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Auf dem Wege zum christlich-jüdischen Gespräch

Arnulf Baumann · 14. April 2022
Dialog zwischen den Religionen Teil 1
Dialog zwischen den Religionen Teil 1

In den vergangenen Jahren erreichten mich immer wieder Anfragen, warum ich nicht längst dieses oder jenes zur Bewältigung der NS-Vergangenheit beigetragen habe. Offenbar gibt es verschiedene Auffassungen, wie die Aufarbeitung der Dreißigerjahre zu bewerkstelligen sei. Mir persönlich war es ein Bedürfnis, mich aktiv in das Bemühen um eine Erneuerung des Verhältnisses zu Juden und Judentum einzubringen. Im Kreis der Bessarabiendeutschen habe ich dies bisher nicht besonders hervorgehoben. Diese Zurückhaltung möchte ich jetzt aufgeben und einmal ausführlich berichten, wie ich dazu gekommen bin, und was ich auf diesem Gebiet unternommen habe.

Vorstufen

Seit früher Kindheit bin ich immer wieder auf Juden aufmerksam geworden. Durch eine ganze Kette von teils dramatischen Ereignissen und Erfahrungen kam ich zu der Überzeugung, dass ich persönlich dazu verpflichtet bin, etwas zur Heilung des total zerstörten Verhältnisses zu den Juden beizutragen.

Ausgangspunkt in meiner Kindheit in Bessarabien war, dass Juden zur Dorfbevölkerung in Klöstitz gehörten, und dass es im benachbarten Marktflecken Tarutino besonders viele von ihnen gab. Doch dieses friedliche Bild wurde später zerstört:

Als wir nach der Umsiedlung 1941, ich war neun Jahre alt, in die Kreisstadt Konin im damaligen Wartheland gekommen waren, fielen mir zwei Baulücken in der Nähe des Rathauses auf, die offenbar durch Abriss von Häusern entstanden waren. Auf meine Frage nach dem Grund erhielt ich zur Antwort, da hätten Juden gewohnt. – Das brachte mich ins Rätseln: Waren Juden etwa ansteckend?

Im Jahr darauf kam ich auf die Oberschule. Mein Schulweg führte über ein Trümmergrundstück, über das wir zur Abkürzung hinwegstolperten, ohne zu ahnen, dass dort ein kleines Ghetto bestanden hatte, dessen Bewohner bereits deportiert waren. Ebensowenig habe ich die Synagoge wahrgenommen, die in der Ecke des Platzes unter Bäumen versteckt stand und geschlossen war. Sie blieb als Gebäude erhalten und ist heute Stadtbibliothek.

Bei Besuchen in der Regierungsbezirkshauptstadt „Litzmannstadt“ (Lodz) kam ich mit der Straßenbahn auch durch das riesige Ghetto, in dem die Juden des Warthelandes zu beiden Seiten der Straße zusammengepfercht waren. Holztreppen führten über die Straße hinweg auf die gegenüberliegende Straßenseite, auf denen ärmlich gekleidete Menschen unterwegs waren. Hinter Stacheldrahtzäunen war ein dichtes Menschengewimmel zu sehen. Das war ganz offensichtlich kein guter Aufenthaltsort. Aber warum waren diese Menschen dort eingesperrt? Fragen über Fragen, aber kaum Antwort.

Es kam noch dicker: Bei der Flucht im Januar 1945 fiel mir irgendwo in Schlesien im Schnee neben der Straße eine breite Trampelspur auf, offenbar verursacht durch eine große Menschenmenge. Das war unheimlich. Ich stieg wieder auf unser Fuhrwerk auf, um besseren Überblick zu bekommen, aber auch, um Abstand zu haben. Dann bemerkte ich ein Kleiderbündel im Schnee, das sich beim Näherkommen als Leiche in Häftlingskleidung erwies. Das ausgemergelte Gesicht des Mannes, dem eine Blutspur hinter dem Ohr hervorkam, hat mich viele Jahre bis in meine Träume verfolgt. Es lagen noch einige Leichen im Schnee, wenn auch in größerem Abstand von der Straße, bis die Trampelspur nach Norden hin abbog.

Dass hier etwas Schreckliches geschehen war, konnte man nicht übersehen. Aber ich wusste zunächst nicht, was. Erst Jahre später wurde mir klar, was ich dort gesehen hatte: Die Spuren eines Todesmarsches, auf den KZ-Häftlinge damals getrieben wurden, vielleicht sogar aus Auschwitz. Der Tote war wohl aus Entkräftung liegen geblieben und dann „abgeknallt“ worden, wie man damals sagte. Das war ein Erlebnis, das haften blieb, bis heute.

Doch es gab auch positive Impulse: Als ich 1951 mein Theologiestudium in Erlangen begann, musste ich zuerst Hebräisch lernen, um das Alte Testament studieren zu können. Dann entdeckte ich, wie faszinierend dieser Teil der Bibel ist, den ich bis dahin nur zu kleinen Teilen kannte. Professor Friedrich Baumgärtel betonte, dass die Schriften des Alten Testaments auch Juden heilig und „Zeugnis einer nichtchristlichen Religion“ seien. Daraus ergab sich die Frage, wie zwei Religionen gleiche Heilige Schriften beanspruchen konnten. Das wurde eine Leitfrage meines Studiums.

Erlangen hatte mit seinem Image zu kämpfen, in den Dreißigerjahren „braun“ gewesen zu sein. Wohl deshalb gab es einen jüdischen Professor für Religionsund Geistesgeschichte, Hans Joachim Schöps. Bei ihm besuchte ich Vorlesungen und Übungen und lernte dadurch auch seinen Assistenten Clemens Brühl kennen, der – Sohn jüdischer Eltern, die in Auschwitz umgebracht worden waren – als so genannter „Onderduiker“ (Untergetauchter) die Kriegsjahre im besetzten Holland überlebt hatte. Dieser fand Gefallen am deutschen Studentenleben; wir wurden Bundesbrüder in der Burschenschaft der Bubenreuther, der damals noch viele ehemalige Soldaten angehörten, wodurch es immer wieder zu lebhaften Auseinandersetzungen über die Dreißigerjahre kam.

Im Sommer 1952 lud Clemens Brühl mich und drei weitere Bundesbrüder nach Amsterdam ein, wo wir bei ihm in der Prinsengracht in einem verwinkelten alten Haus der Altstadt wohnten. Damals war noch nicht bekannt, dass das Mädchen Anne Frank nur wenige Häuser entfernt im Versteck gelebt und ihr berühmtes Tagebuch geschrieben hatte, bis sie entdeckt und deportiert worden war. Aber auch so war allenthalben zu spüren, welch verheerenden Eindruck die deutschen Besatzer hinterlassen hatten.

Im Sommer 1953 war ich in Tübingen Zeuge, als der deutsch-jüdische Religionsphilosoph Martin Buber aus Israel nach Deutschland gekommen war, um eine Gastvorlesung zu halten – damals eine Sensation. Die Universitätsaula war brechend voll, als Buber Jesu Gleichnis vom Zinsgroschen – „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ – auslegte. Da keimte eine Ahnung davon auf, dass es doch wieder einen fruchtbaren Austausch zwischen Juden und Christen geben könnte.

Im Jahre 1956 kam ich mit einem Stipendium des Ökumenischen Rates der Kirchen in die USA, zur Theologischen Hochschule des Oberlin College in der Nähe von Cleveland, Ohio. Das College hatte eine besondere Tradition der Toleranz, weshalb sich unter den Studenten besonders viele Juden befanden: Der Sprecher der Studentenschaft war Tom Gelehrter, ein brillanter Student, der seinem Namen wirklich Ehre machte. Ein prominenter Literaturprofessor war Emigrant aus Deutschland, der seine Heimat wegen „jüdischer Versippung“ hatte verlassen müssen, und der ebenso wie der Sprecher keinerlei Interesse daran zeigte, mit einem Studenten aus Deutschland Kontakt aufzunehmen.

Aber auch so gab es viele Kontakte. Im theologischen Wohnheim wohnte eine Reihe von älteren Studenten, die, weil sie das Grundstudium hinter sich hatten, Lehraufgaben im College übernommen hatten. Darunter war Stanley Lamberg aus dem Fach Biologie, mit dem ich immer wieder intensive Gespräche über die Frage hatte, wie in einem zivilisierten Land wie Deutschland die Gräuel des Holocaust entstehen konnten. Eine Sozialwissenschaftlerin aus England, Ann Mendel, gehörte damals zur anglikanischen Kirche, heiratete aber später in London einen jüdischen Juristen und kehrte daraufhin zum Glauben ihrer Vorväter zurück. Wir blieben in Kontakt. Ich lud sie später zu einem Besuch in Hannover ein, unsere ganze Familie besuchte sie in London. Sie ist im letzten Jahr verstorben.

Durch einen akademischen Diskussionsclub wurde ich zu Vorträgen in Schulen, Universitäten, Kirchengemeinden verschiedener Konfessionen und deren Jugendgruppen und zu Vereinen aller Art vermittelt und kam dadurch im ganzen Staat Ohio herum. Zehn Jahre nach Kriegsende war das Interesse groß, zu erfahren, wie Hitler und sein Verbrecherstaat in Germany passieren konnte. Einmal wurde ich in einer Jugendgruppe direkt gefragt, wieviel Juden ich denn umgebracht hätte. Andere werden ähnliche Gedanken im Kopf gehabt haben, sprachen sie aber nicht aus. Ich lernte, mich einerseits von den NS-Verbrechen zu distanzieren, aber andererseits um Verständnis für die besondere Situation Deutschlands zu werben, die Hitler möglich gemacht hatte. Damit bin ich wohl nicht ganz erfolglos geblieben, wie mir versichert wurde. Aber es war jedes Mal eine Herausforderung.

Das „Dritte Reich“ hatte in und nach dem Kriege auch Auswirkungen auf die in den USA lebenden Deutschen. Die Zahl der deutschsprachigen Gottesdienste in den Einwandererkirchen ging ständig zurück. Die einzelnen deutschen Einwanderer versuchten durch Namensänderung – „Eisenhower“ oder gar „Ironhower“ für Eisenhauer, „Blackwelder“ für Schwarzwälder, „Pyle“ für Pahl -, durch Übergang in „amerikanische“ Kirchen, konsequenten Gebrauch der englischen Sprache und auf vielfältige andere Weisen dem Druck zu entgehen, der auf alles ausgeübt wurde, was deutsch klang oder war. Immer wieder gestanden mir Leute, dass sie sich nicht anders zu helfen gewusst hatten. Als in „Kieffer’s Tavern“ in Cleveland ein Teil der Decke herunterstürzte und dabei sieben Pastoren der Lutherischen Kirche Missouri Synode verletzt wurden, die besonders zäh an der deutschen Sprache festgehalten hatte, sprachen mich laufend Mitstudenten darauf an, weil ein Vorurteil bestätigt worden war: Deutsch und Bier gehörten zusammen. Ich selbst wurde nicht angefeindet oder gar körperlich angegriffen. Es war eher ein bekümmertes, ratloses Fragen, wie „das“ hatte passieren können. Da konnte ich ein wenig helfen, zum Beispiel durch eine von der Deutschen Botschaft in Washington zugeschickte Deutschlandkarte, die zeigte, wieviel Nachbarländer das Land in der Mitte Europas hat, während die USA nur Kanada und Mexiko als Nachbarn haben. Oberlin zeigte mir, dass ein normales Zusammenleben von Christen und Juden möglich ist. Man hatte die Tradition entwickelt, die ganze Fakultät der liberalen jüdischen Hochschule in Cincinnati im Süden von Ohio regelmäßig zu Begegnungen einzuladen; das war in Deutschland damals noch undenkbar.

In Oberlin konnte ich auch meine in Erlangen begonnene Dissertation zu einem vorläufigen Abschluss bringen. Mit einem Thema aus dem Alten Testament erwarb ich den Magistergrad (S. T. M.), der später, nach Auflösung der Theologischen Hochschule Oberlin, in einen Doktorgrad (Doktor des Pfarramts, D. MIn.) der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, umgewandelt wurde. Auch damit blieb ich im Bereich des christlich-jüdischen Verhältnisses.

Die Überfahrt von New York nach Bremerhaven nach Ende des Studienjahrs erfolgte 1957 mit dem Flaggschiff des damaligen Norddeutschen Lloyd, MS Berlin, und dauerte 10 Tage. Deshalb sollte am Sonntag ein Gottesdienst stattfinden, in dem ich die Predigt übernahm, weil ich die meiste Praxis auf diesem Gebiet hatte. Es wurde mein bis dahin dramatischster Gottesdienst, weil ausgerechnet an diesem Tag ein schwerer Sturm mit Windstärken von über 10 tobte, der dieses große Schiff auf den Wellen tanzen ließ. Ein Chor hatte sich gebildet, der wacker durchhielt. Zu ihm gesellte sich auch ein amerikanischer Rabbinatsstudent, der sein Deutsch vervollkommnen wollte, weil er in Deutschland studieren wollte. Er sang die Kirchenlieder kräftig mit.

Nach der Rückkehr aus den USA wurde ich Vikar in Uslar im Solling nordwestlich von Göttingen. Bei einem Ausflug nach Göttingen traf ich dort diesen Studenten wieder. Durch ihn erhielt ich eine Einladung zum Kaffee in der einzigen jüdischen Familie der Stadt. Die Kahlbergs waren alteingesessene Uslarer, waren in der Nazizeit aber emigriert. Jetzt waren sie zurückgekehrt, hatten ihr Haus zurückerhalten und ihr Kleidergeschäft wiedereröffnet. Sie klagten aber darüber, dass sie keinen Kontakt zu den Nachbarn finden könnten, aus Scham, Befangenheit oder welchen Gründen auch immer. Sie sind später enttäuscht wieder ausgewandert. – Es war schon seltsam, wie und wo ich immer wieder auf Juden stieß. Ich hatte in Amerika einen unverkrampften Umgang mit ihnen gelernt und kam immer mehr zu der Überzeugung, dass daraus die Verpflichtung erwuchs, sich für eine Heilung des Verhältnisses zu den Juden einzusetzen.

Aber zunächst musste ich meine Berufsausbildung zum Abschluss bringen, was im Predigerseminar des Klosters Loccum bei Hannover geschah. Im Jahre 1960 wurde ich Pastor, zunächst im Vorfeld von Hannover, dann in der niedersächsischen Landeshauptstadt selbst. Jetzt konnte ich damit beginnen, mich aktiv einzubringen. Ich engagierte mich in der hannoverschen Gesellschaft für Brüderlichkeit (inzwischen: für christlich-jüdische Zusammenarbeit) und arbeitete zeitweise in deren Vorstand mit. Zugleich kam ich in Kontakt zum evangelisch-lutherischen Zentralverein für Mission unter Israel, der sich für die Gewinnung von Pfarrern für die Erneuerung des Verhältnisses zu den Juden einsetzte. Es war offen, wo genau ich mich einbringen würde. Aber ich war bereit. Meine Aufgabe sah ich nicht in Polemik und Kontroversen, sondern im Bewusstmachen von Gemeinsamkeiten.

(aus dem Mitteilungsblatt April 2022)