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Eine Stunde, die über den Bildschirm hinausgeht

Karina Beigelzimer ·
Das Projekt YOLDIC: telefonischer Austausch, der Verbindungen schafft
Das Projekt YOLDIC: telefonischer Austausch, der Verbindungen schafft

Es ist nur ein Bildschirm. Auf der einen Seite sitzt eine Schülerin aus Odessa, auf der anderen eine Seniorin in Deutschland. Sie kennen sich inzwischen gut. Einmal in der Woche treffen sie sich, meist zu zweit, für 45 bis 60 Minuten. Sie sprechen Deutsch. Nicht über Vokabeln und Grammatik, sondern über das Leben.

Was hat die Woche gebracht? Was wird gerade gelesen? Welche Musik hört man? Wie war die Prüfung? Wohin würde man gerne reisen? Manchmal geht es um Geschichte oder aktuelle Ereignisse, manchmal um ganz persönliche Dinge. Und manchmal reicht ein ganz gewöhnliches Gespräch.

Für Schüler:innen des Lyzeums Nr. 90 in Odessa und für junge Menschen aus Kyjiw und Charkiw gehört dieser Termin inzwischen zum Alltag. Das Tandem ist dabei etwas anderes als Unterricht: Es gibt keine Aufgaben und keine Noten. Zwei Menschen nehmen sich Zeit füreinander und sprechen miteinander.

Das ist ein wesentlicher Bestandteil des Projekts YOLDIC – Young and Old digitally connected. Seit Februar 2026 bringt ILEU e.V. in Ulm junge Deutschlernende mit deutschsprachigen Senior:innen zusammen.

Die älteren Teilnehmer:innen engagieren sich ehrenamtlich. Sie erhalten kein Honorar für die wöchentlichen Gespräche. Sie nehmen sich freiwillig jede Woche Zeit, hören zu, erzählen aus ihrem eigenen Leben und bleiben über Monate mit ihrem Tandempartner oder ihrer Tandempartnerin im Austausch.

Gerade daraus kann etwas entstehen, das sich nicht organisieren oder verordnen lässt: Aus einem zunächst unbekannten Menschen am anderen Ende der Videoleitung wird allmählich jemand, dessen Leben man kennt.

Für die Jugendlichen aus der Ukraine findet dieser Austausch unter besonderen Bedingungen statt. Seit Jahren erleben sie Krieg, Unsicherheit und Einschränkungen ihres Alltags. Manche haben ihre Heimat verlassen, Angehörige verloren oder mussten wiederholt mit Angriffen und Luftalarm umgehen. Andere versuchen, trotz des Krieges Schule, Studium und ihre persönlichen Pläne fortzusetzen.

Das wöchentliche Gespräch verändert diese Realität nicht. Aber es schafft einen verlässlichen Kontakt zu einem Menschen außerhalb des unmittelbaren Kriegsgeschehens.

Und es muss dabei nicht ständig um den Krieg gehen.

Gerade Gespräche über Alltägliches können wichtig sein: über einen Film, ein Buch, eine Reise, Musik oder den Beruf, den man später einmal ergreifen möchte. Die Jugendlichen erzählen von ihrem Leben, die Senior:innen von ihrem. Zwei Generationen begegnen sich, die in unterschiedlichen Ländern und unter sehr unterschiedlichen historischen Bedingungen aufgewachsen sind.

Dabei lernen nicht nur die Jugendlichen.

Die Senior:innen erfahren aus erster Hand, wie junge Menschen in der Ukraine heute leben, was sie beschäftigt und welche Zukunft sie sich vorstellen. Nachrichten über die Ukraine bekommen plötzlich ein persönliches Gesicht. Aus einem Land, das man vielleicht vor allem aus den Medien kennt, wird der Ort, an dem ein konkreter junger Mensch lebt, mit dem man jede Woche spricht.

Im Juli wurde aus den digitalen Begegnungen eine reale.

In Ulm trafen sich zahlreiche Teilnehmer:innen persönlich. Möglich wurde diese Begegnung durch Carmen Stadelhofer, die das Projekt begleitet und den persönlichen Austausch organisiert hat. Für viele war es das erste Treffen mit dem Menschen, den sie bisher nur vom Bildschirm kannten.

Plötzlich saßen Menschen einander gegenüber, die sich über Monate hinweg regelmäßig gesehen und gesprochen hatten. Aus einem digitalen Termin war eine persönliche Begegnung geworden.

Für Valeria ist genau das ein wichtiger Teil des Projekts: „Am Anfang war es einfach ein Tandem. Jetzt ist es jemand, auf den ich mich jede Woche freue.“

Georg beschreibt, was ihm an den Gesprächen besonders wichtig ist: „Wir sprechen über ganz normale Dinge. Genau das ist für mich wichtig. Nicht immer über den Krieg, sondern über das Leben, das weitergeht.“

Auch Andrii erlebt den Austausch als etwas, das über das Deutschlernen hinausgeht: „Ich habe durch das Projekt nicht nur mein Deutsch verbessert. Ich habe einen Menschen kennengelernt, mit dem ich mich wirklich austauschen kann. Und ich weiß, dass wir uns nächste Woche wiedersehen.“

Eine dieser Beziehungen verbindet Astrid mit Sofiia. Auch für Astrid sind die wöchentlichen Gespräche inzwischen zu einem festen Bestandteil geworden. Sie nimmt sich dafür freiwillig Zeit und engagiert sich unentgeltlich. Gleichzeitig erhält sie einen unmittelbaren Einblick in das Leben eines jungen Menschen in der Ukraine.

„Durch Sofiia habe ich die Ukraine noch einmal ganz anders kennengelernt“, sagt Astrid. „Wir sprechen nicht nur über das, was in den Nachrichten passiert. Ich kenne inzwischen ihre Interessen, ihre Pläne und ihren Alltag. Dadurch wird aus einem Land plötzlich ein Mensch.“

YOLDIC begann als Projekt für Sprachpraxis und intergenerationellen Austausch. Doch was daraus entsteht, lässt sich nicht allein in Sprachstunden oder Teilnehmerzahlen messen. Es sind Verbindungen zwischen Menschen, die in unterschiedlichen Ländern und Generationen leben.

Für viele ukrainische Jugendliche ist die wöchentliche Begegnung zu einem festen Bezugspunkt geworden: Auf der anderen Seite des Bildschirms wartet jemand, der zuhört, sich erinnert und sich auf das nächste Gespräch freut.

Im Juli wurde daraus in Ulm ein persönliches Wiedersehen. Aus vertrauten Stimmen wurden Gesichter, aus regelmäßigen Gesprächen gemeinsame Erinnerungen.

Der Bildschirm war nur der Anfang. Was bleibt, ist eine Verbindung, die Entfernung und Grenzen überwindet. Eine Verbindung, die jungen Menschen in der Ukraine zeigt: Ihr seid nicht allein.

Karina Beigelzimer

Im Juli trafen sich zahlreiche Tandempartner persönlich in Ulm

Im Juli trafen sich zahlreiche Tandempartner persönlich in Ulm