Polen die eingewanderten Deutschen angeblich terrorisiert, schikaniert und misshandelt haben sollen.

Zitat: „Das Hauptziel des Filmes bestand darin, nicht nur den Hass gegen die vermeintlichen `fremd-völkischen´ Verursacher des deutschen Martyriums zu schüren, sondern deren restlose Eliminierung zum politischen Bekenntnis zu erheben.“

Nach Beendigung der Filmvorführung herrschte eine erschreckende Stille, die sich wie eine dunkle Gewitterwolke durch den Versammlungsraum zog.

Die Teilnehmer waren durch die vorgeführten Gräueltaten und die offensichtliche ideologische Verzerrung geschockt, erschüttert und emotional geladen. Obwohl während der Diskussion unterschiedliche Auffassungen vertreten wurden, war das Ergebnis eindeutig – der Film diente zur ideologischen Beeinflussung des Deutschen Volkes und zur willkommenen Rechtfertigung für den Überfall auf Polen am 1. September 1939.

Nach einem erlebnisreichen Tag erfolgte der „Kennenlernabend“. Ältere Jahrgänge, die sich noch aus Dörfern und Städten Bessarabiens oder nach der Um- und Ansiedlung in Westpreußen, Warthegau oder aus der „Neuen Heimat“ kannten, fanden schnell zueinander; integrierten jedoch auch freudig „Neulinge“ und „Erstteilnehmer“.

Bei einem vorzüglichen „Trollinger mit Lemberger“ Württemberger Rotwein kam man schnell in Gespräche über die „Bessarabische Heimat“ und über erfreuliche und negative Gemeinsamkeiten, sowie erschütternde Erlebnisse und Empfindungen. Selbstverständlich wurde seitens der älteren und reiferen Generation über Krankheiten und Gebrechen Erfahrungen ausgetauscht.

Stunde um Stunde verging wie im Fluge. Die Stimmung steigerte sich zusehends und führte schnell zur Verbrüderung und zur Anbietung des „Du“ – wie es unter bessarabischen Landsleuten üblich ist. Die „Nimmermüden“ begaben sich erst am frühen Morgen auf ihre Zimmer.

Samstag, Tag der Vorträge

Der Morgen begann um 8.00 Uhr mit einem üppigen und abwechslungsreichen Frühstück. Die Auswahl von verschiedenen Marmeladen, Honig, Wurst- und Käsesorten, Rührei etc. war kaum zu überblicken.

Nach dem Frühstück war das „Wort zum Tag“ angekündigt. Egon Sprecher predigte in seiner Andacht über das Johannes Evangelium, Kapitel 15, wo es heißt: Jesus ist der wahre Weinstock, und sein Vater ist der Weinbauer, der jede Rebe an Jesus entfernt, die keine Frucht bringt; aber die fruchttragenden Reben reinigt er, damit sie noch mehr Frucht bringen.

Im Mittelpunkt des Vormittags stand nun zwei Vorträge zum Thema Umsiedlung, auf die im Folgenden eingegangen wird. Es ist im Rahmen des Mitteilungsblattes unmöglich, die Vorträge in ihren gesamten Aussagen wiederzugeben. Hier können Schwerpunkte nur kurz angesprochen werden.

Zunächst der mit Power-Point unterstützte Vortrag von Heinz Fieß, Redakteur des Mitteilungsblattes und Mitglied der Historischen Kommission des Bessarabiendeutschen Vereins e.V. Er referierte in seinem zweigeteilten Vortrag, für den er viele Quellen durchgearbeitet hat, zunächst umfassend und ergänzt mit historischen Bildern und Karten, Zeitungstexten und Zeitzeugenberichten über das Thema „Umsiedlung und Aufenthalt in den Lagern“. Um die Zuhörer nicht zu überfordern, wurde der Vortrag am Nachmittag mit dem Thema „Ansiedlung in Polen“ weitergeführt.

Vorgeschichte zur Umsiedlung

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das bis dahin russische Bessarabien an Rumänien angegliedert. Dies hatte viele Veränderungen im politischen und täglichen Leben zur Folge, die von der bessarabiendeutschen Minderheit sehr einschneidend und belastend empfunden wurden. So kam es durch die Agrarreform 1922 zu einschneidenden Besitzveränderungen, zur geplanten Rumänisierung im Schulwesen, zum Militärdienst in der rumänischen Armee u.v.a. Zwangsläufig ergaben sich hierdurch Annäherungen an das Deutsche Reich. Bessarabiendeutsche Studenten besuchten in den Zwanzigerjahren Universitäten wie z. B. das württembergische Tübingen, vor allem in den 30er Jahren entwickelten sich verstärkt auch politische Kontakte zu Siebenbürgen und vermehrt zum Deutsche Reich. So griffen nationalsozialistische Ideen – im Interesse des Deutschen Reiches - auch rasch auf Bessarabien über. Personen der bessarabiendeutschen Volksführung ließen sich von der „NS-Ideologie“ und dem „Führerprinzip“ mitreißen und engagierten sich für die Schaffung einer gleichgerichteten „Volksgemeinschaft“ ohne zu ahnen, dass sie trotz ihres eifrigen Mittuns letztendlich nur ein williger Spielball der NS-Politik waren.

Der Referent ging besonders auf den geschichtlichen und politischen Hintergrund der Umsiedlung ein, der stets im Zusammenhang mit der geplanten Ansiedlung zu sehen ist. Ausführlich wurde der chronologische Ablauf dargestellt. Beginnend mit Hitlers Neujahrsbotschaft für das Jahr 1939, wo er als eine der wichtigsten Aufgaben „die Lösung des Problems unseres Arbeitermangels“ ankündigt, über den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt mit dem geheimen Zusatzprotokoll eine Woche vor dem unangekündigten Überfall auf Polen, der Reichstagsrede Hitlers vom 6. Oktober 1939, wo Hitler offen die angedachten Umsiedlungen anspricht, die er mit dem Rassegedanken begründet. Zur Umsiedlung der „Splittergruppen“ (z.B. die Bessarabiendeutschen) erklärt Hitler in der Reichstagsrede, es sei utopisch zu glauben, dass man diese Angehörigen eines hochwertigen Volkes ohne weiteres assimilieren (meint z.B. rumänisieren oder russifizieren) könne. Das würde immer wieder zu Konflikten in diesen Gebieten führen. Um diese Konflikte zu beseitigen, sollten Umsiedlungen vorgenommen werden.

Zumindest gerüchteweise gelangte dies Reichstagsrede auch nach Rumänien und damit Bessarabien, wo inzwischen die deutschsprachige Presse durch das „Landesamt für Presse und Propaganda“ gleichgeschaltet war. Um Unruhe in der Bevölkerung möglichst zu vermeiden, wurden die Gerüchte heftig zurückgewiesen. Die Deutsche Zeitung Bessarabiens (DZB) spricht neben anderen Blättern von „dunklen und gewissenlosen Elementen“, die „selbsterfundene Nachrichten mit durchsichtigen Zielen“ verbreiten. Besonders dem Judentum wird vorgeworfen, eine Panikstimmung zu verbreiten. Kurz, über die wahren Beweggründe für die Umsiedlung soll die Bevölkerung keinesfalls informiert werden.

Bereits am 18. März 1940 mahnte Moskau die Rückgabe der ehemals russischen Gebiete Bessarabiens von Rumänien an. Rumänien lehnte dieses Ansinnen jedoch ab. Im April und am 22. Juni verschärfte sich der Druck der Sowjetunion. Rumänien antwortete mit Entsendung von viel Militär nach Bessarabien. Am 26. Juni 1940 stellte Moskau ein letztes Ultimatum zur Räumung Bessarabiens innerhalb von 24 Stunden. Auf Anraten Deutschlands, das im Hinblick auf das rumänische Erdöl auf jeden Fall einen Krieg zwischen Rumänien und der Sowjetunion verhindern wollte, stimmte Rumänien schließlich zu.

Am 28. Juni 1940 begann die “Sowjetische Rote Armee“ mit der Besetzung Bessarabiens. Unzureichend informiert (besonders in den kleinen Dörfern) befürchteten die Bessarabiendeutschen, dass sie nun den Russen und besonders Stalin schutzlos ausgesetzt wären.

Wie im „Geheimen Zusatzprotokoll“ des am 23.08.1939 abgeschlossenen „Hitler-Stalin-Nichtangriffspakt“ festgelegt, duldete das Deutsche Reich die Besetzung Bessarabiens, verlangte jedoch gemäß des 1939 abgeschlossenen „Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag“ die Umsiedlung der 93.000 Bessarabiendeutschen ins Deutsche Reich. Am 5. September 1940 unterzeichneten die Sowjetunion und das Deutsche Reich den „Umsiedlungsvertrag“ in Moskau.

Damit war der Weg frei zu Verhandlungen über Ablauf, Bedingungen und Entschädigungen für die Umsiedlung nach Deutschland. Hier einige Bedingungen, auf die der Referent nur kurz zu sprechen kam, weil sie weithin bekannt sein dürften:

  • Erstellung der Ahnentafel, Bewertung der Gebäude, Freiwillige Umsiedlung
  • Je Wirtschaft darf ein zweispänniger Treckwagen mit Großgepäck mitnehmen, das in Galatz verladen wird.
  • Handgepäck darf mit 25 kg pro Person beim Eisenbahnwagentransport mitgenommen werden.
  • Von der Ausfuhr ausgeschlossen sind Bargeld (Ausnahme rum. Lei in Höhe von 2.000.00 Lei).
  • Unbeschränkte Mitnahme des Erlöses in Lei aus dem durch Belege bestätigten Verkauf des Privatvermögens
  • Weiter ausgeschlossen von der Ausfuhr waren Edelmetalle, Kunstgegenstände, Akten und Kirchenbücher.
  • Eine deutsche Umsiedlungskommission mit maximal 599 Mann der SS darf mit deutschen Schiffen die Häfen von Reni und Kilia anlaufen und 250 Fahrzeuge mitnehmen.
  • Weitere wesentliche Maßnahmen:
    Ablieferung eines Erntesolls
    Schließung der deutschen Schulen
    Beschlagnahme von Krankenhäusern und Apotheken
    Enteignung von Banken und Industrieunternehmen
    Es kam zu Verhaftungen von Gutsbesitzern und Angehörigen anderer Volksgruppen

Nach vor allem in der Vermögensfrage schwierigen Verhandlungen mit der sowjetischen Umsiedlungskommission und der Erfüllung aller Bedingungen verließen ab Mitte September bis Ende Oktober 1940 die allermeisten Bessarabiendeutschen mit ihren wenigen Habseligkeiten von 25 kg Handgepäck pro Person ihre Heimat und zogen nun in das ersehnte Deutsche Reich. Das von den Männern im Wagentreck zu den Donauhäfen gebrachte Großgepäck wurde auf Schiffe verladen und nach Wien gebracht, von wo es nach der Ansiedlung zugeliefert wurde.

Der von Sarata aus erste - mit Behinderten beladene „Transport“- erfolgte als „Sondertransport“. Erinnert sei hier an die Arbeit von Susanne Schlechter „Verschwundene Umsiedler“, die auf das Schicksal dieser Menschen verweist.

Frauen, Kinder und ältere Leute wurden in weiteren Transporten auf Lkw’s verladen und bei teils trockenen Stürmen und aufgewirbelten Staubwolken zu den Donauhäfen Reni, Kilia und Galatz transportiert, wo sie in Sammellager einquartiert wurden. Die Männer folgten dorthin mit dem erlaubten 
Großgepäck (eine Wagenladung) in ihren Treckwagen.

Aufenthalt in den Lagern

Nach kurzem Aufenthalt ging es auf Ausflugsdampfern der Donauflotte bis nach Prahovo und Semlin in Richtung Deutschland. Nach kurzem Aufenthalt ging die Reise von dort aus mit dem Zug in die ca. 800 Sammellager in Sachsen, Thüringen etc. Nach sechswöchiger Quarantäne, die angeblich aus gesundheitlichen Gründen notwendig war, konnten die Männer die Lager zum Arbeiten auf vorübergehenden Arbeitsstellen verlassen. In den zahlreichen Berichten in den diversen Jahrbüchern und anderen Quellen sind die Bedingungen in den Lagern hinreichend beschrieben, so dass hier nicht näher darauf eingegangen werden muss. Nicht vergessen sollte man hier allerdings die ns-politische Schulung (sprich Gleichschaltung) aller Lagerbewohner, die eine sehr wichtige Stelle einnahm und streng eingefordert wurde.

Während die Umsiedler auf eine rasche Ansiedlung hofften, war aus Sicht des Deutschen Reiches ein längerer Lageraufenthalt notwendig, um in Polen erst Raum zu schaffen. Um dem wenig erfreulichen Lageraufenthalt zu entfliehen, meldeten sich viele jüngere Männer mehr oder weniger freiwillig zur Waffen-SS, wo sie - auch wegen ihrer Mehrsprachigkeit - gefragt waren. Mancher war stolz darauf, nun zur „Elite“ zu gehören.

Eine wichtige Station im Lageraufenthalt war die sog. „Schleusung“, die im allgemeinen durch „Fliegende Kommissionen“ stattfand. Sie wurde von SS-Leuten der Einwanderungszentrale (EWZ) durchgeführt und führte in der Regel zur Einbürgerung. Zur Erlangung einer Einbürgerungsurkunde und eines Personalausweises war das familienweise Durchlaufen mehrerer Stationen erforderlich: die für die Formalien zuständige Meldestelle, die Ausweisstelle und die Lichtbildstelle, von zentraler Bedeutung dann aber die sog. Gesundheitsstelle, wo die Rassemusterung durchgeführt wurde, die Staatsangehörigkeitsstelle und die Berufseinsatzstelle.

Bei der Rassemusterung (auf Anordnung des Reichsführers-SS Himmler als „ärztliche Untersuchung des Gesundheitszustandes“ verharmlost) gab es 4 Wertungsstufen I bis IV (von I. rein nordisch oder fälisch bis IV. völlig unausgeglichene Mischlinge), zur politischen Wertung 5 Wertungsstufen (1. Aktiver Kämpfer für das Deutschtum, 2. Mitläufer für das Deutschtum, 3. Indifferent, jemand, der sich für nichts entscheidet, 4. Mitläufer in einer fremden Gruppe, 5. Aktiver Kämpfer in einer fremden Gruppe).

Mit den Noten I bis III bei der rassischen Wertung war man als O-Fall (tauglich für die Ansiedlung im Osten mit Naturalrestitution, d.h. Ersatz für den Besitz in Bessarabien) vorgesehen, mit Note IV war man A-Fall (Ansiedlung im Altreich ohne Ausgleich).

Entscheidend für die spätere Ansiedlung war hauptsächlich die rassische Bewertung; die politische Wertung wurde nur bei Grenzfällen III oder IV herangezogen. Von Bedeutung war dabei auch die Berufseinsatzstelle, die „durch Prüfung der beruflichen und wirtschaftlichen Entwicklung, der bisherigen Haltung der Umsiedler dem Deutschtum gegenüber sowie ihrer Fähigkeiten“ feststellen würde, wo diese angesiedelt werden sollten – im Osten oder im „Altreich“.

Für die Bessarabiendeutschen bedeutete dies, dass die EWZ in ihrem Abschlussbericht zum 31. Dezember 1940, wo viele noch in Lagern lebten, 79.599 O-Fälle, 11.645 A-Fälle und 327 S-Fälle („Fremdstämmige“) meldete. Von den 17.000 bessarabischen Landwirten hätten somit 1.900 Landwirte (als A-Fälle) keinen Hof erhalten. Das führte zu zahlreichen Beschwerden und Abänderungen, so dass sich die Zahl der A-Fälle enorm reduzierte.

An den Schluss seines Vormittags-Vortrags setzte Heinz Fieß die ideologisch bedingten Aussagen zweier Bessarabiendeutschen bei der Abschiedsfeier aus dem Lager Erlangen in Franken bzw. bei einer Feierstunde der NS-Frauenschaft.

Erschienen in Erlanger Neueste Nachrichten 1940/41vom 19.3.1941
Heinz Fiess zitirete Zeitzeugenberichte

Heinz Fiess zitirete Zeitzeugenberichte

"…Ich mache mich als einer der gewesenen Führer der Volksgruppe zum Sprecher meiner Volksgenossen: Ich spreche in dieser Eigenschaft all den für die Umsiedlung verantwortlichen Männern, den Kameraden der Partei und ihrer Gliederungen, die sich unser angenommen hatten, sowie all den vielen deutschen Frauen und Männern des Gaues Franken, die an unserem Schicksal mithelfend Anteil genommen haben, den tiefen Dank der Bessarabiendeutschen aus!

Wir Bessarabiendeutschen haben es uns in den Kopf gesetzt, alles zu tun, daß eines Tages der Warthegau mit seinem Einsatz für Volk und Führer an erster Stelle steht.“

Erschienen in Erlanger Neueste Nachrichten 1940/41 vom 3.2.1941:

„Vor einigen Tagen sprach in der Vortragsreihe der Jugendgruppe im Winterhalbjahr eine Mitarbeiterin der Gaufrauenschaftsleiterin und Abteilungsleiterin Presse-Propaganda Bessarabien über ihre Heimat… Die Zuhörerinnen … hörten von der wechselvollen Geschichte dieses `Ländchens´ in den letzten Jahrzehnten und schließlich von dem Erwachen der deutschen Menschen, fern der Heimat, durch das Wort des Führers…

Mit Stolz und heißem Dank werden die Volksdeutschen aus Bessarabien wie einst ihre Väter Kolonisten werden, Kolonisten des Führers. Uns aber, die wir diese Feierstunde erleben durften…erfaßte ein heiliger Schauer vor der Größe unserer Zeit und dem gewaltigen Werk unseres Führers.“

Bei der nachfolgenden, kurzen Diskussion konnte dem Referenten bestätigt werden, dass er Vorgeschichte, Umsiedlung und Lageraufenthalt chronologisch sehr gut ausgearbeitet und professionell vorgetragen hat; für Teilnehmer, die sich noch kaum mit dieser Geschichte auseinandergesetzt haben, war der anspruchsvolle Vortrag eine Herausforderung, die sie vielleicht anregt, sich mehr mit dieser Thematik zu befassen.

Umsiedlung der Baltendeutschen

Die Referenten Dr. Heinrich Wittram und Heinz Fieß bei der Aussprache zu den Vorträgen.

Die Referenten Dr. Heinrich Wittram und Heinz Fieß bei der Aussprache zu den Vorträgen.

Bei dem im Anschluss daran gehaltenen zweiten Vortrag mit dem Referenten Superintendent i.R. Dr. Heinrich Wittram, Baltischer Kirchlicher Dienst e.V., ging es um die Frage: „Wie haben andere Volksgruppen die Umsiedlung erlebt?“ - Zunächst eine Vorbemerkung zum Begriff Baltendeutsche: Ab dem späten 12. Jahrhundert war diese deutschsprachige Minderheit in den Bereich des heutigen Estland und Lettland eingewandert. Sie bildeten in diesem Gebiet die Oberschicht und stellten zahlreiche russische Minister, Politiker, Generäle und Admiräle. Auch Bessarabiendeutsche studierten an der damals deutschsprachigen Universität Dorpat.

Mit der zunehmenden Russifizierung gegen Ende des 19. Jhd. wurden auch die Rechte der Baltendeutschen eingeschränkt, was zu Emigrationswellen nach Deutschland führte und die verbliebenen Baltendeutschen immer mehr in die Minderheitenposition drängte. Auch die Bodenreform 1920 führte zu Enteignungen mit der Folge weiterer Emigration.

Der Referent sprach über die engen Kontakte zu Deutschland und zu den dorthin früher Emigrierten sowie über Kontakte zu deutsch-baltischen Gruppen, insbesondere Jugendgruppen zu NS-Verbänden in Deutschland. Im Zusammenhang mit dem Hitler-Stalin-Pakt wurden bereits im Oktober 1939 mit Estland und Lettland Umsiedlerverträge vereinbart.

Die Baltendeutschen galten im Vergleich zu den anderen für die Umsiedlung vorgesehenen „Volksdeutschen“ als „rassisch wertvoll“, kein Wunder, dass sie als erste Gruppe bereits seit Herbst 1940 unter wesentlich besseren Bedingungen als die erst als dritte Gruppe eingeplanten Bessarabien-, Dobrudscha- und Bukowinadeutschen in den neu eroberten polnischen Gebieten angesiedelt wurden. Bei dieser ersten Gruppe war es für die NS-Strategen noch problemlos, einen Ausgleich für das zurückgelassene Vermögen zu schaffen.

Die meisten ordneten sich diesen Maßnahmen widerstandslos unter, gaben ihre lettische oder estnische Staatsbürgerschaft auf und folgten dem Ruf Hitlers, war doch ein Bleiben mit dem Ausschluss aus deutscher Volkszugehörigkeit verbunden.

Insgesamt wurden im Winter 1939/1940 über 130.000 Polen und Juden enteignet und deportiert. Parallel dazu wurden die Umsiedler – Baltendeutsche – in die Höfe und Häuser der deportierten Polen und Juden eingewiesen. Hierdurch war das Verhältnis zwischen Polen und Baltendeutschen trotz aller Bemühungen um ein menschliches Verhältnis zwangsläufig gestört.

Im Anschluss an ihre Vorträge stellten sich die beiden Referenten dem Plenum zur Aussprache zur Verfügung.

Nach Mittagessen und Mittagspause wurden die Vorträge mit dem Thema Ansiedlung in Polen weitergeführt. Hier im Mitteilungsblatt kann jetzt aus Kapazitätsgründen in aller Kürze nur schwerpunktmäßig berichtet werden.

Ansiedlung in Polen

Referent Heinz Fieß wies darauf hin, dass in den für die Umsiedler vorgesehenen Ansiedlungsgebieten Danzig-Westpreußen und Warthegau bereits viele polnische Höfe im Besitz der Baltendeutschen (seit Winter 1939/40) und der Wolhynien- und Galiziendeutschen (Winter 1940/41) waren. Den Schwerpunkt in seinen auch hier mit Fotos, Karten und Textauszügen aus Dokumenten und Zeitzeugenberichten anschaulich untermauerten Ausführungen setzte er auf die folgende grausame Tatsache: „Bis Mitte März 1941 gab es Zwangsaussiedlungen der polnischen und jüdisch-polnischen Bevölkerung ins Generalgouvernement und später, als die Aufnahme ausgewiesener Polen im Generalgouvernement immer schwieriger wurde, zu „Verdrängungen“ innerhalb des Warthegaus, um Platz für die Ansiedler zu schaffen.“ Zum Begriff Generalgouvernement: Das Generalgouvernement (GG) war im Unterschied zu den mit dem Überfall Polens ins Deutsche Reich eingegliederten Gauen Wartheland und Danzig-Westpreußen ein von Deutschland besetztes, aber nicht eingegliedertes Gebiet.

In der Homepage www.deutscheundpolen.de ist zu erfahren, dass die deutschen Besatzer den Wandel des Gebietes aus einem vorherigen Einfuhr- in ein Ausfuhrgebiet für Lebensmittel durchsetzten, Teilweise geschah dies durch gezieltes Aushungern von Polen und Juden. Viele Deutsche betrachteten das Land als Selbstbedienungsladen und die Menschen als Freiwild. Aus dem GG wurden ca. 1.200.000 Menschen zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich verschleppt. Alle nichtdeutschen Privatschulen waren geschlossen, alle Oberschulen, Hochschulen und wissenschaftliche Institute wurden aufgelöst. Die gesamte polnische Presse wurde verboten, Radiogeräte wurden eingezogen.

Die jüdische Bevölkerung Polens wurde im Generalgouvernement vernichtet. Bereits im Sommer 1943 waren in den berüchtigten Vernichtungslagern im GG 2.000.000 polnische Juden umgebracht worden. 

Zitiert wird auch ein Auszug aus www.dhm.de/lemo/:besatzungspolen, Arnulf Scriba, copyright Deutsches Historisches Museum Berlin, 20. August 2014: „Die Wehrmacht führte den Krieg in Polen vom ersten Tag an mit grausamer Härte. Bereits auf dem Vormarsch ermordeten deutsche Truppen, aber auch spezielle Mordkommandos der Polizei und der SS eine große Zahl polnischer Zivilisten und Kriegsgefangener. Die Einsatzgruppen und der „Volksdeutsche Selbstschutz“ setzten die von den Nationalsozialisten angestrebte „Vernichtung der polnischen Intelligenz“ in die Tat um. Sie ermordeten nach vorbereiteten Listen Tausende Intellektuelle, Politiker, Geistliche, Lehrer, Ärzte – aber auch Arbeiter und Gewerkschafter. Allein bis Ende 1939 wurden rund 60.000 Angehörige der polnischen Führungsschicht ermordet.“

Bei dieser Vorgeschichte kamen nun die Umsiedler mit ihren Hoffnungen an. Die polnischen Besitzer der vorgesehenen Höfe und Gewerbebetriebe wurden über Nacht zwangsevakuiert oder durften – jetzt bei entsprechender politischer Zurückhaltung als geduldete Arbeitskräfte – bleiben. Die Ansiedler richteten sich mit Unterstützung der NS-Ansiedlungsstäbe in ihrem neuen Besitz – manche mit gemischten Gefühlen - ein. Allerdings wurden sie entgegen der kurz vor der Umsiedlung gegebenen Versprechen bewusst nicht nach Dorfgemeinschaften angesiedelt. Nicht Volksgruppen, sondern ein neuer deutscher Stamm wurde gewünscht: der Wartheländer.

Auch sollte bei der Verteilung der Höfe der Ersatz dem Vermögen im Herkunftsland entsprechen. Der Geschäftsführer bei der DUT (Deutsche Umsiedlungs-Treuhand-Gesellschaft/, Ferdinand Bang, räumte ein (Jachomowski S. 177), dass dabei „auch die persönlichen Verhältnisse, die wirtschaftliche Zuverlässigkeit, das fachliche Können, die rassenmäßige Eignung und die politische Einstellung in den Vordergrund gestellt würden.“ Damit, so Jachomowski, war ganz offen angesprochen, dass es nicht allein der zurückgelassene Besitz war, der über die Höhe des Ausgleichs entschied.

Im Referat wurde deutlich, dass trotz der vermeintlich vorbildlichen Planung der NS-Strategen keinesfalls alles so ablief, wie es erwartet worden war. So war die Stimmung bei den Ansiedlern recht unterschiedlich. Trotz aller Probleme wurde bis zuletzt von der NS-Führung an der „großen Zukunsftsidee“ festgehalten.

Wichtig war dem Referenten auch, wie die heutige polnische Bevölkerung mit diesen historischen Erfahrungen umgeht. Altbundespräsident Horst Köhler bekannte bei seinem Besuch in Skierbieszow, einem Dorf an der polnisch-ukrainischen Grenze im ehemaligen Generalgouvernement: „Ich bin überwältigt von der Offenheit und Gastfreundschaft, mit der ich hier empfangen wurde". Hier wurde er im Februar 1943 geboren. Die Umstände waren dramatisch: Polen wurden vertrieben und ermordet, Deutsche angesiedelt.

Ansiedlung der Baltendeutschen

Im anschließenden Vortrag von Dr. Heinrich Wittram „Wie haben die Baltendeutschen die Ansiedlung in Polen erlebt?“, wurde naturgemäß vieles von dem angesprochen, was auch im vorangehenden Vortrag ausgeführt wurde. Die folgenden Aussagen sollen aber hier zur Sprache gebracht werde: Im Winter 1939/40 waren über 130.000 Polen und Juden aus den „eingegliederten Gebieten“ in das Generalgouvernement deportiert worden. Dennoch stellten die Polen weiterhin die Mehrheit der Bevölkerung dar: Im Warthegau z.B. lebten 1944 noch 78% Polen, die Volksdeutschen erreichten knapp 12%, während auf die Umsiedler rund 5% entfielen; 4% waren Reichsdeutsche (Broszat S. 87, 90-91,134).

Zur Einweisung der Baltendeutschen in polnisches Vermögen: Vermögen von polnischen Staatsangehörigen konnte beschlagnahmt werden, wenn dies „im Interesse der …Festigung des deutschen Volkstums benötigt wird.“ Der Reichskommissar sah diese Notwendigkeit als gegeben an, um die Umsiedler aus Estland und Lettland unterzubringen. Den Einweisungen der Umsiedler in Wohnungen waren also Beschlagnahme-Verfügungen vorangegangen. (Verordnung vom 17. September 1940)

Zum Umgang mit der polnischen Bevölkerung führte der Referent aus: Für die Umsiedler ergab sich im Alltag zwangsläufig ein Kontakt mit der polnischen Bevölkerung. Ein immer wieder angeführtes Beispiel war die Begegnung mit Inhabern der Wohnungen in welche die Umsiedler eingewiesen waren. Dann lag es nahe, die zurückgelassenen Gegenstände herauszugeben. Darin konnte aber eine Handlung gesehen werden, welche die Beschlagnahme-Wirkung…beeinträchtigt“. Darauf stand Gefängnis und/oder Geldstrafe, in schweren Fällen Zuchthaus oder sogar die Todesstrafe (Verordnung über die Behandlung von Polen-Vermögen von 1940).

Der bei den intensiven Vorträgen Kräfte fordernde Tag endete mit einem gemütlichen „Abend der Begegnung“.

Nach der am Sonntagmorgen von Pastor i.R. Arnulf Baumann gestalteten Andacht las die jetzt in der Türkei lebende Hildegard Dirim aus ihrem Buch „Bertas Weg“. Dr. Cornelia Schlarb machte eine „Reise durch das Jahrbuch 2015“. Bei einem „Feedback zum Tag“ lobte Erika Wiener das gezeigte große Durchhaltevermögen und das Interesse der Teilnehmer an den Vorträgen. Der Bundesvorsitzende Günther Vossler ergriff die Gelegenheit, über die Arbeit des Bessarabiendeutschen Vereins zu reflektieren und über ein geplantes Projekt in Bessarabien zu informieren, das zur stärkeren Einbindung von Jugendlichen führen könnte. Mit dem von Pastor Baumann gesprochenen Reisesegen ging man zum gemeinsamen Mittagessen und stellte sich auf die Heimreise ein.

Bewertung zum Schluss: Eine anspruchsvolle, interessante Tagung, die sich für jeden gelohnt haben dürfte.