Faszination Bessarabien
Fotos: Dr. Artur Schaible, Walter Fieß
Kelm-Reise im August 2008
Eine große Gruppe: 142 Reiseteilnehmer (plus 12 Teilnehmer an der integrierten 8-tägigen Flugreise) bei der 14-tägigen kombinierten Flug- und Schiffsreise vom 2. – 17. August 2008 nach Bessarabien und zurück auf der Donau bis Passau. Selbst aus Australien, Kanada und den USA war ihnen die Anreise nicht zu weit. Warum immer wieder nach Bessarabien? Warum in Gebiete, die deutlich unter den touristischen Standards liegen, die wir im Allgemeinen gewohnt sind?
Viele beteiligten sich zum ersten Mal, manche vor allem wegen der Donaureise, aber viele auch bereits zum mehrfach wiederholten Mal an der Reise in die ehemalige Heimat. Ein beachtlicher Anteil noch aus der Erlebnis-, zumindest aber noch aus der „Placht“-generation. Die Älteste mit 91, aber auch ein paar Jugendliche. Was bewegte sie zu dieser – was die langen Bus- und Autofahrten auf teils miserablen Straßen betrifft - doch recht anstrengenden Reise? – Die Suche nach den Wurzeln, das Verstehen der Erinnerungswelt der Eltern und Großeltern, die Auseinandersetzung mit der persönlichen Familiengeschichte, das waren wohl wichtige Motive. Auffallend war, dass ganze Familien oder Verwandtengruppen gemeinsam die Reise angetreten hatten. Toll für die informationshungrigen Jüngeren, dass sich auch eine ganze Reihe von inzwischen betagten Zeitzeugen noch auf die Strapazen der Reise eingelassen haben. Für den Besuch der Heimatdörfer stellte dieses grüppchenweise Auftreten eine große organisatorische Herausforderung dar, die Organisator Valery kompetent bewältigte. Viele gleichartige Reisen wurden bereits durchgeführt, und die große Teilnehmerzahl spricht für ein gelungenes Konzept. Der Reiseverlauf wurde in den Mitteilungsblättern vielfach geschildert, viele Leserinnen und Leser kennen ihn auch aufgrund persönlicher Teilnahme. In einem Liedvortrag mit einer Kasatschok-Melodie fasste Reiseteilnehmer Heinz Fieß die Höhepunkte in Bessarabien am letzten Tag im Hotel in Sergejewka folgendermaßen zusammen:
Bessarabien – das war uns´re Heimat,
Land der Väter – haben wir mit Kelms bereist.
Heimatdörfer, verschlafen in der Steppe,
Sarataer Kirche, die „Dom in der Steppe“ heißt.
Stolze Kirche inmitten des Dorfes,
die als Symbol auf die Frömmigkeit verweist.
Lichtental mit stattlicher Ruine,
Friedenstal, wo Erinn´rung im Museum lebt und wo Frauen in schönen Trachten singen
ukrainische Lieder, dass manches Herz vor Freud´ erbebt,
und wo warm unter tiefblauem Himmel
über prachtvollen Blumen ein tiefer Friede schwebt.
Tags darauf geht´s in die deutschen Dörfer:
Kulm, Arzis und viele and´re Orte mehr.
Vieles hat sich mit Jahren verändert.
Manchem, der dort war, dem ward das Herze gramvoll schwer.
S´Elternhaus war oft nicht mehr zu finden,
diese Gewissheit enttäuschte Manchen sehr.
Vilkovo war auch ein´s uns´rer Ziele,
bärt´ge Bewohner mit großer Gläubigkeit –
mitten drin im grünen Schilf des Donaudeltas,
kärgliches Leben in Armut und mit Leid.
Lippowaner, mit Stegen und Kanälen,
Uhren gibt´s nicht und stille steht die Zeit.
Akkerman mit seiner stolzen Festung,
Bad Burnas und auch Schabo war´n ein Ziel.
Abends Chorkonzert und prachtvolle Folklore,
ukrain´sche Kultur, ja die bedeutet uns viel.
Auch Odessa mit prächtigen Gebäuden,
Ismail – Passau durch das Donauknie ....
Die darauf folgende komfortable Schiffsreise war nicht nur eine beeindruckende touristische Veranstaltung mit Besuchen der Hauptstädte entlang der Donau und erholsamen und aussichtsreichen Aufenthalten auf dem Sonnendeck. Auf den Spuren der Umsiedler (Sie waren 1940 mit Donauschiffen z.B. auch von Ismail nach Prahovo oder Semlin gebracht worden, wo es dann mit der Bahn weiterging.) weckte sie immer wieder Erinnerungen, auch wenn sichtbare Hinweise auf den damaligen logistischen Aufwand des NS-Regimes nicht mehr vorzufinden sind.
Die Schiffsreise wurde bereichert durch viele Informationen unseres Bessarabienkenners und Ehrenbundesvorsitzenden Dr. h.c. Edwin Kelm sowie durch viele Möglichkeiten, über die in Bessarabien gesammelten Eindrücke und Erinnerungen zu berichten. So waren die einen enttäuscht von der Armseligkeit der meisten Ansiedlungen, andere begeistert von der Gastfreundschaft der Bewohner und der unerwarteten Vielfalt der Landschaft vor allem in Moldawien. Ein besonderes Erlebnis selbst für die Ukrainer: Hunderte von Störchen auf Bäumen und Strommasten am Straßenrand bei der Rückfahrt vom Donaudelta nach Sergejewka.
Mit großem und dankbarem Interesse aufgenommen wurde auch ein vom Verfasser dieses Berichts erarbeiteter und im Panorama-Salon der „Amadeus Classic“ präsentierter Power-Point-Vortrag, in dem er unter dem Titel „Der Kreis hat sich geschlossen“ ausführlich über die Auswanderung, das Leben in Bessarabien als Teil Russlands, die Zeit in Rumänien, die Umsiedlung, die Ansiedlung in Polen, die Flucht und den Neuanfang in Deutschland referierte.
Überzeugtes Resümee am Schluss: Die gesamte Reise war sehr beeindruckend, auch emotional bewegend und auf alle Fälle sehr lohnend für alle, die sich auf die Faszination Bessarabien eingelassen haben. Auch wenn es im Hinblick auf die Unterbringung in den beiden Hotelanlagen in Sergejewka und auf das Ausflugsprogramm vor allem in Wien noch Abstriche zu vermerken gab. Beeindruckend auch das trotz der großen Teilnehmerzahl bald vorhandene vertraute Gemeinschaftsgefühl, das neben den gleichartigen Erlebnissen auch durch die von verschiedenen Personen gestalteten Morgenandachten und das gemeinsame Singen gefördert wurde.
In einer überwältigenden Spendenbereitschaft der Reiseteilnehmer (1400 Euro für die baptistische Kirche in Akkerman, 700 Euro für die Heizung in der Sarataer Kirche, 760 Euro für die Folkloregruppe und 550 Euro für das Edwin-Kelm-Museum in Friedenstal) kam deren Dankbarkeit zum Ausdruck.
Es bleibt zu wünschen, dass Dr. Kelm, der übrigens während des Bessarabienaufenthaltes im Hotel in Sergejewka seinen Geburtstag mit uns feiern konnte, zusammen mit seiner Frau Olga und seinem treuen Organisator und Helfer Valery noch lange die bewundernswerte Kraft und Energie hat, solche Reisen durchzuführen.
In ganzer Schönheit: auf der Donau
Dr. Artur Schaible, Walter Fieß