Mit dem Rad auf dem Fluchtweg der Familie Schreiber
Lothar Schwandt
Zu den Hinterlassenschaften meiner aus Mariewka stammenden Mutter Emma Schwandt geb. Schreiber (1926-2025) gehört eine Postkarte, auf die sie wohl unmittelbar nach dem Ende ihrer Flucht aus Westpreußen die Stationen ihres Fluchtweges aufgeschrieben hatte, sorgsam verwahrt. Diese Flucht gehörte zu den prägenden Jahren ihres Lebens, wie sie viel später ihrem Lebenslauf anvertraute. Im Wissen darüber ließ es mich nicht ruhen, diese Fluchtstrecke einmal selbst zu befahren, allein um mir die ungeheure Entfernung und die damit verbundenen Strapazen deutlich zu machen, aber auch um mitfühlen zu können, was es hieß, völlig ins Ungewisse loszufahren, ohne Zukunftsperspektive und dabei ständig die Angst vor der vorrückenden Roten Armee im Nacken.
Ehemaliger Gutshof meines Großvaters Johannes Schreiber in Skórcz (Großwollental), inzwischen stillgelegt
Lothar Schwandt
Ermutigt wurde ich von Ulrich Derwenskus, der fast dieselbe Route von Kleinwollental im Kreis Preußisch Stargard in Westpreußen bereits im August 2011 mit dem Fahrrad gewählt hat und darüber im Mitteilungsblatt von Januar 2012 berichtet hatte. Der Hof meiner Großeltern Johannes und Christine Schreiber, Ende 1941 bezogen, lag nur wenige Kilometer östlich in der heutigen Gemeinde Skórcz, damals Kolonie Großwollental. Vorboten einer Flucht waren das ständige Näherrücken der Ostfront, seit Herbst 1944 zwei litauische Frauen als Flüchtlinge auf dem Hof und dann „im Januar 1945 bei Eiseskälte der große Flüchtlingsstrom, auch unser Gut war überfüllt, dazu kam noch Militär. In weiser Voraussicht hatte Papa einen sehr guten Planwagen vorbereitet. Unsere polnischen Arbeiter ahnten davon; jedoch die Bauern und ihre Angestellten durften nicht weg. Als aber gegen Mitte Februar 1945 Kanonenschüsse zu hören waren, gab es kein Halten mehr. Einer der einquartierten Feldwebel schlug uns vor, uns mitzunehmen bis nach Bütow in Pommern. So waren meine Mutter, mein Bruder Albert und ich bereit, mit einem Koffer und Lebensmitteln vorauszufahren, obwohl die Familientrennung ein hohes Risiko war. Am späten Abend kam dann erst, nach einer ernsten Verhandlung mit dem Ortsbauernführer, die Erlaubnis für den Treck. So zog Vater mit zwei Wagen und fünf Pferden am 16. Februar im Treck los, doch auf der Strecke kam ein Drama nach dem anderen. Anderntags war unterwegs in einer Waldgegend ein russischer Tieffliegerangriff, bei dem an Papas Wagen zwei Pferde verendeten, so fuhr er und der mitfahrende italienische Fremdarbeiter mit drei Pferden, die beiden Wagen aneinandergehängt, weiter Richtung Bütow.“
Ehemaliger evangelischer Friedhof bei Skórcz, Gräber von Bessarabiendeutschen waren dort nicht mehr auffindbar
Lothar Schwandt
Ausgangsort meiner Radfahrt vom 22.-29. Mai 2026 war Tczew (Dirschau), der vorletzten Station des EC von Prag nach Danzig, wo ich die im Krieg zerstörte und wieder aufgebaute großartige Weichselbrücke aufsuchte, den Marktplatz und die gotische Stadtkirche und die Freiluftausstellung der Persönlichkeiten dieser Stadt. Zunächst folgte ich dem schönen Radweg entlang der Weichsel bis Pelplin mit der großartigen Bischofskirche, stets umgeben von blühenden Rapsfeldern und weiten Weideflächen. Der großväterlich bewirtschaftete Gutshof ist inzwischen stillgelegt, nur noch ausrangierte Landmaschinen und leere Ställe sind zu sehen, die Besitzerin reagierte unwirsch auf mein Kommen. Ganz anders ihre Nichte im Haus schräg gegenüber, mit der ich mich über den Beweggrund für meine Radtour auf Englisch austauschte.
Google maps informierte mich, dass es bei Skórcz – wie an vielen Orten in Westpreußen – noch einen ehemaligen evangelischen Friedhof gibt, den ich auch aufsuchte, ähnlich wie auf der Fahrt schon einen mennonitischen. Noch sind hier Grabsteine vorhanden, teilweise versunken und längst überwuchert von Sträuchern und Immergrün, eine fast unwirkliche Idylle. Bis Zblewo (dt. Hochstüblau) ging es auf der B 214 weiter, immer am Rand der Tucheler Heide fahrend, nunmehr mit Blicken auf die nacheiszeitlichen Seen, die ehemaligen Abflussrinnen des Inlandeises. Nebenbei interessant: die Reste der im Krieg aufgegebenen Projekte der polnischen Autobahn Warschau-Gdingen und der Reichsautobahn Berlin-Königsberg, hinzu kommen die ehemaligen Kleinbahntrassen mit ihren Straßendurchlässen, die teilweise heute als Radwege dienen.
Viele Seen ziehen sich entlang der Tucheler Heide, heute naturnah eingebettet in Landschaftsparks
Lothar Schwandt
Bytów lohnt einen längeren Halt, durch die Ordensburg mit dem westkaschubischen Museum, die Bürgerhäuser der Gründerzeit und den Kirchen, dazu die mächtige Eisenbahn-Bogenbrücke und den schönen Marktplatz. – Ganz anders bei der Flucht: „Mein Bruder Albert, 14 Jahr, machte sich auf und stellte sich am Stadteingang an die Straße, hoffte und meinte, hier den Vater zu treffen. – Die Straße war aber voller Militär und nur wenige Trecks durften dort passieren. Er lotste dann aber doch den Vater zu dem Haus hin, wo wir Unterkunft fanden. So erlebten wir die Führung und Bewahrung Gottes. Bei allem Elend hatten wir Gnade und Barmherzigkeit erfahren. – Nun war die Front praktisch hinter uns, aber an eine Ruhepause war gar nicht zu denken. Schon am frühen Morgen bombardierten feindliche Flieger die Stadt Bütow. Es war mein erster Fliegerangriff. Vater kaufte in aller Eile ein von der Wehrmacht zurückgelassenes abgemagertes älteres Pferd, und so zogen wir wieder mit vier Pferden und zwei Wagen weiter. – Zivilisten, Soldaten sowie umgekommene Tiere lagen auf der Straße und wir mussten durch.“
Häuserzeile in Bytów, errichtet in der Gründerzeit um 1885, unverändert erhalten und restauriert
Lothar Schwandt
Eine Abweichung von der Fluchtroute erlaubte ich mir doch: Anstatt der B 209 zu folgen, fuhr ich ein gutes Stück auf dem sehr naturnahen Radweg „Durch das grüne Herz von Pommern“ im Stolpetal-Landschaftspark, vorbei an Wasserkraftwerken, Seen und ehemaligen Herrenhäusern, den schönsten Teil fand ich zwischen Goscino (Groß Jestin) und Rzesznikówo (Reselkow), einem weiteren Übernachtungsort. – Wie man in diesem damals wenig erschlossenen Hinterpommern sicher vorankommen konnte, ist mir nachgerade ein Rätsel, auch wenn meine Mutter schrieb: „Von meiner Familie war ich bestimmt, um immer ‚gut Wetter‘, sprich: einigermaßen Quartier zu machen. So kam Mama und ich oft in den Häusern oder Küchen, auf Sofas, Stühlen oder auch auf dem Fußboden unter. – Ganz wichtig war es uns und der uns begleitenden Familie Steiner, über die Oder zu kommen, denn dort war nochmals ein Brennpunkt.“ Rückblickend eine unglaubliche Strapaze, wenn sie schreibt: „Unsere tapferen Pferde trabten fleißig und wir legten täglich ca. 35-40 km zurück“ – auch dank des Hafervorrates, für den Vater Johannes Schreiber gesorgt hatte.
Meine Fahrtstrecken mit dem Pedelec betrugen täglich etwa 85-95 km, einige Irrfahrten und Stopps verlängerten manchmal das Tagespensum. Nicht immer einfach: die richtige Strecke auf den autobahnähnlich ausgebauten Bundesstraßen zu finden: manchmal fehlen Rad-Wegweiser, manchmal gibt es nur Radfahrspuren statt parallelen Radwegen oder die Oberflächenbeschaffenheit ändert sich plötzlich – am unangenehmsten ist Natursteinpflaster. Aber es geht zügig voran – über Koszalin (Köslin), Karlino, Gryfice (Greifenberg) und Kamien (Kammin) zur Ostsee. Die Quartiere waren mithilfe von Tourismus-Broschüren und den Smartphone-Apps schnell gefunden und nahmen mich als Solo-Radfahrer bereitwillig auf, ob in Rzesznikowo (Reselkow), bei Slawno (Schlawe) oder im Seebad Miedzysdroje (Misdoj) auf Wollin. Ein üppiges Frühstück und sehr gutes Abendessen sind in Polen ohnehin selbstverständlich.
„So kam auch der Flüchtlingstreck über die Halbinsel Wollin, über Dämme und Brücken bei Swinemünde dann doch noch rechtzeitig über die Oder. Es war der 3. März 1945“ schreibt die Mutter. „Am 11. März überschritt man nach tage- und nächtelangem Warten auf den verstopften Straßen den Fluss Swine. Bereits am Mittag des folgenden Tages wurde die Stadt von der US Air Force bombardiert und zum größten Teil zerstört. Es sollen dabei bis zu 23.000 Personen den Tod gefunden haben“, schreibt Ulrich Derwenskus.
Am 28. Mai 2026 erlebte ich in Swinemünde eine Hundertschaft von Radfahrern, die sich mit der Fähre offensichtlich auf die Fahrt entlang des Ostsee-Küstenradwegs machten. Demgegenüber hatte ich als Einzelradler weder in Pomerellen, noch in Kaschubien und Hinterpommern Begegnungen mit anderen Radlern.
Der weitere Fluchtweg meiner Großeltern führte wie bei den „Katzbacher“ Flüchtlingen, deren Treck Derwenskus beschrieben hat, über Anklam, Demmin, Güstrow, Parchim, Ludwigslust, Grabow nach Wittenberge. In Niedersachsen wurden die Trecks aufgeteilt. „In Uelzen blieben schon viele Leute, das Endziel war schließlich Hanstedt in der Nordheide. In der Abenddämmerung kam uns von weitem das Städtchen und die Gegend so vertraut vor und wir meinten einmütig, können wir doch hier bleiben. Es war am 18. März 1945 an Palmsonntag“, schreibt die Mutter.
Drei Nachträge:
Meine Radfahrt endete nach einer Woche bereits in Anklam und von dort mit der Bahn ging es zurück nach Süddeutschland. Ob ich den restlichen Fluchtweg mit dem Rad noch zurücklege, weiß ich nicht, doch ist er mir eher vertraut.
Eine Reise durch die ehem. Ostgebiete verlangt immer auch die Auseinandersetzung mit der tragisch verlaufenen Geschichte zwischen Deutschland und Polen. Man muss sich ihr aber stellen, alles andere wäre Geschichtsverleugnung. Eine unvermutete und herzliche Begegnung hatte ich an der Stadtkirche in Usedom: Hier traf ich eine Lehrerin aus Ratibor, die sich heute wie ich in früheren Jahren auch für den deutsch-polnischen Schüleraustausch einsetzt. Sie war ebenso neugierig auf das, was sie diesseits der Oder mit dem Rad erlebt wie ich umgekehrt.
Eine ausgezeichnete Hilfe bei der Fahrt durch Pommern, Westpreußen und die Neumark sind die Landkarten „Blochplan“ von Dirk Bloch, zu erhalten über jede Buchhandlung. Im Maßstab 1:100.000 sind sie ideal für lokale Erkundungen und geben gleichzeitig die Straßenbeschaffenheit genau wieder. Zudem sind sie im Bereich der Kaschubei dreisprachig, ansonsten zweisprachig, was besonders das Wiederfinden der ehem. deutschen Orte und Sehenswürdigkeiten sehr erleichtert.