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"Herkunft und Heimat" - ein Jugendbegegnungsprojekt

Bessarabiendeutscher Verein e.V.* · 06. Februar 2017
Begrüßung in Tarutino
Begrüßung in Tarutino

Vorbemerkungen des Bundesvorsitzenden

Das Auswärtige Amt in Berlin fördert dieses Austauschprojekt unseres Bessarabiendeutschen Vereins mit Jugendlichen aus Deutschland und aus dem Oblast Odessa. Im September 2016 reisten 10 Jugendliche – allesamt aus der Georg Goldstein Schule in Bad Urach - nach Odessa und Tarutino um sich gemeinsam mit zehn Studenten aus dem Oblast Odessa zu treffen, um an diesem Projekt zu arbeiten. Die Jugendlichen sollten sich dabei auch begegnen und kennenlernen, das Projekt sollte ihnen auch ermöglichen, sich über die unterschiedlichen historischen Erfahrungen in beiden Gesellschaften seit ca. 1940 auszutauschen.

Im November 2016 kam es dann zum Besuch der Studenten und ihrer Begleiter nach Deutschland, wo am Thema weiter gearbeitet wurde und dann auch die Ergebnisse vorgestellt wurden. In den letzten Wochen des vergangenen Jahres wurde sehr intensiv an der schriftlichen Dokumentation dieses Projektes gearbeitet, wobei dabei Dr. Ute Schmidt federführend die Ergebnisse zusammenfasste. Ihr möchten wir dafür sehr herzlich danken.

Günther Vossler

Bericht über das Projekt

Projektarbeit im deutschen Kulturzentrum Tarutino

Projektarbeit im deutschen Kulturzentrum Tarutino

Seit einigen Jahren stellt das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland unter dem Titel „Östliche Partnerschaft“ für Initiativen in den Ländern Ukraine, Moldova, Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Belarus und Russland Mittel zur Verfügung, die „zum Ausbau der Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft“ in den genannten Ländern beitragen. Weiter heißt es: "Dies schließt die gesamte Bandbreite kultureller und bildungspolitischer Projektarbeit ein, insbesondere Medien, Wissenschaft, Bildung inkl. Berufliche Bildung, Kultur, Sprache und Jugendarbeit“.

Diese kulturelle Arbeit soll ermöglichen, dass „im vorpolitischen Raum über nationale Grenzen hinweg Auseinandersetzung und Verständigung zu Träumen und Traumata von Völkern, zu konfliktreicher Vergangenheit, aber auch zu Hoffnungen auf Entwicklung und gesellschaftlich-sozialen Fortschritt stattfinden kann.“

In diesem Rahmen und mit Hilfe dieser Finanzierung sowie Mitteln des "Bessarabiendeutschen Vereins e.V.“ fand im Herbst 2016 unter dem Titel „Herkunft und Heimat“ ein Jugendbegegnungsprojekt mit Jugendlichen bzw. Studierenden aus Deutschland und der Ukraine statt. Ziel des Projektes war es, bereits seit längerem bestehende Kontakte zwischen Bildungseinrichtungen und zivilgesellschaftlichen Gruppen im Odessaer Gebiet und in Deutschland weiterzuentwickeln und zu vertiefen. Die Jugendlichen sollten sich begegnen und kennenlernen; darüber hinaus sollte das Projekt ihnen ermöglichen, sich über die unterschiedlichen historischen Erfahrungen in beiden Gesellschaften seit ca. 1940 auszutauschen.

PD Dr. Ute Schmidt in Schorndorf

PD Dr. Ute Schmidt in Schorndorf

Die Fragestellung lautete: „Welche Auswirkungen hatten und haben die Umbrüche der jüngeren Geschichte auf Einzelbiografien und Familienschicksale in den letzten drei bis vier Generationen?“ Diese Erzählungen sollten Verständnis wecken für die Anpassungszwänge und -leistungen in der Eltern/Großeltern- und Urgroßelterngeneration, damit die jugendlichen TeilnehmerInnen die derzeitigen und die zukünftigen Herausforderungen besser bestehen können. Dafür entwickelte die Soziologin PD Dr. Ute Schmidt (FU Berlin) eine inhaltliche Konzeption, die neben dem deutsch-ukrainischen Jugendaustausch auch ein anspruchsvolles historisch-soziologisches Arbeitsprogramm mit detaillierten Recherchen vor Ort beinhaltete.

Auf deutscher Seite beteiligte sich das Wirtschaftsgymnasium „Georg-Goldstein-Schule“ in Bad Urach – eine Schule besonderer pädagogischer Prägung, die eine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung mit russischem Sprachunterricht verbindet und deren Lehrkräfte und Direktor das Austauschprojekt engagiert unterstützten.

Träger des Projektes war der Bessarabiendeutsche Verein e.V. und dessen Vorsitzender Günther Vossler als Projektleiter. Kooperationspartner in der Ukraine waren:

  • die Deutsche Technische Fakultät der Nationalen Technischen Universität Odessa (Dekan Prof. Dr. Vladimir Semenjuk), die eine naturwissenschaftlich-technische Ausbildung mit dem deutschen Sprachunterricht verbindet,
  • der Lehrstuhl für Archäologie und Ethnologie der Nationalen Metschnikow-Universität in Odessa (Prof. Dr. Alexander Prigarin),
  • die Germanistische Fakultät der Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität Ismail (Prof. Dr. Natalia Golovina), an der bereits im Jahr 2012 die Wanderausstellung „Fromme und tüchtige Leute…- Die Deutschen Siedlungen in Bessarabien 1814 -1940“ gezeigt worden war.


Als Teilnehmer an dem Projekt wurden jeweils zehn SchülerInnen bzw. Studierende mit guten Sprachkenntnissen sowohl in Deutsch als auch in Russisch
gesucht.

Hotel „Bessarabisches Haus“

Hotel „Bessarabisches Haus“

Das Konzept von Dr. Ute Schmidt sah vor, dass die TeilnehmerInnen zunächst in gemischte zweisprachige Teams eingeteilt wurden und sich gegenseitig kennenlernten. Bei ihrem ersten Aufenthalt vom 17. bis 24. September 2016 kamen sie zunächst in Odessa zusammen und begaben sich dann nach Tarutino, wo sie im Hotel „Bessarabisches Haus“ untergebracht wurden und im ehemaligen deutschen Knabengymnasium, dem Deutschen Kulturzentrum, ihr Tagungszentrum bezogen. Tarutino war die erste deutsche Dorfgründung in Bessarabien von 1814 und die größte deutsche Gemeinde vor der Umsiedlung im Jahr 1940. Hier führten die Zweierteams anhand eines Leitfadens und unter Anleitung ihrer ProfessorInnen und BetreuerInnen Interviews mit Einwohnern dieses Ortes und umliegender Dörfer durch.

Prof. Prigarin, Dr. Schmidt, Herr Kubjakin

Prof. Prigarin, Dr. Schmidt, Herr Kubjakin

Die Interviewpartner stammten aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen. Sie waren von dem ukrainischen Lokalhistoriker Wladimir Kubjakin, der mit der wechselvollen Geschichte der Gemeinde Tarutino und ihren Einwohnern bestens vertraut ist, ausgewählt und über das Projekt informiert worden.

Sechs Wochen später, vom 5. bis 12. November, trafen sich die ukrainischen und deutschen Projektteilnehmer dann wieder in Süddeutschland. Sie bezogen ihr Standquartier im Christlichen Begegnungszentrum Aichenbach in Schorndorf. Im Heimathaus der Bessarabiendeutschen in Stuttgart führten sie dann weitere Interviews durch, diesmal mit ausgewählten und über das Projekt informierten bessarabiendeutschen Zeitzeugen.

Die Fragestellung war jeweils dieselbe, aber für die besonderen Schicksale beider Gruppen offen:

  • Wie haben sich die historischen Veränderungen und die einschneidenden Umbrüche seit dem Zweiten Weltkrieg in den beiden Ländern auf die Biografien und die Lebensumstände der Eltern-, Großeltern- und Urgroßeltern-Generationen ausgewirkt?
  • Welche Auswirkungen hatten die Sowjetzeit, der „Maidan“ oder der gegenwärtige Krieg in der Ostukraine für die Familienschicksale im Odessaer Gebiet?
  • Welche Folgen hatten die Aus- und Umsiedlung im Herbst 1940, Krieg, Flucht und Vertreibung, die deutsche Teilung und die Wiedervereinigung für bessarabiendeutsche Familien?


Präsentation in Schorndorf

Präsentation in Schorndorf

Die Jugendlichen nahmen hier also – wenn auch ohne wissenschaftlichen Anspruch und in kleinem Maßstab – gleichsam an einer historisch-soziologischen Feldstudie teil. Sie wurden dabei von Dr. Schmidt, den Lehrkräften der beteiligten Schule und Universitäten, dem Lokalhistoriker, sowie von Günther Vossler und weiteren Vertretern des Bessarabiendeutschen Vereins e.V. beraten und begleitet.

Besondere Schwerpunkte bei der Befragung anhand des Leitfadens bezogen sich auf die Herkunft der Familien, auf freiwillige oder erzwungene Ortswechsel (insbesondere Umsiedlungen, Vertreibung, Verschleppung und andere Formen der Zwangsmigration), auf die Erfahrung politischer oder anderer Repressionen, auf Militärdienst, Krieg und Gefangenschaft.

Gefragt wurde auch nach ökonomischen Verlusten oder Gewinnen, nach Veränderungen in den Lebensbedingungen der verschiedenen Generationen sowie Änderungen in Erziehungsstilen und Konsumverhalten in den jeweiligen Gesellschaften.

Besichtigung Odessas

Besichtigung Odessas

Bei den Jugendlichen stieß diese Herausforderung auf einem bisher unbekannten Terrain auf begeistertes Interesse. Mit einem Leitfaden für die Befragungen ausgestattet, kamen sie ihren Gesprächspartnern mit Unbefangenheit und großer Neugier entgegen und bekamen so zum Teil sehr verwickelte und emotional bewegende Familiengeschichten zu hören, die sie umgehend mit elektronischen Mitteln, d.h. meist mit Hilfe ihrer Handys, fotografisch und akustisch dokumentierten. Anschließend wurden die Ergebnisse im Plenum diskutiert, resumiert und schriftlich zusammengefasst.

Eine erste Präsentation im „Deutschen Kulturzentrum“ in Tarutino fand bei der lokalen Öffentlichkeit, der einheimischen Presse, bei örtlichen Politikern und Lehrkräften großes Interesse. Weitere Präsentationen fanden u.a. in Stuttgart im „Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg“ und zum Abschluss im „Georg-Goldstein-Gymnasium“ in Bad Urach statt.

Liudmyla Luzanova, Olena Menshykova und Prof. Alexander Prigarin mit Studierenden

Liudmyla Luzanova, Olena Menshykova und Prof. Alexander Prigarin mit Studierenden

Übrigens wurden die Jugendlichen auch angeregt, die Spielregeln der Befragungen auch auf ihre persönliche Familiengeschichte anzuwenden und ihre eigene Position in Bezug auf ihre berufliche und private Zukunft zu reflektieren. Der Einblick in die Biografien fremder Menschen und Familien vor dem Hintergrund der gravierenden Umbrüche in der ukrainischen und der deutschen Geschichte der vergangenen achtzig Jahre sollte die jungen Teilnehmer motivieren, ihre Herkunft und ihre eigene Rolle in ihrer jeweiligen Gesellschaft, angesichts der Herausforderungen einer zunehmenden Mobilität und globaler Kommunikation zu bestimmen. Am Schluss des zweiten Workshops in Schorndorf bei Stuttgart stand die Frage zur Debatte, was heute und in Zukunft „Heimat“ bedeutet.

Das Projekt wurde von allen Teilnehmern als ein großer Erfolg gewürdigt. In einer persönlichen Bilanz empfanden die jugendlichen TeilnehmerInnen die Begegnung mit den Zeitzeugen aus der Groß- oder sogar Urgroßelterngeneration und die Konfrontation mit den unterschiedlichen Erfahrungen und Problemlagen in der jeweils anderen Gesellschaft als Bereicherung und konnten daraus Schlussfolgerungen für ihre eigene Lebensperspektive ableiten.

Es verstand sich von selbst, dass neben den anspruchsvollen Arbeitsprogrammen die Städte Odessa, Stuttgart und Bad Urach ausführlich besichtigt wurden, dass – besonders auch in der Ukraine – gut gegessen und ausgiebig gefeiert wurde und innige Freundschaften entstanden.

* Autor/Fotograf unbekannt, Artikel von der alten Website übernommen