Der Titel kommt woher?
Bessarabien-Logo
Bessarabien­deutscher
Verein e.V.
Dobrudscha-Logo

Von Bessarabien über Deutschland bis nach Israel

Martha Betz · 26. August 2021
Hantscheschti
Hantscheschti

Der Artikel „Jiddische Spuren in Bessarabien“ von Arnulf Baumann in der Juni-Ausgabe hat mich ermutigt, diesbezüglich auch über meine Erlebnisse zu schreiben. Nun gehöre ich als Nachkriegskind nicht zur „Erlebnisgeneration“, doch die Spuren dieser Geschichte haben mich geprägt und meine Entscheidungen an Wegkreuzungen meines Lebens in bestimmte Richtungen gelenkt. Der Bogen meiner Geschichte spannt sich von Bessarabien über Deutschland bis nach Israel.

Meine Oma Leontine zog mit ihrer Familie 1921 von Beresina nach Hantscheschti [Hînceşti] in der Nähe von Kischinew [Chişinău]. Hantscheschti war ein Marktflecken mit über 6000 Einwohnern, darunter lebten zeitweise 153 bis 188 Deutsche. Ein Viertel der Stadtbevölkerung waren Juden.

In Hantscheschti lebte meine Oma in direkter Nachbarschaft mit Juden, die hauptsächlich jiddisch sprachen. Ihre zwei ältesten Töchter waren Hausangestellte bei jüdischen Familien in Kischinew und Hantscheschti. Es gab auch einen jüdischen Kaufmann, bei dem meine Oma öfter einkaufte, der Lachmann hieß. Mein Vater konnte schon als Kind sehr gut Kopfrechnen und Kaufmann Lachmann staunte immer wieder, dass der kleine Knirps schneller war als die Rechenmaschine. Immer wieder stellte er meinen Vater auf die „Rechen-Probe“. Lachmann mochte meinen Vater und mein Vater liebte Lachmanns Humor.

Meine Oma und ich

Meine Oma und ich

Als meine Oma sich Anfang der 60er Jahre ein Radiogerät kaufte, hörte sie unter anderem einen Pariser Sender, der in Jiddischer Sprache gesendet wurde. Magisch angezogen saß ich zu Omas Füßen und lauschte dieser Sprache und den melancholischen Klängen der Lieder. Ich lernte von Oma, dass Jiddisch eine Mischung aus hebräischen, slawischen und vielen schwäbischen Elementen ist. Meine Oma hatte eine große Sehnsucht. Da sie eine sehr gläubige Frau war, wollte sie gerne nach Israel, um dort auf Jesu Spuren zu wandeln. Aber sie fühlte sich einfach zu alt für diese Reise. Sie starb nach dreijähriger Krankheit als ich 17 Jahre alt war.

Omas Traum wurde mein Traum. Eineinhalb Jahre nach ihrem Tod erfuhr ich von „Aktion Sühnezeichen“, einer Organisation, die deutschen Jugendlichen ermöglichte, im Rahmen einer Wiedergutmachung unentgeltlich auf einem Kibbuz tätig zu sein. So kam ich nach Israel und arbeitete auf einem Kibbuz. Dort begegnete mir neben der hebräischen auch die jiddische Sprache, die vor allem von älteren Personen untereinander gesprochen wurde. Ich verstand fast alles was sie sagten.

Im Kibbuz wohnte ich mit ca. 30 Deutschen zusammen, die nach Geschlechtern getrennt in zwei Häusern lebten. Wir arbeiteten in verschiedenen Arbeitsbereichen, von der Küche, über Bäckerei, Kinderhaus, Töpferei und Landwirtschaft, bei der Ernte oder beim Bewässerungsleitungen verlegen. Unter den Deutschen waren interessante Menschen, unter anderem eine junge Dame, die später Bundesministerin für Bildung und Forschung war. Auch ein Künstler fiel mir auf, der in der Jerusalemer Kunstgalerie seine Bilder ausstellte und über den die „Jerusalem Post“ umfangreich berichtete. Nach dem Kibbuz-Einsatz blieb ich mit ihm in Briefkontakt. Den jungen Mann zog es kurz darauf wieder nach Israel. Er hatte eine Anstellung in einem Architekturbüro als Modelbauer bekommen und wollte in Israel bleiben. Doch dann kam der JomKippur-Krieg im Oktober 1973. In einer dramatischen Aktion mussten alle Deutsche das Land verlassen, ohne Gepäck und in Begleitung von Jagdbombern.

Mein Ehemann und ich

Mein Ehemann und ich

Nach seiner Rückkehr verlobten wir uns und heirateten eineinhalb Jahre später. Unsere Hochzeitreise führte uns nach Israel. Inzwischen sind wir 46 Jahre verheiratet.

In all den Jahren wollte ich Israel wieder besuchen. Im Mai 2014 konnte ich mit meiner Freundin die langersehnte Reise nach Israel unternehmen. Drei Monate später war ich mit einer kleinen Delegation von Mitarbeitern des Bessarabiendeutschen Vereins in Bessarabien zur 200-Jahr-Feier von Tarutino. Der Flug ging von Frankfurt über Kiew nach Kischinew [Chişinău]. Auf dem kurzen Flug von Kiew nach Kischinew saß ich Mein Ehemann und ich eingeklemmt zwischen einer russischen Zeitung und einer englischen Zeitschrift.

Da ich etwas von der Landschaft unter mir sehen wollte, versuchte ich über die englische Zeitschrift hinweg aus dem Fenster zu schauen. Die Dame hinter der Zeitschrift sprach mich auf Russisch an. Ich antwortete ihr auf Englisch, dass ich Deutsche sei und kein Russisch könne. So kamen wir ins Gespräch. Sie erzählte mir, dass sie in St. Petersburg geboren sei und in Tel Aviv lebe. Ihr Name war Olga. Sie sei Jüdin und Lehrerin für Geschichte und Jüdische Tradition. Olga wurde von einer israelischen Organisation geschickt, um in einer Kischinewer Schule jüdische Kinder mit der jüdischen Tradition und Geschichte bekanntzumachen. Ich erzählte ihr, dass ich Israel kenne, dort in jungen Jahren gearbeitet habe und erst vor kurzem wieder dort war. Wir kamen auch auf den Holocaust zu sprechen. Sie wollte wissen, ob meine Generation in der Schule darüber unterrichtet worden war.

Ich erzählte ihr, dass wir davon erfahren hätten, und dass mein Prüfungsreferat in Geschichte genau dieses Thema beinhaltet hatte. So verging die Flugzeit wie im Nu. Nach der Landung umarmte sie mich herzlich und bedankte sich für das Gespräch. Gerne wäre ich mit Olga in Kontakt geblieben. Leider haben wir im Eifer des Gefechts keine Kontaktdaten ausgetauscht. Doch wer weiß, vielleicht begegnen wir uns wieder?!

(aus dem Mitteilungsblatt 08-21)