Die Bessarabiendeutschen im christlich jüdischen Gespräch
Die Bessarabiendeutschen
Im Lauf der Zeit hatte ich Bereitschaft gezeigt, auch bei den Landsleuten mitzuarbeiten, hatte ein oder zwei Bundestreffen auf dem Killesberg in Stuttgart besucht und hatte mich für die kirchliche Vertriebenenarbeit allgemein interessiert. 1977 wurde ich von Pastor Albert Kern Vergangenheit distanziert, hatten auch keine revanchistischen Tendenzen, zeigten aber wenig Interesse an einer Aufarbeitung der bessarabiendeutschen NS-Vergangenheit. Im Vordergrund darauf angesprochen, ob ich sein Nachfolger in der Leitung des Hilfskomitees werden könnte, denn er fühlte seine Kräfte schwinden, nachdem er sich in kirchlichen Aufbauprojekten seiner Stuttgarter Gemeinden und im Ausbau des Alexander-Stifts aufgerieben hatte.
Ich sagte zu und wurde gewählt. Damals war das Bild der Entscheidungsgremien noch stark von Persönlichkeiten geprägt, die sich in den Dreißigerjahren in Bessarabien in der NS-„Erneuerungsbewegung“ oder in der Kriegszeit bei der Waffen-SS betätigt hatten. Sie hatten sich alle mehr oder weniger deutlich von dieser stand die stolze Erinnerung an die Lichtseiten des Lebens in Bessarabien, über den Schattenseiten lag ein Tabu. Das diente der Stabilisierung der durch das Flüchtlingsschicksal verunsicherten Menschen, war aber hinderlich bei der Beschäftigung mit der Vergangenheit. Es wirkte sich aus, dass nach den turbulenten letzten Jahren in Bessarabien keine Diskussion über das Geschehene mehr stattgefunden hatte, weshalb unterschiedlichste (Vor-)Urteile und vorgefasste Meinungen darüber im Umlauf waren.
Mir war sehr bewusst, was in und von Deutschland aus Entsetzliches geschehen und wie schwer das Verhältnis zu den Juden belastet war. Ich hatte gehofft, dass meine Aktivitäten auf christlich-jüdischem Gebiet sich herumsprechen würden. Das blieb auch nicht ganz unbemerkt, aber anders, als von mir gedacht: Eine Frau, die sich in den Dreißigerjahren in der Jugendarbeit der „Erneuerungsbewegung“ engagiert hatte, gewöhnte sich an – wie mir hinterbracht wurde –, von mir als dem „Judenbengel“ zu sprechen … Das Angebot einer Gruppenreise nach Israel – zusammen mit Edwin Kelm –, das auch zu Kontakten mit ehemaligen bessarabischen Juden hätte führen können, kam mangels Beteiligung nicht zum Zuge. Die Zeit war einfach noch nicht reif. Die Gesprächsbereitschaft über die eigene Vergangenheit war noch eng begrenzt, wie übrigens auch bei den anderen Vertriebenengruppen. Daraus zog ich den Schluss, mein Engagement für eine Erneuerung des Verhältnisses zu den Juden nicht an die große Glocke zu hängen, mich aber darin nicht beirren zu lassen.
Die Heimatkalender und Jahrbücher zeigen die Entwicklung auf. Da ich anfangs noch nicht sehr mit der bessarabiendeutschen Geschichte vertraut war und dem Vorwurf entgehen wollte, keine Ahnung von den Dingen zu haben, entschied ich mich für ein vorsichtiges Vorgehen. Ich wollte mich nur zu eigenen Erfahrungen äußern, die mir niemand bestreiten konnte, und mich allmählich immer mehr einarbeiten. Schon 1968 hatte ich im Heimatkalender über das klägliche Versagen der NS-Gewaltigen von Konin im Januar 1945 berichtet („Zweimal Abschied“, S. 69 - 73). Danach kam ich nur am Rande auf die NS-Zeit zu sprechen, am ehesten in „Briefe vor und nach der Flucht“ (1986, S.26 ff.) und „Die Lagerzeit“ (2005, S. 21 - 24). 2007 schrieb ich jedoch über „Die anderen Seiten von Um- und Ansiedlung“ (S. 142 - 154), worin ich ausführlich die Entwicklung der Ausrottungspolitik des NS-Staates behandelte, 2011 über „Die Evangelischen Kirchen im NS-Mustergau Wartheland“ (S. 94 - 102). Bei der Herbsttagung in Hildesheim 2012 referierte ich über „Nationalsozialistischer Einfluss auf das Verhältnis zu den Juden in Bessarabien“ (2014, S. 178 - 184), 2018 über „NS-Bürokratie aus der Lagerzeit“ (S. 162 - 168), 2019 über „Bessarabiendeutsche und Juden nach dem Heimatbuch der Bessarabiendeutschen“ (S. 82 - 85) und über „Die NS-Mordaktionen an Behinderten und die Bessarabiendeutschen“ (S. 160 - 174) und 2022 über „das jüdische Bessarabien“ (S. 205 - 208). Erst allmählich konnte ich deutlicher werden. 2021 erschien mein Buch „Jahre im Zwiespalt. Als Pastorensohn im NS-Mustergau Wartheland“, das meine Erfahrungen mit dem NS-System wiedergibt.
Die Zurückhaltung gegenüber einer näheren Beschäftigung mit der Vergangenheit lässt sich auch an den Ortschroniken ablesen, die im Laufe der Jahre erschienen. Sie hielten sich nach einem ungeschriebenen Gesetz fast durchweg an den Aufbau der Gemeindeberichte von 1848 über die Dorfentwicklung an das Fürsorgekomitee, was ihnen erlaubte, über die Gründung des Ortes, über Kirche, Schule, Ackerbau, Viehzucht, Weinbau usw. zu berichten, ohne auf die Dreißigerjahre eingehen zu müssen. Dies gilt auch für das Heimatbuch, das Pastor Albert Kern 1965 auf Grund von Vorarbeiten anderer herausbrachte und in dem die Dreißigerjahre nur am Rande behandelt werden. Eine rühmliche Ausnahme war die „Teplitzer Chronik. Die letzten zehn Jahre des Bestehens der Kolonie Teplitz und die Heimkehr ins Mutterland“ (1958, 271 S.) von Herbert Weiß, der aufgrund geretteter handschriftlicher Notizen detailliert über die Zeit vor der Umsiedlung berichten konnte.
1982 erschien als Privatdruck das mit 703 Seiten sehr umfangreiche Buch von Richard Heer „Die alte und die neue Heimat der Bessarabien-Deutschen. Eine Dokumentation 1920 - 1980. Darin ist eine große Zahl von Beiträgen aus Presseerzeugnissen – vor allem aus der Zeit vor der Umsiedlung – wiedergegeben, verbunden mit aktuellen Kommentaren des Autors. Horst Eckert hat den Wert der Dokumentation hervorgehoben („Richard Heer zum Gedenken“, Jahrbuch 2012, S. 224 - 228), der unbestreitbar ist. Der Bundesvorstand hat sich seinerzeit auf Antrag von Artur Kräenbring nicht entschließen können, das Buch in den Vertrieb der Landsmannschaft zu übernehmen. Ich habe mich bei diesem Beschluss zurückgehalten, weil ich es damals noch nicht kannte. Leider hat das Buch sich unterschwellig dahingehend ausgewirkt, dass eine offene Diskussion eher behindert als gefördert wurde. Im Jahrbuch 2013 habe ich unter dem Titel „Die Dokumentation Richard Heers – eine Streitschrift“ (S. 164 - 169) auf die Einseitigkeiten des Buches von Heer aufmerksam gemacht. Es musste erst ein Gesprächsklima entwickelt werden, das offene Diskussionen ermöglichte. Das geschah erst 1994 durch die Begründung der Herbsttagungen in Bad Sachsa, wo ich das Gästehaus der Wolfsburger Diakonie zur Verfügung stellen konnte. Intensive Gespräche zwischen Erika Wiener und mir auf den langen Bahnfahrten zu den Sitzungen in Stuttgart waren vorausgegangen. Der Erfolg gab uns Recht. Diese „Tagungen der jüngeren Generation“, wie sie zunächst genannt wurden, kamen einem Bedürfnis zur Beschäftigung auch mit heikleren Themen der bessarabiendeutschen Geschichte entgegen und erwiesen sich als ausgesprochen attraktiv; einige der oben genannten Themen sind ursprünglich Vorträge in Bad Sachsa. Auch das Thema „Judentum“ konnte jetzt behandelt werden, vor allem bei der Herbsttagung 2012. Allmählich wuchs die Zahl der aktiv Beteiligten. Hier ist besonders Hugo Schreiber zu nennen, der seine jugendliche Begeisterung für die „Erneuerungsbewegung“, die ihn bis zu einem Offiziersrang in der Waffen-SS gebracht hatte, längst hinter sich gelassen und verarbeitet hatte. So konnte er als glaubwürdiger Zeitzeuge über das Geschehen in der Zeit vor der Umsiedlung berichten.
2008 schlug David Aippersbach, damals Schriftleiter des „Mitteilungsblattes“, die Gründung einer „Bessarabiendeutschen Historischen Kommission“ vor, die sich besonders der Aufarbeitung der Geschichte der Dreißigerjahre widmen sollte. Diesen Vorschlag griff ich gern auf. Der Antrag fand Zustimmung, und ich wurde Vorsitzender der Kommission; allerdings kam David Aippersbach bei dem anschließenden Gerangel um die acht Plätze in der Kommission nicht zum Zuge, was ich sehr bedauerte. Der Anfang der Kommissionsarbeit war ausgesprochen mühsam. Zunächst stand die Frage im Vordergrund, wem die Hauptschuld an der Durchsetzung des NS in Bessarabien zu geben sei, wobei auch mein Vater Immanuel Baumann immer wieder in die Schusslinie geriet. Da aber solche Schuldzuweisungen zwar zu Kontroversen, aber nicht zu Klärungen führten, wurde mehrfach beschlossen, zunächst die Fakten festzustellen, bevor man zu Urteilen kam – um sich gleich anschließend wieder in erneute Schuldzuweisungen zu verstricken. Einige Beispiele: Mir wurde unterstellt, die Gründung der Kommission nur deshalb betrieben zu haben, um meinen Vater „reinzuwaschen“. Zwei Mitglieder der Kommission machten sich auf den Weg nach Ludwigsburg, um in der dortigen Zentralstelle zur Erfassung von NS-Verbrechen nachzufragen, ob dort etwas gegen prominente Bessarabiendeutsche vorliege. Da nichts vorlag, wurden danach die schlimmsten Verdächtigungen nicht mehr erhoben.
Zur sachlichen Arbeit fand die Kommission erst, als Ingo Isert vorschlug, als erstes Projekt eine Dokumentation über die Entwicklung der bessarabiendeutschen Presse in den Dreißigerjahren in Auftrag zu geben. Das wurde beschlossen und die Finanzierung durch den Bundesbeauftragten für Kultur und Medien erwirkt. Ich konnte eine junge Historikerin aus bessarabiendeutscher Familie, Stefanie Wolter, für die Aufgabe gewinnen, die es auch tatsächlich schaffte, in der vorgegebenen Zeit eines Jahres das Buch „NS-Einfluss auf die Deutschen in Bessarabien. Eine Pressedokumentation“ (Stuttgart 2013, 240 S.) vorzulegen. Diese Dokumentation trug wesentlich zur Versachlichung der Diskussion bei, auch außerhalb der Kommission, denn jetzt hatte man einen nicht unwesentlichen Teil der Fakten auf dem Tisch. – Zudem formulierten Horst Eckert und ich ein vorläufiges Ergebnis der Beschäftigung mit den Dreißigerjahren, das im MB 5-2012, S. 5-7 unter dem Titel „Ein gemeinsames Bild der Geschichte gewinnen“ veröffentlicht wurde. Ein weiteres Projekt der Kommission, eine „Bessarabiendeutsche Biografie“ zu erarbeiten, durch die bedeutende Persönlichkeiten der bessarabiendeutschen Geschichte in Erinnerung gebracht werden sollen, habe ich unmittelbar vor meinem Ausscheiden aus der Kommission 2018 auf den Weg gebracht. Jedoch stockt dieses Projekt, coronabedingt. Der neue Kommissionsvorsitzende Dr. Hans Rudolf Wahl ist auf gutem Wege, es wieder in Gang zu bringen.
Ein Thema, das von außen an die Kommission herangetragen wurde, aber von dieser aufgegriffen wurde und weitergeführt wird, ist die NS-„Euthanasie“-Mordaktion an Behinderten. Diese hatte gerade zum Zeitpunkt der Umsiedlung 1940 einen Höhepunkt erreicht, weshalb ihr auch viele Bessarabiendeutsche zum Opfer fielen. Das betraf vor allem die damaligen Bewohner des Alexander-Asyls in Sarata, aber auch viele andere, die während und nach der Umsiedlung als „lebensunwertes Leben“ eingestuft und getötet wurden. Es war ein Glücksfall, dass Dr. Susanne Schlechter, aus bessarabiendeutscher Familie, sich diesem Thema in Wehnen bei Oldenburg zugewandt und dabei auch einen Fall in der eigenen Familie entdeckt hatte und dann auch die Bessarabiendeutschen in ihre Forschungen einbezog, zusammen mit dem Experten Dr. Dieter Schulze. In mühseliger Kleinarbeit konnten die Schicksale von Hunderten bessarabiendeutschen Opfern geklärt werden, woraus eine neunbändige Dokumentation entstand, die demnächst publiziert werden soll. – Die Historische Kommission lud Angehörige der Opfer zu Gesprächen ein. Daraus entstand der Plan, im Haus der Bessarabiendeutschen in Stuttgart einen Gedenkort einzurichten, an dem die Namen der festgestellten Opfer erinnert werden. Das ist 2016 und 2018 unter der Regie des Bundesvorsitzenden Günther Vossler geschehen. Am 25. September 2020 wurde eine Gedenkfeier für diese Opfer veranstaltet, die seitdem jährlich wiederholt wird.
Als das Gedenkjahr „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ ausgerufen wurde, beschloss der Bessarabiendeutsche Verein die Aufnahme einer Veranstaltung zu diesem Thema in das Gesamtprogramm, was auch gelang. Die neue Bundesvorsitzende Brigitte Bornemann suchte Kontakt zur Stuttgarter Jüdischen Gemeinde, worauf zwei Klezmermusiker und eine Reihe weiterer Mitglieder der Gemeinde an der Veranstaltung teilnahmen. Ich konnte den liberalen Rabbiner Dr. Gabor Lengyel aus Hannover für die Beteiligung an der Kulturtagung gewinnen, die am 17.10.2021 im Haus der Bessarabiendeutschen stattfand. Mit fast 60 Teilnehmern war die Tagung für Corona-Zeiten erstaunlich gut besucht; es herrschte eine aufgeschlossene Stimmung, und mehrere Anwesende beteiligten sich an der Aussprache – das Thema „Judentum“ war bei den Bessarabiendeutschen angekommen. Man darf gespannt sein, welche Folgewirkungen das hat.
Ertrag
Lange habe ich angenommen, dass mit dem Abtreten der Erlebnisgeneration, die von der antisemitischen Hetze der NS-Zeit besonders betroffen war, das Antisemitismus-Problem in Deutschland erledigt sein würde. Das hat sich als Irrtum erwiesen, es gibt wieder und vermehrt antisemitische Vorfälle. Immerhin kann man sagen, dass die beiden großen Kirchen in Deutschland, die jahrhundertelang Quelle antijüdischer und antisemitischer Einstellungen waren, ihre Lektion gelernt haben. Heute wird (fast) durchweg die Gemeinsamkeit zwischen Christen und Juden betont und der Antisemitismus entschieden abgelehnt. Von daher droht keine Gefahr mehr für das Zusammenleben vom Juden und Christen in unserem Land; das Engagement vieler einzelner hat Erfolg gehabt.
Allerdings ist der Einfluss der Kirchen in der Gesellschaft zurückgegangen - und geht aus verschiedenen Gründen weiter zurück. Unter denen, die sich von den Kirchen losgesagt haben, breiten sich aber Verschwörungstheorien, Antizionismus und weitere Gifte aus der Vorratskammer des Judenhasses aus. Wenn man nach Ursachen für Missstände sucht, fallen ihnen oft Juden, Judentum und der Staat Israel als erstes ein. – Das Gift aus jener unseligen Vergangenheit ist noch längst nicht verschwunden, es wirkt immer noch nach.
Die Heilung der durch den Holocaust/die Schoa geschlagenen Wunden ist eine Jahrhundertaufgabe. Wir Deutsche haben die Verpflichtung, daran mitzuwirken. Auch wir Bessarabiendeutschen.
(aus dem Mitteilungsblatt Juli 2022)