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Im christlich-jüdischen Gespräch

Arnulf Baumann · 12. Mai 2022
Dialog zwischen den Religionen Teil 2
Dialog zwischen den Religionen Teil 2

Man muss sich vergegenwärtigen, wie die Situation der Juden in Deutschland in der Nachkriegszeit war: Die meisten deutschen Juden hatten Deutschland verlassen und hatten sich irgendwo anders durchgeschlagen, meist sehr kümmerlich. Es entstanden schon 1945 wieder jüdische Gemeinden, aus Überlebenden der Konzentrationslager, zumeist osteuropäischer Herkunft, sogenannten DPs (Displaced Persons). Außerdem kamen vereinzelt deutsche Juden aus dem Ausland zurück. Aber sie alle waren schwer gezeichnet von der Verfolgungszeit und hatten große Mühe, sich in einer „normalen“ Umwelt in Deutschland zurecht zu finden. Über viele Jahre hinweg stagnierte die Gesamtzahl der Juden in der Bundesrepublik bei etwa 30.000, weil immer wieder DPs abwanderten, nach Israel und anderen Ländern. Wer wollte als Jude schon gerne im Land der Mörder leben?

Am Beispiel der Jüdischen Gemeinde Hannover kann man die Problematik jener Jahre erkennen: Die Gemeinde bestand fast nur aus osteuropäischen Überlebenden der Lager. Nur ein einziger hatte bereits der Vorkriegsgemeinde angehört. Da man keinen Rabbiner hatte, wurde dieser Herr Zwiebel zum Vorbeter, der die Gottesdienste leitete. Er kam mit den Spannungen unter den durchweg schwer geschädigten Gemeindemitgliedern auf die Dauer nicht zurecht und nahm sich schließlich das Leben. Es war unendlich schwer, in jener Zeit in Deutschland als Jude zu leben.

1960 war ich Pastor in Hannover geworden; nach einem halben Jahr in einer Gemeinde kam ich ins Personaldezernat des Landeskirchenamts. Am Ende dieser Tätigkeit bot sich mir die Gelegenheit, mich für zweieinhalb Jahre beurlauben zu lassen, um 1965-1967 Wissenschaftlicher Assistent am Institutum Judaicum Delitzschianum in Münster zu sein. Dieses altehrwürdige Institut – es bestand im letzten Jahr insgesamt 150 Jahre – war damals wohl der einzige Ort in Deutschland, an dem Juden und Christen zusammen leben und arbeiten konnten. Die Juden kamen aus unterschiedlichen Strömungen des Judentums. Da war der Rabbiner Dr. Bernhard Brilling, der letzte Bibliothekar des Breslauer Jüdisch-Theologischen Seminars, der sich nach seiner Flucht aus Deutschland in Israel mehr schlecht als recht durchgeschlagen hatte. Sein Arbeitsfeld war die Familienkunde der Juden in Deutschland, er war ein wandelndes Lexikon der jüdischen Familien und war glücklich, sich wieder ganz diesem Thema widmen zu können. – Ein weiterer Mitarbeiter war Dr. Jakob Mittelmann, der noch 1934 in Leipzig als Jurist hatte promovieren können, aber danach keine Arbeits- und Lebensmöglichkeit fand und daraufhin bittere Jahre in Israel erlebt hatte, bis er sich durch deutsche Übersetzungen israelischer Literatur einen Namen machen und dadurch eine bescheidene Existenz aufbauen konnte. Er war ein grüblerischer Mensch, der sich immer wieder fragte, ob er in Deutschland und in diesem Institut am rechten Platz sei. Schließlich gab er auf und kehrte nach Israel zurück, wo er bald danach starb. Der Kontakt zu seiner Witwe blieb jedoch erhalten. Wir haben sie mit unserer ganzen Familie in Tel Aviv besucht und dadurch eine eindrucksvolle Passafeier mit ihrer Familie erlebt. Eindrucksvoll war auch eine Woche in einem Ferienhaus der ihr befreundeten Familie Neugebauer, wo wir mit dem alten Onkel Mosche zusammentrafen, der uns erzählte, wie er in Franken die Reichspogromnacht erlebt hatte, als SA-Schlägertrupps aus entfernteren Orten in ihr Dorf kamen und alles kurz und klein schlugen. – Mor  Jacubowicz hatte Jahre in sowjetischen Kerkern in der Slowakei verbracht und dabei einen Lungenflügel eingebüßt. Er war das Muster eines frommen orthodoxen Juden, der den ganzen Talmud auswendig kannte, aber keinen Zugang zu der wissenschaftlichen Darstellung von Traktaten der jüdischen Traditionsliteratur fand. Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Münster vermittelten ihm einen Job als Vertreter für Gold- und Schmuckwaren. Doch dazu hatte er überhaupt kein Talent. Schließlich wurde er durch eine Heiratsvermittlerin an eine orthodoxe Frau in einem Vorort von Tel Aviv vermittelt. Wir haben ihn dort besucht: Er war glücklich: Seine Frau erledigte alles Geschäftliche, so dass er sich ganz seiner Lieblingsbeschäftigung widmen konnte, dem Talmudstudium. – Dr. Zvi Sofer, aus der Ukraine stammend, hatte sich der Erforschung jüdischer Märchen verschrieben und war zugleich Kantor der kleinen Jüdischen Gemeinde Lübeck. – Außerdem kursierten noch Erzählungen über einen früheren orthodox-jüdischen Studenten aus England, der so sehr auf die jüdischen Speisevorschriften geachtet hatte, dass er lieber hungerte, als unkoscheres Essen anzurühren, weshalb er von Zeit zu Zeit in die Niederlande fuhr, um dort koschere Lebensmittel einzukaufen.

Im Institut waren also Vertreter sehr unterschiedlicher Prägungen des Judentums vertreten, und ich lernte so die Vielfalt jüdischen Lebens kennen. Hinzu kamen jüdische Besucher, aber auch viele schriftliche Anfragen. Es gab auch mehrere christliche Mitarbeiter, die ebenfalls an der Erschließung jüdischer Traditionsliteratur für Christen arbeiteten oder mit Promotionen aus diesem Bereich befasst waren. Sie hatten auf unterschiedlichen Wegen zu dieser Thematik gefunden und hatten selbst Schicksale zu tragen. Für sie alle war ich Ansprechpartner, wobei die Gespräche oft seelsorgerlichen Charakter annahmen. Der Direktor des Instituts, Professor Karl Heinrich Rengstorf, war dadurch in seinem Schaffensdrang gehemmt, dass ein prominenter Rabbiner in der „Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung“ ihn angegriffen hatte, weil er neben dem Institut und seiner Professur auch den „Zentralverein für Mission unter Israel“ leitete – und „Mission“ hatte unter Juden einen bösen Klang – obwohl der Zentralverein keinerlei Aktivitäten dieser Art entfaltete. Auch das gehörte damals zum Bild des Verhältnisses zwischen Christen und Juden, dass es immer wieder zu Gefühlsausbrüchen von verschiedenen Seiten kam. Damit musste man rechnen. Rengstorf kam meist nur zur Kaffeepause am späten Vormittag ins Institut. In der übrigen Zeit war ich zuständig.

Meine Hauptaufgabe war die Betreuung der Fachbibliothek des Instituts. Diese war nach dem Totalverlust in der NS-Zeit durch antiquarische Zukäufe wiederaufgebaut worden. Viele Bücher waren noch nicht eingeordnet. Ich nutzte die Gelegenheit und machte mich auch mit dem Inhalt der Bücher vertraut, was einem Schnellkurs in Judaistik gleichkam – das reichte von jüdischer Bibelauslegung, Traditionsliteratur, Geschichte des Judentums allgemein und in vielen Ländern, zur Literatur bis hin zum verschlossenen „Giftschrank“, in dem die wüsten antisemitischen Hetzschriften eines Julius Streicher aufbewahrt wurden. Das verschaffte mir einen Überblick, durch den ich später auch mit Professoren mithalten konnte.

Nach der Rückkehr aus Münster war ich in einer hannoverschen Gemeinde tätig und wurde 1971 zum persönlichen Referenten des neuen Landesbischofs Eduard Lohse berufen, der zuvor Theologieprofessor in Göttingen gewesen war und deshalb die Landeskirche nur von außen kannte. Lohse war selbst am entstehenden Dialog mit dem Judentum beteiligt und gab mir freie Hand für ein aktives Engagement auf diesem Gebiet.

Bereits 1971 hatte ich in unserer Kirchengemeinde ein Konfirmandenseminar „Der Glaube der Juden“ angeboten, an dem tatsächlich eine Handvoll Konfirmanden teilnahm und bei dem sachliche Information über Juden und Judentum angeboten wurde, einschließlich eines Besuches im Synagogengottesdienst, worüber ich in der Zeitschrift des Zentralvereins berichtete. Und dann ging es Schlag auf Schlag: Am letzten Tag des Jahres 1973 starb der Schriftleiter dieser Zeitschrift „Friede über Israel“, der Goslarer Pastor Detlev Löhr, nachdem er sich bei der Versendung einer Einladung zur Mitarbeit an sämtliche Pastoren in Niedersachsen total überanstrengt hatte. Das war der Start für die Gründung eines Zweigvereins, der viel für die Verbreitung neuer Einsichten in das christlich-jüdische Verhältnis geleistet hat. – Aber wer sollte die Zeitschrift weiter betreuen? Ich wurde gefragt, sagte zu und behielt die Schriftleitung bis 2000 bei, wodurch ich an eine Schaltstelle des entstehenden christlich-jüdischen Gesprächs gelangte. Allerdings bedeutete das auch eine enorme zusätzliche Arbeitsbelastung, die meist nur in den Nachtstunden zu leisten war, denn 1976 kam ich in die Leitung des Diakonischen Werks Wolfsburg, wo ich bis 1997 als Direktor einer von 440 auf knapp 1.000 Mitarbeiter wachsenden Organisation, die sich über drei Bundesländer ausbreitete, schon mehr als genug ausgelastet war.

Aber jetzt konnte ich mich einbringen, und das wog alle Anstrengung auf. 1973 wurde ich in die Studienkommission Kirche und Judentum der Evangelischen Kirche in Deutschland berufen. Diese war bereits 1965 gegründet worden, um Vertreter aller möglichen Richtungen auf diesem Gebiet an einen Tisch zu bringen. Über Jahre hinweg hatten sich die Mitglieder, zumeist Professoren, mit Vorträgen beschäftigt, in denen sie die jeweils anderen zu überzeugen versuchten, dass sie falsch lagen. Jetzt hatte der Ökumenische Rat der Kirchen in Genf einen Fragenkatalog aus 19 Fragen an sämtliche Mitgliedskirchen weltweit versandt, um diese zu ihrer Einstellung zum Judentum zu befragen. Man beschloss, diesen Fragenkatalog zu bearbeiten, wozu die Kommission sich in drei Gruppen aufteilte, um über den Aufbau der Antwort zu beraten. Als man wieder zusammenkam, stellte sich zur allgemeinen Überraschung heraus, dass trotz aller Kontroversen doch Gemeinsamkeit gewachsen war: War bis dahin immer von einem Wesensunterschied, ja Gegensatz zwischen Christen und Juden ausgegangen worden, so hatten sich jetzt alle drei Arbeitsgruppen auf fast den gleichen Aufbau verständigt: Man wollte ausgehen von den „Gemeinsamen Wurzeln“ von Judentum und Christentum, um erst dann vom „Auseinandergehen der Wege“ und ihrem heutigen Verhältnis zu sprechen. Das war ein völliger Neuansatz.

In der Freude über die neu gewonnene Einigkeit machte sich die Studienkommission in dieser denkwürdigen Sitzung daran, Themen zur Bearbeitung an die Mitglieder zu verteilen. Als die ersten Entwürfe eintrafen, wurde ein Redaktionskomitee berufen, aus dem Heidelberger Alttestamentler Rolf Rendtorff, der sich um Kontakte zu israelischen Gelehrten bemüht und dafür extra Iwrit gelernt hatte, der Assistenzreferentin im EKD-Kirchenamt Ursula Schnell, die selbst im christlich-jüdischen Gespräch engagiert war, und mir. Rendtorff wurde später Vorsitzender der Kommission, ich sein Stellvertreter. Das Redaktionskomitee traf sich im Anschluss an die Kommissionssitzungen, um bis tief in die Nacht die eingegangenen Entwürfe zu überarbeiten und aufeinander abzustimmen. Dabei wurde intensiv um die Formulierungen gerungen. Das war anstrengend, erwies sich aber als erfolgreich. Bereits nach anderthalb Jahren konnte die Studie dem Rat der EKD vorgelegt werden, der sie nach einigem Zögern akzeptierte. Mit der Studie „Christen und Juden“ war eine Grundlage für ein neues Verhältnis zum Judentum geschaffen; das setzte sich in der Folgezeit in den evangelischen Kirchen in Deutschland durch und half die frühere Distanz und Entfremdung zu überwinden.

Doch es gab noch mehr zu tun. 1974 wurde ich in den Arbeitskreis, später Ausschuss, Kirche und Judentum der Vereinigten Ev.-Luth. Kirche Deutschlands berufen und war später bis 1999 dessen Vorsitzender. Hier entstand der Plan, als flankierende Maßnahme zu der EKD-Studie Informationsmaterial über das Judentum und das christlich-jüdische Verhältnis zu erarbeiten. Daraus entstand die Faltblattserie „Was jeder vom Judentum wissen muss“, die ab 1976 in vierteljährlichem Abstand nach und nach 25 Themen behandelte. Mir wurde die Redaktion übertragen. Um sicherzustellen, dass keine Fehlinformationen über das Judentum enthalten waren, wurden die Textentwürfe jeweils einigen jüdischen Experten zugesandt. Daraus erwuchs eine enge Zusammenarbeit mit der Literaturwissenschaftlerin Pnina Navè Levinson, die zunächst die von mir herausgegebene Zeitschrift des Antisemitismus verdächtigt hatte, jetzt aber mit konstruktiven Formulierungsvorschlägen half. Das führte zu einem immer verständnisvolleren Umgang. Ich habe sie mehrfach in Jerusalem besucht und konnte sie für den Plan gewinnen, die „gemeinsamen Wurzeln“ von Christen und Juden in einem Buch darzustellen; dafür hatte sie schon viel Material gesammelt, als sie 1998 bei einer Herzoperation überraschend starb.

Die Faltblattserie hatte ungewöhnlichen Erfolg. Sie traf auf eine Stimmung in der Bevölkerung, die sich von überkommenen antijüdischen Klischees befreien wollte, dafür aber Vorschläge für eine Neuformulierung des Verhältnisses brauchte. Über eine Million Einzelfaltblätter wurden verbreitet. Das Lutherische Kirchenamt in Hannover hatte die Finanzierung und den Versand übernommen und war zeitweise vorwiegend damit beschäftigt, die eingegangenen Bestellungen abzuarbeiten. Die Serie wurde in einem Taschenbuch im renommierten Gütersloher Verlagshaus zusammengefasst, das unter meiner Herausgeberschaft acht Auflagen erreichte. Überschattet wurde diese Entwicklung durch die Kontroverse, ob „Mission“ in Bezug auf das Judentum das richtige Verhalten sei oder ob sie durch „Dialog“ ersetzt werden müsste, wobei „Dialog“ als die zukunftsträchtige Haltung propagiert wurde. Als Ende 1979 die Fernsehserie „Holocaust“ den Deutschen das grauenhafte Geschehen in der NS-Zeit eindrucksvoll nahebrachte, schloss die Rheinische Landessynode einen längeren Diskussionsprozess ab, indem sie Anfang 1980 eine Erklärung verabschiedete, die sie als „Absage an die Judenmission“ verstanden wissen wollte. Daraufhin wurde über Jahre hinweg in den evangelischen Kirchen über diese Frage diskutiert, und die bereits erreichte Übereinstimmung über die „gemeinsamen Wurzeln“ trat in den Hintergrund. Die Debatte hatte einen eher theoretischen Charakter, weil aktive Judenmission praktisch nicht mehr betrieben wurde. Aber der Zentralverein geriet wegen seines traditionellen Namens „für Mission unter Israel“ in die Schusslinie. Und ich war Schriftleiter von dessen Zeitschrift und seit 1983 Vorsitzender dieses Vereins und blieb es bis 2000, weshalb ich immer wieder mit dieser Frage befasst wurde. Das führte zur Umbenennung des Zentralvereins in „für Zeugnis und Dienst unter Juden und Christen“, musste aber später noch einmal in „für Begegnung von Christen und Juden“ verändert werden.

1976 wurde in Oslo unter meiner Mitwirkung eine „Lutherische Europäische Kommission Kirche und Judentum“ (LEKKJ) gegründet, deren Mitglied und zeitweiliger Vorsitzender ich wurde und die Treffen in verschiedenen Ländern organisierte, um in den evangelisch-lutherischen Kirchen für eine Erneuerung des Verhältnisses zum Judentum zu werben. Die Jahrestagungen, die zumeist mit Kontakten zu den jeweiligen jüdischen Organisationen und Gemeinden verbunden waren, fanden in den beteiligten Ländern statt, in Amsterdam, Berlin, Birmingham/England, Budapest, Driebergen/Niederlande, Helsinki, Herrmannstadt/Rumänien, Lund/Schweden, Oslo, Prag, Straßburg, Ustron/Polen, Wien und Wisla/Weichsel in den polnischen Beskiden. Besonders in Erinnerung blieb die Tagung in Budapest, wo gleichzeitig der Jüdische Weltkongress tagte, die Führungsspitze der weltweiten zionistischen Bewegung. Einige von uns – darunter auch ich – wurden zu einem großen Empfang eingeladen, bei dem deutlich wurde, dass man die Entwicklungen in den christlichen Kirchen aufmerksam verfolgte. – Bei der Tagung in Helsinki berichtete der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Bolotomski, über seine Erfahrungen in den Winterkriegen des Zweiten Weltkrieges. Wegen seiner guten Deutschkenntnis wurde er – damals junger Offizier der Finnischen Armee – als Verbindungsmann zu den deutschen Truppen geschickt. Dort wurde er gefragt, warum er so gut Deutsch spreche, worauf er geantwortet habe: „Man muss doch die Sprache seiner Feinde kennen – ich bin Jude.“ Darauf beschwerten sich die neuen „Waffenbrüder“ bei der finnischen Heeresleitung über ihn, und er wurde an eine andere Stelle versetzt. Das war in Finnland möglich, wo nach dem Abzug der Deutschen der Staatspräsident Mannerheim als Erstes die Synagoge besuchte, um seine Solidarität zu bezeugen. – In Birmingham 1986 wurde ich beauftragt, eine Podiumsdiskussion mit Vertretern der unterschiedlichen Positionen in der Kommission zu leiten, die sich gegenseitig blockiert hatten. Ich bat die beiden Exponenten der verschiedenen Positionen – einen holländischen und einen norwegischen Theologieprofessor – die jeweilige Gegenposition zu vertreten. Daraus wurde eine Sternstunde, die sehr zum gegenseitigen Verständnis der Motive beitrug. Das gab den Impuls für eine „Gemeinsame Erklärung zwischen lutherischen Christen und Juden“, die 1990 in Driebergen verabschiedet wurde. In mehreren LEKKJ-Organisationen wurden die deutschen Faltblätter übernommen und an die örtlichen Verhältnisse angepasst – in Dänemark, Norwegen, Frankreich, England. Eine russische Ausgabe kam leider wegen Überlastung des Redakteurs, eines orthodoxen Erzpriesters aus St. Petersburg, nicht zustande.

In den Achtziger- und Neunzigerjahren gehörte ich dem Committee on the Church and the Jewish People des Ökumenischen Rates der Kirchen an und kam dadurch zu Tagungen nach London, Sigtuna bei Stockholm/Schweden und Chiang Mai im Norden Thailands. 1974 leitete ich im Ökumenischen Institut in Bossey bei Genf eine Konsultation des Lutherischen Weltbunds, an der Delegierte aus aller Welt teilnahmen, die aber durch das Sterben meines Vaters belastet war, den ich bei der Rückkehr nicht mehr lebend antraf. 1980 unternahm ich im Auftrag des Lutherischen Weltbunds eine Vortragsreise zu mehreren Orten in Indien, in Singapur, Indonesien und den Philippinen, um dort die neuen Entwicklungen im Verhältnis zum Judentum zu vermitteln.

Ein ganz anderes Gebiet betraf ein Archäologischer Lehrkurs im Palästinensergebiet, in Israel und Zypern, zu dem ich 1959 eingeladen wurde, was mir eine intensive Kenntnis des Heiligen Landes und der Nachbargebiete vermittelte, bei dem unsere kleine Gruppe einen großen Teil der Ausgrabungsorte aus biblischer Zeit kennenlernte.

Wichtig wurde auch der Kontakt zu Judenchristen in Israel, für die sich immer mehr die Bezeichnung „Messianische Juden“ einbürgerte, besonders zu dem Altenheim „Eben Ezer“ in Haifa. Dadurch lernte ich eindrucksvolle Persönlichkeiten kennen, etwa den langjährigen Gemeindeleiter der Elias-Gemeinde in Haifa, Schlomo Drori, der als glühender Zionist trotz schwerer Körperbehinderung viele Jahre an der Trockenlegung der Jordan-Sümpfe gearbeitet hatte, bis er zum Glauben an Jesus gefunden hatte, oder der aus Hamburg stammende lutherische Pastor Martin Levy Bass, der in Argentinien zum Christusglauben gekommen war und mit dem ich ein jüdisches Neujahrsfest in Jerusalem erlebte; er hatte angenommen, dass ihm der Zutritt verwehrt werden würde, und zog dann wie ein König in die Stadt ein, in der von allen Seiten die Schofarhörner ertönten – ein unvergessliches Erlebnis.

Noch Manches könnte ich berichten, zum Beispiel die Herausgabe einiger Bücher zum Thema, aber dies mag genügen, um darzulegen, dass das Verhältnis zum Judentum für mich keine Nebensache war, sondern ein Hauptthema meines Lebens. Dass ich mich dabei hauptsächlich in kirchlichen Kreisen bewegte, lag nahe. Ich könnte aber auch auf meine Mitarbeit an der Aufarbeitung der Kriegszeit in Wolfsburg verweisen, wo jüdische Zwangsarbeiterinnen aus Ungarn im VW-Werk schuften mussten. Ich war schon im Ruhestand, als ich sämtlichen Fraktionen des Stadtrates die Benennung eines Platzes im Zentrum der Stadt nach Sara Frenkel vorschlug, die mit ihrer Schwester überleben konnte, weil ein polnischer katholischer Priester in Lublin den beiden falsche Papiere als Katholikinnen besorgt hatte – wofür er nach dem Kriege einen Ehrenplatz in der Allee der Gerechten in der Gedenkstätte JadwaSchem in Jerusalem erhielt. – Im Nachhinein kann ich nicht mehr sagen, wie ich das alles bewältigt habe. Oft ging die Beanspruchung durch die vielfältigen Aufgaben bis an die Grenzen meiner Kraft, teils auch darüber hinaus. Es kam mir zugute, dass ich in der Wolfsburger Diakonie eine relativ unabhängige Position hatte, gute Mitarbeiter hatte und vor allem eine Frau, die mir immer wieder den Rücken freihielt. Ich habe das alles gern getan, denn so konnte ich mithelfen, Brücken über den Abgrund der Geschichte zu bauen.

Persönliche Begegnungen waren wichtiger Bestandteil des Bemühens. Einige wenige Beispiele: Eine Frau setzte sich in Jerusalem im Bus neben mich, als sie mich Deutsch sprechen hörte und fragte mich nach meinem Urteil über die Lage der Juden in Deutschland. Sie hatte einen Versuch gemacht, die Stadt ihrer Jugend, München, wieder zu besuchen, hatte sich aber nicht von der Frage befreien können, welche Uniform die Menschen „damals“ getragen hatten und war entsetzt und verwirrt wieder abgereist. Ich konnte ihr einige positive Entwicklungen nennen, was sie sehr beruhigte. – Auf der Straße kam mir ein Mann entgegen, der lauthals über einen schweren Schicksalsschlag klagte. Durch einige teilnehmende Worte konnte ich ihm helfen usw. usf. – Entlastend wirkte ein zufälliges Gespräch mit drei kleinen Jungen, die mich fragten, woher ich denn komme, und auf meine Antwort „from Germany“ fragten: „Is that a big country“? Offenbar hatten sie noch nichts davon gehört, was in diesem Land mit Ihresgleichen geschehen war.

(aus dem Mitteilungsblatt Mai 2022)